Alte und neue Erfahrungen

Jetzt bin ich bin ich schon einen Monat in Ecuador. Es gibt viel zu erzählen.

Am Dienstag, dem 27.08.2019, ging es ganz früh um 03:00 morgens auf zum Flughafen nach Düsseldorf und von da aus dann mit einem kurzen Zwischenstopp in Amsterdam nach Quito. Ich hatte kaum geschlafen, weil ich so aufgeregt war. Mein Abenteuer, auf das ich seit Monaten hingefiebert hatte, sollte jetzt endlich starten. Angekommen in Quito, konnten wir, insgesamt 16 Freiwillige aus Deutschland, uns einen ersten Eindruck von Ecuador machen, bevor wir dann auf unsere unterschiedlichen Einsatzorte bzw. Projekte verteilt werden würden. In einem zweitägigen Orientierungsseminar, organisiert von unserer empfangenden Organisation FIIDES, erhielten wir eine Einführung in die ecuadorianische Kultur und viele nützliche Hinweise zur Sicherheit. Kathrin, eine Freiwillige vom letzten Jahrgang, die hier noch ihre letzten Tage verbrachte, konnte uns dabei besonders viele wertvolle Insider-Tipps geben.

angekommen in Quito

Anschließend ging es für mich und 7 weitere Freiwillige weiter nach Ambato. Dort sollten wir endlich unsere Gastfamilien treffen. Natürlich war die Aufregung noch einmal groß. Werden wir klarkommen? Wie wird das Haus sein? Freuen sie sich genau so sehr auf uns wie wir uns auf sie? Fragen über Fragen.

Meine Gastfamilie hat mich und meine Mitfreiwillige Johanna dann in Ambato abgeholt. Die Familie, in der wir leben ist fünfköpfig: Margaritha (37); Oswaldo (39) mit ihren drei Kindern Paul (17); Andres (15) und Alejandra (13) und lebt in Quero, einem Dorf ca. 40 Minuten außerhalb von Ambato. Wir wohnen hier sehr ländlich auf einem Bauernhof mit Kartoffelanbau und vielen verschiedenen Tieren – Schweinen, Gänsen, Hühnern und auch vier Hunden, eine ganz neue Welt für mich. Johanna und ich teilen uns ein großes, sehr gemütliches Zimmer. Woran wir uns erst mal gewöhnen mussten, ist das Klima. In unserem Haus, einem Steinhaus, gibt es keine Heizung, nur einen Kamin im Wohnzimmer. Da es nachts sehr kalt ist, schlafe ich hier mit 6 Decken.

Die Gastfamilie ist ein echter Jackpot. Ich war von Anfang an super-glücklich bei ihnen und habe mich sehr schnell zuhause gefühlt. Die Familie bemüht sich intensiv, uns in ihr Familienleben zu integrieren, uns die ecuadorianische Kultur näher zu bringen und mit uns eine schöne Zeit zu erleben. Was mich wirklich beeindruckt, ist der starke Zusammenhalt innerhalb der Familie. Na klar kenne ich das auch von zu Hause, aber hier verbringt die Familie extrem viel Zeit gemeinsam. Oft ist dabei auch das Motto „Alle zusammen oder keiner“. So war die Eingewöhnung auch sehr unkompliziert und wir konnten uns schnell kennenlernen.

Unsere Gastfamilie

Johanna, meine Gastmutter und ich

In unserem Projekt „Una luz en tu vida“, einer Einrichtung für Behinderte, die sich auch in Quero befindet, sind wir übrigens die ersten Freiwilligen. Es hat sich schnell herausgestellt, dass Johanna und ich nicht nur die Freiwilligen unseres Projektes, sondern eigentlich die Freiwilligen des gesamten Dorfes sind. Zusätzlich zur Arbeit in unserer Einrichtung sind wir einmal in der Woche in Rumipamba, einer kleinen Gemeinde Queros, um dort mit Senioren zu arbeiten. Außerdem geben wir an drei Nachmittagen Englischunterricht für Kinder aus dem Dorf. Das gefällt mir sehr gut, da unsere Arbeit dadurch sehr abwechslungsreich ist, es genügend Aufgaben für uns gibt und man mit sehr vielen verschiedenen Menschen in Kontakt kommt.

Meine Mitfreiwillige Johanna (erste von links) zusammen mit Maura (dritte von links) und den Verantwortlichen des Projektes in Rumipamba.

In unserem Hauptprojekt „Una luz en tu vida“, arbeitet neben uns beiden Freiwilligen nur unsere Projektleiterin Maura. Ich finde es bewundernswert, wie sie bis jetzt die ganze Arbeit alleine stemmen konnte. Vormittags kommen Menschen mit Behinderung und erhalten hier ihre Therapien, für Kinder gibt es Unterricht. Nachmittags arbeitet Maura als Physiotherapeutin, um die gemeinnützige Arbeit des Projektes finanzieren zu können. Unsere Aufgabe besteht darin, sowohl beim Unterricht als auch bei der Therapie zu helfen.

Das Haus unserer Gastfamilie scheint immer ein Treffpunkt zu sein. Ob die Freunde meiner Gastgeschwister, die Freunde meiner Gasteltern, oder irgendwelche Verwandten, immer ist irgendjemand zu Besuch, immer ist etwas los. Ein Tag ohne Besuch bei uns im Haus ist wie ein Tag ohne Fleisch hier in Ecuador – fast unvorstellbar.

Ob bei langen Kartenspielabenden oder spontanem Salsatanzen im Wohnzimmer, gelacht wird hier viel und oft. Obwohl man sagt, dass Ironie in Ecuador nicht verstanden wird, habe ich das Gefühl, dass das auf meine Familie nicht zutrifft und unser Humor sehr gut zusammen passt. Schon in der ersten Woche saßen wir am Küchentisch mit unseren Gastgeschwistern und haben gelacht, bis uns die Bauchmuskeln wehtaten. Mittlerweile haben wir schon eine ganze Menge an Insiderwitzen gesammelt, wie zum Beispiel die neuen Wortschöpfungen, die wir manchmal aus Versehen kreieren oder etliche Kosenamen, die teilweise wenig Sinn ergeben, aber typisch für Ecuador sind (z.B „mi jardin“ – mein Garten).

Besonders schön finde ich es, wenn unsere Gastfamilie uns Wörter auf Quechua (der Sprache der indigenen Bevölkerung) beibringt. Meine Gastfamilie freut sich auch immer sehr, wenn man diese dann benutzt. Außerdem hat unsere Gastfamilie auch Interesse an unseren deutschen Gewohnheiten. So haben wir zum Beispiel schon einmal erfolgreich Marmorkuchen gebacken (in Ermangelung einer Kuchenform in einem Kochtopf) und für unsere Familie gekocht. Letzteres kam allerdings leider nicht so gut an, weil ohne Fleisch.

In unserer Freizeit verbringen wir sehr viel Zeit mit unserer Familie, spielen zusammen Karten, vor allem Cuarenta (ein ecuadorianisches Kartenspiel), gehen reiten oder spielen Fuß- oder Volleyball. Beim Fußballspielen ist mir leider auch ein Unglück passiert, besser gesagt vor dem Fußballspielen. Als wir am Freitag, dem 13. (ich bin eigentlich nicht abergläubisch, aber vielleicht sollte ich es sein) mit unseren Gastgeschwistern und Freunden zum Fußballstadion gefahren sind, wollte ich von einer Mauer springen, um ins Stadion zu gelangen und bin dabei unglücklich aufgekommen. Um es kurz zu fassen: Ich habe mir mein Wadenbein gebrochen, mein Schienbein ausgekugelt, mir zwei Fissuren im Schienbein zugezogen und meine Bänder gerissen. Wer mich kennt, dem kommt die Geschichte vielleicht bekannt vor. Während meines Auslandsaufenthaltes in der 10. Klasse in England habe ich mir schon einmal mein Wadenbein gebrochen. Damals war es allerdings das andere Bein.

Der Nachteil daran, auf dem Land zu leben: Ich musste fast eine Stunde auf den Krankenwagen warten. Mit dem Krankenwagen haben wir auch noch einmal 40-50 Minuten gebraucht, bis wir am Krankenhaus angekommen waren. Dort musste ich 2,5 Stunden auf das Röntgen warten und danach noch einmal eine Stunde auf den Traumatologen. Man merkt: Die öffentlichen Krankenhäuser in Ecuador sind stark unterbesetzt und unterfinanziert, daher gibt es auch für Notfälle lange Wartezeiten. Als dann feststand, dass ich eine OP brauchte, worauf ich im öffentlichen Krankenhaus 7 Tage hätte warten müssen, konnte meine Koordinatorin von FIIDES glücklicherweise einen Transfer in eine Privatklinik (Krankenhäuser für Menschen mit Versicherung, die öffentlichen Krankenhäuser sind kostenlos) organisieren. Dort ging alles super-schnell und am nächsten Tag wurde ich schon operiert. Mein Arzt ist offenbar eine lokale Berühmtheit und angeblich hat er schon alle Fußballer der Stadt behandelt. Generell habe ich bei der Krankenversorgung ein sehr gutes Gefühl und auch die Versicherung hat mich gut unterstützt. Die größte Unterstützung waren jedoch meine Gastfamilie, Belen von FIIDES und Johanna, die für mich alles geregelt hat, als ich es selbst nicht konnte.

Meine Gasteltern, Oswaldo und Margaritha mit Johanna und mir im Krankenhaus am Tag des Beinbruchs.

 

Leider habe ich noch einige Zeit auf Krücken vor mir. Es bedeutet für mich eine große Einschränkung, nicht mehr so mobil und immer auf Hilfe angewiesen zu sein, zum Beispiel muss ich jeden Tag von meinem Gastvater zum Projekt gefahren werden. Besonders schade finde ich es natürlich, dass ich jetzt erst einmal nicht dabei sein kann, wenn die anderen Freiwilligen Ecuador erkunden. Meine Familie umsorgt mich aber sehr gut und achtet darauf, dass ich trotz Krücken an fast allen Unternehmungen teilnehmen kann und im Projekt bin ich auch gut eingebunden.

Zum Glück ist meine Familie ja sehr gastfreundlich, denn an den Wochenenden hatte ich bis jetzt immer Ablenkung durch Besuch von anderen Freiwilligen. Danke an die Familie und an die Mitfreiwilligen! Besonders haben sich hier alle über den Besuch von Gesche gefreut, meiner großen, blonden Mitfreiwilligen, die nicht nur durch ihr für ecuadorianische Verhältnisse ungewöhnliches Aussehen, sondern auch durch ihre Fußballkünste beeindruckt hat.

Bis ich in ca. 5 Wochen wieder anfangen kann zu laufen, werde ich mich weiter darauf konzentrieren, mein Bein zu schonen, Cuarenta-Meisterin zu werden, meiner Gastfamilie die deutsche Kultur zu zeigen und natürlich meine Spanischkenntnisse zu verbessern. Letzteres läuft besser als erwartet: Ich kann mich schon sehr gut verständigen und fast alles verstehen, was gesagt wird.

Ich freue mich darauf, in 5 Wochen noch mehr von Ecuador entdecken zu können, wie bei diesem Foto, auf einer Wanderung in Banos.

Einerseits kann ich kaum glauben, wie schnell die ersten Wochen verflogen sind. Andererseits kommt es mir vor, als würde ich die Menschen hier schon viel länger kennen. Ich freue mich auf die Zeit, die noch vor mir liegt und die Erfahrungen, die mir bevorstehen.

hasta luego!


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