Wie sicher viele schon mitbekommen haben, mussten weltweit alle Freiwilligen des weltwärts-Dienstes zurückreisen und ihren Dienst auf Grund der Coronakrise abbrechen. 

Abschied nehmen & weggehen

Mitte März wurde vom BMZ entschieden, dass alle Freiwilligen zurückkommen müssen. Am Tag bevor die Entscheidung getroffen wurde, hatte Ecuador allerdings schon alle Außengrenzen und Flughäfen geschlossen. Die Frage war also: „Können wir Ecuador überhaupt verlassen?“ Es war dann tatsächlich ziemlich schwierig, überhaupt einen Flug zu bekommen. Nach etwas längerem Hin und Her hatte ich einen Flug für den 23.03.2020. Bis dahin konnte ich noch ca. eine Woche mit meiner Gastfamilie verbringen, allerdings befanden wir uns in Ecuador auch unter starken Beschränkungen und daher verbrachten wir die Zeit unter uns – ganz ungewohnt ohne Besucher.

Die Tage habe ich unter anderem damit verbracht über das Grundstück meiner Gastfamilie zu spazieren, wie hier mit Leonidas (der Hund meiner Familie)

Ich hatte leider nicht die Möglichkeit, von allen Menschen, die mein Freiwilligenjahr geprägt haben, Abschied zu nehmen. Deshalb fühlt sich dieses Ende auch so abrupt an und die Erfahrung wirkt unvollständig. Besonders traurig für mich ist die Tatsache, dass ich mich nie von den Menschen von meinem Projekt verabschieden konnte. Zwar hatte ich zum Glück noch die Möglichkeit, mit meiner Chefin Maura persönlich zu sprechen, die Fundación hatte allerdings wegen Corona schon geschlossen. Deshalb konnte ich mich von den Kindern, mit denen ich zuvor täglich gespielt, gebastelt, gelernt und gelacht hatte, nicht verabschieden, genauso wie von den anderen Beneficiarios.

Meine Mitfreiwillige Johanna war schon ein paar Tage früher abgereist und so hatte der gemeinsame Abschied von der Gastfamilie schon vor meiner eigentlichen Abreise statt gefunden. Der Abschied von meiner Gastfamilie fiel uns allen sehr schwer. Uns allen fehlten die Worte und es flossen einige Tränen.

An Johannas letztem Abend in Ecuador haben wir gemeinsam Pizza gebacken

Ein neuer Kulturschock

Hier in Deutschland war auf einmal alles so anders. Ich kam in keinen geregelten Alltag zurück, sondern in eine neue, surreal wirkende Situation. Eine Realität, die für alle meine Mitmenschen genauso befremdlich war, wie für mich, genauso verunsichernd und ungewohnt. In Deutschland sprossen grade die ersten Blätter bei meiner Rückkehr. Trotzdem wirkte alles grau und kalt. In Quero war es immer gleich grün gewesen, egal in welchem Monat. Wie kehrt man in ein gewohntes Leben zurück, wenn auf einmal alles so ungewohnt scheint?

Im Bett deckte ich mich auf einmal mit einer ganz leichten Decke zu, statt 5 Bettdecken zu stapeln. Das Haus war beheizt und es gab auch mal Gerichte ohne Reis. Aber auf einmal bemerkte ich auch meinen eigenen Luxus. Ein Schrank gefüllt mit Klamotten wartete auf mich, obwohl ich doch auch mit den wenigen Sachen in Ecuador zurechtgekommen war. Eine Gesellschaft empfing mich, in der alle auf ihr eigenes Wohl bedacht waren: Klopapier, Desinfektionsmittel und Hefe

Gepaart mit der Tatsache, dass ich keinen geregelten Alltag hatte, fühlte ich mich entgleist. Ich trudelte durch den ersten Monat – ohne Ziel, ohne Struktur.

Was jetzt?

Wie geht es den Menschen in Ecuador in der Coronakrise? Eine Frage, die mich relativ häufig erreicht. Selbst in den deutschen Medien wurde über die dramatischen Auswirkungen von Covid 19 in Ecuador berichtet. Das gesamte Land befindet sich seit Ende März im Lockdown. Die medizinische Versorgung gestaltet sich schwierig, es herrscht überall Materialmangel, es gibt kaum Testmöglichkeiten. Zum Glück ist Quero, meine ecuadorianische Heimat, weit entfernt von den beiden Epizentren Quito und Guayaquil, allerdings war die Lage dort zwischendurch auch sehr bedenklich. Langsam treten Lockerungsmaßnahmen ein, nach 5 Monaten Lockdown.

6 Wochen nach meiner Heimreise erreichte mich die schreckliche Nachricht meiner Chefin, dass einige Beneficiarios keine Lebensgrundlage mehr haben. Die Fundación Una Luz En Tu Vida unterstützt schon außerhalb der Krise viele arme Familien, und diese Familien sind natürlich besonders hart getroffen von der Coronakrise. Durch die Ausgangssperre konnten viele nicht mehr arbeiten gehen und haben so ihr Einkommen verloren. Maura berichtete davon, dass es bei vielen Familien nun nicht einmal mehr für das Nötigste reiche. Der Gedanke, dass die Beneficiarios, die ich in den vergangenen 7 Monaten so in mein Herz geschlossen hatte, nun unter Hunger leiden mussten, während es mir in Deutschland an nichts mangelte, war für mich nur schwer zu ertragen.

Um die Fundación und die Beneficiarios zu unterstützen, habe ich daraufhin von Deutschland aus ein Fundraisingprojekt gestartet. Hier stand die Einführung der Maskenpflicht unmittelbar bevor und ich habe mich daher dazu entschieden, Masken zu nähen und dann auf Spendenbasis zu verkaufen. Es war sehr berührend zu sehen, wie viele Menschen bereit waren, das Projekt zu unterstützen. Ich konnte so insgesamt sagenhafte 2000€ für mein Projekt in Ecuador sammeln. Ein großer Teil des Geldes wurde bereits genutzt, um die Fundación über Wasser zu halten und die bedürftigen Familien zu unterstützen. Den Rest des Geldes habe ich gerade überwiesen.

unsere Masken

Ich möchte mich ganz herzlich bei allen bedanken, die das Projekt unterstützt haben. Danke an jede Person, die Masken gekauft hat. Danke an jeden, der einfach nur so gespendet hat. Danke an jeden, der Werbung für uns gemacht hat. Danke auch an Belen, meine ecuadorianische Koordinatorin, für die Beratung und die Hilfe bei dem Besorgen und Verteilen der Lebensmittel vor Ort. Ganz besonders möchte ich mich auch bei meiner Oma sowie meiner Freundin Anne für die Unterstützung beim Nähen bedanken. Das war eine riesige Hilfe, über die ich mich sehr gefreut habe! Der größte Dank gilt aber meiner Schwester Leonie. Sie hat mir von Anfang an bei dem ganzen Projekt geholfen. Sie hat genauso viel Zeit investiert, um Masken zu nähen, Werbung zu machen, etc. wie ich. Ohne Leonie hätte ich diesen hohen Betrag niemals erreichen können. Deshalb danke!

Dies sind die Versorgungspakete, mit denen Maura die Beneficiarios unterstützen konnte.

Maura bei dem Verteilen der Pakete

Ein Blick in die Zukunft

Ich möchte mich auch bei allen Freunden und Bekannten bedanken, für das Mitverfolgen meines Blogs, für die Anteilnahme an meinen Erlebnissen, das Mitfiebern bei meiner Rückreise und die vielen persönlichen Worte und Grüße, die mich in meiner Zeit in Ecuador erreicht haben. Es war schön zu wissen, eine Basis in Deutschland zu haben. Die guten Wünsche, besonders zu meinem Beinbruch, haben mich sehr aufgemuntert. Dieses Kapitel ist jetzt aber hoffentlich abgeschlossen; Mitte Mai wurde mein Metall entfernt und nun bin ich im Endspurt auf dem Weg zur Besserung. Dies wird mein letzter Beitrag zu meinem Blog sein. Ich habe ihn immer sehr gerne geführt. Deshalb fiel es mir auch sehr schwer, diesen letzten Text zu schreiben.

Ich werde zum Wintersemester anfangen, Psychologie in Tübingen zu studieren. Das Kapitel Ecuador hat sich leider frühzeitig geschlossen, ich plane aber fest, eines Tages – wenn Reisen nicht mehr so stark eingeschränkt ist – dieses wunderschöne Land und (natürlich) meine Gastfamilie noch einmal zu besuchen.

Danke, dass ihr mich auf meiner Reise begleitet habt und natürlich auch danke an meine Organisationen ODI und FIIDES – für die Unterstützung. Ich möchte mich bedanken, dass sie mir dieses unvergessliche Abenteuer ermöglicht haben! Danke auch an meine Freunde und Familie, die mir immer zur Seite standen, ganz besonders meine Eltern. Ohne euch, hätte ich mich vermutlich nicht getraut, diesen Schritt zu machen.

Hasta luego!

Eure Greta


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