So, zum Abschluss melde ich mich auch nochmal auf diesem Blog (mein restliches Jahr findet ihr auf meinem eigenen Blog, verlinkt im ersten Beitrag).

Genau 30 Tage ist es her, dass ich Tansania verlassen und Richtung Heimat aufgebrochen bin. 10 Monate sind tatsächlich um und ich bin nun schon wieder einen Monat in Deutschland und Umgebung. Das ist alles ganz schön viel und komisch muss ich sagen, aber der Reihe nach. Erst einmal möchte ich berichten, wie ich meine letzten Wochen in Dar verbracht habe und wie es mir ergangen ist.

Arbeit

Die letzten Wochen im Projekt waren nochmal sehr intensiv. In der Schule wurden im Juni Exams geschrieben. Das heißt, ich war mit meinen Kollegen gut damit beschäftigt diese zu entwerfen und sie mit den Kindern der zwei Englisch Klassen zu schreiben. Dann musste von uns zusammen noch alles korrigiert und bewertet werden. Das war wirklich mal eine andere tolle Aufgabe und mit den Ergebnissen war ich auch sehr zufrieden. Ende Juni folgte dann auch schon die Abschiedsfeier. Ich hatte Luftballons und Seifenblasen mitgebracht und die Kinder hatten super viel Spaß! Die Schüler hatten sogar für mich Lieder und Tänze einstudiert und von den Lehrern habe ich einen Kuchen bekommen. Das war definitiv einer der schönsten Tage, wenn auch traurig und er wird mir sicher für immer in Erinnerung bleiben.

 

Für das Waisenhaus gab es in der letzten Zeit noch einiges an Spielsachen, wie Knete, Seifenblasen, Ausmalbücher und Stifte, Kreide, sowie Gesellschafts- und Kartenspiele. Zudem wurden die Renovierungsarbeiten fertiggestellt, insgesamt wurden die Schlafzimmer, die Küche, die Toiletten, der Klassenraum und ein zusätzliches Schlafzimmer auf Vordermann gebracht.

Für das Partner Waisenhaus konnte nun endlich der große 5000 Liter Wassertank gekauft werden, sodass sie dort Wasser verkaufen und so Geld verdienen werden. Auch hier war die Abschiedsfeier wunderschön, es gab Luftballons, Fingermalfarbe und einen Kuchen für alle, sowie viele Spenden, von Kleidung bis hin zu Spielsachen.

Abschließend kann ich sagen, dass mich eine Arbeit noch nie so erfüllt hat und ich mich noch nie so sinnvoll beschäftigt gefühlt habe, auch wenn es viele Herausforderungen wie Langeweile oder Verständigung gab. Ich habe unfassbar viel von diesen kleinen Menschen gelernt und sie haben es immer geschafft mir ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ich werde sie sehr vermissen, genauso wie meine Kollegen.

Leben

Mein Alltag gestaltete sich stressig, vollgepackt mit Besorgungen, Leute besuchen und langsam die Zelte abbrechen. Ich habe die Zeit noch einmal genossen, Dinge gemacht und Orte besucht, die noch auf meiner Liste standen. So verbrachte ich zum Beispiel nochmal ein Wochenende in Morogoro, um beim Wandern ein letztes Mal die Natur zu genießen.

Der Abschied von der Stadt fiel mir überraschend schwer. Ich hatte das Gefühl einen unwiederbringlichen Alltag hinter mir zu lassen, den ich sehr gemocht habe, aber dafür auch in einen neuen Lebensabschnitt zu starten. Ein letztes mal super günstige Mangos am Straßenrand kaufen, Begrüßungen hinterher gerufen bekommen, tansanische Charts aus billigen Lautsprechern dröhnen hören und bunte Kleider und Stoffe überall sehen. Die Kultur, die Lebensweise, die Menschen, das gesamte Land hat mich einfach so fasziniert.

Auch wenn ich es an manchen Tagen gerne verflucht hätte, wird ein kleines Stück in meinem Herzen weiterleben und das nehme ich mit nach Deutschland. Ich habe mich oft fremd und anders gefühlt und doch ist das Land mit der Zeit mein zweites Zuhause geworden und die Menschen dort eine zweite Familie.

Rückblickend kann ich sagen, dass ich so einiges gelernt habe und unzählige Erkenntnisse und Sichtweisen dazu gewonnen habe. Ich bin offener und selbstbewusster geworden, habe gelernt unabhängiger zu leben und Herausforderungen zu meistern. Zudem habe ich festgestellt wie anpassungsfähig man ist, vor allem auf die Kultur bezogen. Und wie glücklich man in der Fremde sein kann, die dann ganz vertraut wird. Es war sehr spannend, Menschen zu treffen, die einen komplett anderen Hintergrund als ich haben und somit auch andere Einstellungen und Meinungen. Mit denen habe ich nicht immer übereingestimmt. Vieles erschien mir sehr rückschrittig und unmodern, sodass ich meine Sichtweise immer wieder erklären musste, obwohl es für mich so selbstverständlich schien. Trotzdem liefern solche Verschiedenheiten auch immer neue Denkanstöße, es gibt schließlich immer verschiedene Blickwinkel auf die Welt. Wir stehen schließlich an unterschiedlichen Ausgangspunkten.

Globale Unterschiede

Noch nie ist mir so stark aufgefallen, wie glücklich ich mich schätzen kann, in Deutschland geboren zu sein. Einem Land mit Demokratie, einem Rechtsstaat, sozialer Unterstützung, medizinischer Versorgung und freier Bildung. Ich empfinde es als ungerecht , dass der Geburtsort auf der Welt maßgeblich Einfluss auf die Chancen und somit auf den Verlauf des Lebens hat. Warum habe ich das Recht so aufzuwachsen und andere nicht? Es macht wütend und dankbar. Wütend wegen dieser Ungerechtigkeit und dankbar für alles, was wir in Deutschland genießen. Man lernt für uns selbstverständliche Dinge mehr zu schätzen. Gleichzeitig regt man sich zurück in Deutschland darüber auf wie scheinbar ignorant viele Menschen sind und überhaupt nicht wert schätzen, wie gut es ihnen im globalen Vergleich eigentlich geht. Ich hatte das Gefühl, dass ein Land wie Tansania international einfach in Vergessenheit gerät. Man hört von Ländern des globalen Südens meist nur bei Kriegen, Hungersnöten oder Naturkatastrophen.

Es kann deprimierend und niederschlagend sein zu sehen, wie viel noch getan werden muss, aber keiner so richtig etwas tut. Es verärgert mich und macht hilflos. Dennoch hoffe ich, dass ich in den letzten zehn Monaten ein paar Brücken zwischen den zwei Welten bauen konnte, wenn auch nur ganz kleine. Der Freiwilligendienst hat mir im Hinblick auf globale Unterschiede nicht die Augen geöffnet, aber ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen. Das hinterlässt nochmal ganz andere Spuren, Eindrücke und Gedanken. Das lässt sich nicht wieder auslöschen oder ignorieren und es hat meinen Blick auf die Dinge verändert.

Fazit

Die Frage vom Anfang kann ich tatsächlich nicht wirklich beantworten. Ich fühle mich hier noch nicht so richtig zuhause und weiß manchmal nicht, wie ich mit den Menschen umgehen soll, vor allem mit Fremden. Es ist verwirrend, dass hier alles ist wie vorher, als wäre man nie weggewesen. Zudem hat man das Gefühl manchmal anders zu denken und dass die Erfahrungen, die man gemacht hat, nicht richtig verstanden werden. Aber dies ist wohl das Los eines jeden Zurückgekehrten und nun heißt es beschäftigt bleiben und unter Leute gehen.

Zehn Monaten Tansania ein gebührendes Fazit zu verpassen ist glaube ich unmöglich, ich versuche es kurz zu fassen. Unfassbar, wie schnell die Zeit dann doch vergangen ist. Unzählige Momente voll Lachen, Tränen, Tanzen, Freiheit, Erkenntnisse, Entdeckungen, Sonne, Herausforderungen, Abenteuer und Glück. Ich kann kaum beschreiben, wie dankbar ich bin, all das erlebt haben zu dürfen. Danke weltwärts für diese einmalige Erfahrung!

Kwa heri

Lea


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