Hola amigos und willkommen zurück zu meinem zweiten Blogeintrag!

Die Zeit scheint zu rennen, denn jetzt bin ich schon sechs Wochen in Ecuador und habe beinahe jeden Tag davon sehr genossen. Nach mehr als einem Monat hat sich für mich zwar ein flexibler, aber im Großen und Ganzen verlässlicher Alltag herauskristallisiert, um den sich folgender Blogeintrag überwiegend drehen wird. Ich werde euch von dem Projekt „Ángeles En Cuatro Patas“ („Engel auf vier Beinen“) hier in Quito erzählen, von meinem Anteil daran und zum Schluss vom Umgang mit der aktuellen Ausnahmesituation im Land. Ich hoffe das Folgende wird für den ein oder anderen interessant sein und einen kleinen Einblick in das geben, was ich diese zehn Monate mein Zuhause nennen darf.

Die Weide mit den Pferden von „Ángeles En Cuatro Patas“

Sechs Uhr morgens. Da wache ich meistens auf, denn um die Uhrzeit steht meine Gastmutter Ebe auf, um die Pferde zu füttern und nach den Hunden zu sehen. Besagte sind dann auch der Grund, warum ich nicht mehr schlafen kann, denn zusammen mit den zwei Hofeseln Shrek und Fiona geben die 33 Hunde jeden Morgen ein großes Konzert im fortissimo forte. Seit ich hier bin, habe ich also auch noch nie einen Wecker benutzt. Nach dem Frühstück kommen um acht Uhr alle Menschen, die hier im Projekt arbeiten. Das wären unsere Haushaltshilfe, vier Reittherapeuten und Stallhelfer und teilweise kommen auch noch andere Freiwillige von außerhalb.

Zuerst werden ein paar Hunde ausgeführt und die Pferde auf die Koppel getrieben, die sich ca. 300m entfernt neben dem zum Hof gehörigen Waldstück befindet. Danach spaltet sich unsere Gruppe, denn ein Teil von uns verbringt den Vormittag oben im Wald, um die Therapie durchzuführen und Reitunterricht zu geben und der andere Teil bleibt unten auf dem Hof und kümmert sich darum, dass die Anlage sauber und instand bleibt. Unter uns vier Freiwilligen, die hier auf dem Hof wohnen, haben wir hierfür einen Plan ausgearbeitet, der einteilt, wer oben und wer unten mithilft. Das klappt bis jetzt auch sehr gut!

Im Zeitraum von halb eins bis eins werden die Pferde wieder in den Stall getrieben und anschließend wird zusammen Mittag gegessen, was man sehr entspannt und gemütlich angeht. Von zwei bis fünf Uhr nachmittags findet dann nochmal Therapie und Reitunterricht statt, wobei wir Freiwillige ab ca. halb vier frei haben. Wir haben uns aber dazu entschieden, Teile unseres Nachmittags dafür zu nutzen, uns mit den Pferden und den Hunden zu beschäftigen. So waren wir in den letzten zwei Wochen mit jeder der fünf Hundegruppen im „Parque Metropolitano“ spazieren, der wirklich schöne Seiten bietet, und haben angefangen, bestimmte Pferde zu trainieren, die nicht selbstverständlich jeden Tag durch Unterricht oder Therapie bewegt werden. Da wir alle vier Erfahrung mit Pferden und dem Reiten haben, bietet sich das gut an.

Einer der insgesamt drei Pferdeställe

Normalerweise ist der Hof um sechs Uhr abends leer, wenn die Pferde das letzte Mal gefüttert werden und alle Arbeiter nach Hause gehen. Unsere abendliche Zeit nutzen wir dann zum Essen, Filmeschauen, Kartenspielen oder für eine nette Plauschrunde. Auch waren wir beispielsweise viel in unserem Viertel Bellavista unterwegs, waren Volleyball spielen, Empanadas essen (traditionelle frittierte und gefüllte Teigtaschen mit Käse und Zucker) und in einem sehr gemütlichen Café in unserer Nähe.

Wenn ich am Vormittag auf dem Hof arbeite, merke ich das am nächsten Tag deutlich in den Armen und im Rücken. Ebe legt viel Wert darauf, dass die Ställe picobello sind und dass der Hof sauber aussieht. So habe ich in den letzten Wochen zusammen mit den anderen unzählige Schubkarren Mist weggefahren, Unkraut gejätet, gefegt, bis die Armmuskeln schmerzten und rund um das Waldgrundstück Müll aufgesammelt. Obwohl die Arbeit körperlich anstrengend ist und ich das zugegebenermaßen nicht gewöhnt bin, ist sie sehr erfüllend. Man sieht jeden Tag aufs Neue, was man geschafft hat, man hat keinen Zeitdruck, kann in seinem Tempo arbeiten und mit Musik macht das Ganze sogar Spaß.

Die Arbeit oben bei der Therapie gestaltet sich natürlich anders. Zu allererst werden meistens die Pferde, die gebraucht werden, geputzt und fertig gemacht. Die Therapie ist dann von Patient zu Patient unterschiedlich, wobei wir mittlerweile viele Möglichkeiten haben. In der Zeit, in der Maybrit und ich jetzt hier sind, hat Giancarlo beschlossen, die Therapiemethoden ein bisschen zu reformieren und so haben wir einen sogenannten „Track“ gebaut, einen Weg, der durch einen aus weiß bemalten Baumstämmen gefertigten Zaun abgesteckt ist und in den bunte Baumstämme eingebunden sind. An diese können vor allem unsere kleinen Patienten vom Pferderücken aus farbig passende Ringe hängen. Zudem haben wir die Spitzen von allen Zaunpfählen, die das Gelände abgrenzen, bunt angemalt und beim Vorbeireiten können die Patienten farbig passende Rasseln schütteln. Ein anderes Gadget besteht aus aneinandergebundenen Hula-Reifen, die zwischen zwei Bäumen aufgehängt sind und durch die die Patienten Bälle werfen können. All diese Aufgaben können wir vor allem mit Kindern machen, die geistig behindert sind und so deren Koordination, Logik und Balance trainieren. Je nach Patient machen wir jedoch auch Übungen, deren es weniger Gerätschaften bedarf. Allein mit einem Slalom aus Pylonen, mit einem kleinen Ball oder einem Hula-Reifen lässt sich schon Einiges anstellen. So machen wir Übungen, die den Patienten positiv beeinflussen und ihm dabei helfen sollen, sein Gleichgewicht, seine Beweglichkeit und auch sein Selbstvertrauen zu steigern. Was auch von Person zu Person unterschiedlich ist, ist die Anzahl der Therapeuten, die zur Therapie benötigt werden. Manchmal sind das drei, wenn der Patient zum Beispiel links und rechts am Bein gehalten werden muss, manchmal ist das auch nur einer. Dies ist meistens bei Kindern der Fall, die einfach vor den Therapeuten auf das Pferd gesetzt werden.

Michelle und Maybrit mit Pferd und Patient in unserem neuen Track

Mir macht die Therapie persönlich sehr viel Spaß, da sie jeden Tag etwas Neues bietet. Mit jedem neuen Patienten variiert das Spektrum der Möglichkeiten, wobei man seiner Kreativität stets freien Lauf lassen kann. Auch werden Vorschläge bezüglich der Übungen oder Techniken von Seiten der Freiwilligen meistens wohlwollend aufgenommen und wurden schon des Öfteren umgesetzt. Die Zusammenarbeit, egal ob im Stall oder bei der Therapie, ist wirklich bemerkenswert und ich fühle mich nach einem Monat schon als Teil eines großen Ganzen. Zudem kenne ich mittlerweile jeden Patienten zumindest vom Sehen und weiß, was in den verschiedenen Fällen zu tun ist. Es ist sehr herzerwärmend mitzuerleben, wie sich vor allem die Kinder schon an einen gewöhnt haben und man erkannt, teilweise sogar beim Namen genannt wird.

Koordinationsübung mit einem der älteren Patienten

Die Überzeugung, mit der die Therapie durchgeführt wird, ist auch einer der Gründe, warum ich mich gut damit identifizieren kann. Zusätzlich zu dem Fakt, dass ich allgemein überzeugt vom Konzept der Reittherapie bin, hat vor allem Giancarlo eine sehr inspirierende Arbeitsphilosophie. Man merkt mit jeder Stunde, die er gibt und mit jeder Therapie, die er durchführt, wie sehr er seinen Job liebt und wie er darin aufgeht. In der Zeit, in der ich jetzt hier bin, hat er es geschafft, die Therapie auf dem Hof nochmal ganz neu zu erfinden und uns allen einen Platz darin zu geben. Und um es in seinen Worten auszudrücken: „buen equipo!“.

Unser Stallteam mitsamt allen Arbeitern und aktuellen Freiwilligen

Zu diesem Zeitpunkt, nach fast sieben Wochen, habe ich mittlerweile das Gefühl, endlich angekommen zu sein. Langsam legt sich mein Anfangsenthusiasmus und lässt dem Platz, was ich für die kommende Zeit meinen Alltag und mein Zuhause nennen darf. Langeweile habe ich deswegen bis jetzt trotzdem noch nicht verspürt, denn auch bei „Leerlauf“, in freien Minuten, ist hier immer etwas los oder man entdeckt etwas, was zu tun ist. Dazu tragen aber auch viel die Jungs bei, von denen dieses Projekt lebt. So habe ich in der letzten Zeit schon so einige Male meine Komfortzone verlassen, egal ob es für eine Balancerunde auf dem Putzbalken, das Laufen auf selbstgebauten Stelzen oder das Reiten auf dem ein – oder anderen abenteuerlichen Pferd war. Über mich hinauswachsen – egal ob außer – oder innerhalb meines Projektes, in freien – oder fleißigen Minuten. Darum werde ich sicher nicht herumkommen.

Um zum Schluss noch auf die aktuelle Lage in Ecuador einzugehen, die ich nicht ganz unkommentiert lassen möchte, greife ich noch einmal meinen Gastbruder Giancarlo auf. Seit dem 4. Oktober herrscht hier im Land ein Ausnahmezustand, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Aufgrund des Wegfalls von staatlichen Subventionen auf Ölpreise, steht jetzt bereits seit elf Tagen alles Kopf. Beginnend mit Taxi – und Busstreiks, über gewaltsame Demonstrationen bis hin zu einem Quito, das einem Schlachtfeld ähnelt und dessen historisches Zentrum aufgrund von Vandalismus mittlerweile zu großen Teilen zerstört ist. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung, besonders der indigenen Gruppen, ist deutlich zu spüren, auf im Internet kursierenden Videos  zu sehen und durch den Einsatz von Rauch – und Tränengasbomben seitens der Polizei, täglich auch deutlich zu hören. Die Reaktion in meiner Gastfamilie, besonders die Reaktion von Giancarlo hat mich tief berührt. Denn obwohl unten in der Stadt jeden Tag die Hölle los ist, war es meinem Gastbruder sehr wichtig, hier oben und in „Ángeles En Cuatro Patas“ Normalität beizubehalten. Wir haben also trotz des „Paro Nacional“, des Generalstreikes in Ecuador, die ganze letzte Woche über normal weitergearbeitet, und waren für jeden Patienten da, der sich auf die Straße getraut und sich auf den Weg zu uns gemacht hat. Bezüglich dessen hat Giancarlo am Freitag einen rührenden Facebookbeitrag erstellt. In diesem schreibt er: „In den letzten Tagen war mein Land Schauplatz eines Science-Fiction-Krieges in der Realität. Polizei und Militär gegen das Volk, das Volk gegen die Polizei, Militär gegen Polizei. Ein Schlachtfeld, umgeben von schwammigen Informationen und sehr wenig Klarheit. Obwohl wir in der Stadt Quito wohnen, die diese Woche Wiege größter Gewalt war, konnten wir dank unseres Teams normal arbeiten. Acht schreckliche Tage für Ecuador – wir glauben jedoch, dass unser Kampf wichtiger ist und unsere Arbeit eine bewusstere Lösung für die Situation um uns herum ist. Heute habe ich jeden unserer Patienten angesehen und mir überlegt, welches Beispiel wir ihnen als Gesellschaft geben, wenn wir mit der animalischen Haltung fortfahren, die gerade überall im Land gezeigt wird? Doch wurde mir durch die Arbeit unserer Helden und Heldinnen eindeutig gezeigt, dass ich das Privileg habe, die Menschen hier ein Team zu nennen, das seine Pflicht zum Widerstand getan hat.“ Friedvoller Widerstand, vor allem gegen Manifestationen, die nichts mehr mit der eigentlichen Sache, sondern nur noch mit Zerstörung zu tun haben, empfinde ich, genau wie Giancarlo, als sehr sinnvoll und notwendig.

Wir haben immer Spaß – egal ob beim Arbeiten oder „Abhängen“

Ich hoffe natürlich trotzdem, dass sich die Lage im Land bald verbessert und wir, ohne Komplikationen, weitermachen können. Ich bin erst am Anfang meiner Reise und möchte Ecuador in seiner ganzen Schönheit noch erleben.

Mit diesen Worten beende ich nun diesen Beitrag und hoffe, er hat einen Einblick in das gegeben, was ich im Moment hier erlebe. Ich hoffe zudem, dass ich die ein – oder andere Frage bezüglich meines Alltages und meiner Aufgaben hier im Projekt beantworten und euch ein Bild von „Ángeles En Cuatro Patas“, seiner Philosophie und Methoden machen konnte.

Vielen Dank fürs Lesen und bis zum nächsten Mal!

Eure Marlene

 


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