Vor meiner Anreise hatte ich nur ein sehr ungenaues Bild davon, was mich bei meinem Projekt erwarten und wie meine Arbeit darin aussehen würde. Vor mir gab es keine anderen Freiwilligen im Projekt und es gab daher keinerlei Erfahrungswerte, auf die ich zurückgreifen konnte. Ich wusste nur, dass die Fundación „Una luz en tu vida“ eine Einrichtung für Menschen mit Behinderungen in Quero ist, dass meine Chefin Maura heißt und dass meine Mitfreiwillige Johanna und ich bei der Arbeit mit behinderten Menschen helfen sollten. Wie das Ganze dann aber in der Realität aussehen würde, konnte ich mir nicht wirklich vorstellen.

Die Fundación „Una Luz En Tu Vida“

Die Fundación „Una Luz En Tu Vida“ (kurz auch FULETV) ist eine soziale Einrichtung mit dem primären Ziel, behinderte Menschen in ihrem Alltag zu unterstützen. Dies soll durch Physiotherapie, Sprachtherapie oder individuelle Förderung geschehen. Darüber hinaus unterstützt die Fundación auch Senioren und Kinder -hauptsächlich aus armen und sozial benachteiligten Familien – durch Betreuung und Hausaufgabenhilfe für die Kinder und Physiotherapien für die Senioren.

FULETV war bis 2012 ein von der ecuadorianischen Regierung gefördertes Projekt, aber durch eine Änderung der Gesetzgebung durfte nur noch ein soziales Projekt pro Kanton gefördert werden. Dadurch verlor diese Einrichtung leider ihre Unterstützung. Seitdem hat sich die Arbeit der Fundación sehr verändert. Vorher haben von der Fundación viel mehr Menschen – so genannte Beneficiarios – profitiert, es haben auch 8 Angestellte dort gearbeitet. Durch die fehlende finanzielle Unterstützung war es der Fundación jedoch unmöglich, die Angestellten weiterhin zu beschäftigen. Mittlerweile ist meine Chefin Maura die einzige Vollzeitangestellte.

Grundsätzlich lässt sich die Arbeit der Fundación in zwei Bereiche aufteilen: Zum einen gibt es die gemeinnützige Arbeit mit den Menschen mit Behinderung und allen anderen Beneficiarios. Diese Arbeit findet hauptsächlich vormittags statt. Außerdem gibt es noch die Physiotherapie, die von Maura angeboten wird, um die gemeinnützige Arbeit zu finanzieren. Diese findet sowohl vormittags als auch nachmittags statt.

Die Menschen der Fundación

Ich möchte euch die Leiterin der Einrichtung und unsere Chefin Maura vorstellen. Sie ist die Seele von „Una luz en tu vida“ und setzt sich mit viel Herzblut für die größtenteils stark unterprivilegierten Kinder und Menschen ein, als seien sie Teil ihrer eigenen Familie. Bevor Johanna und ich in das Projekt gekommen sind, hat Maura fast alles alleine gemacht. Eigentlich ist sie ausgebildet als Physiotherapeutin, arbeitet in der Fundación, aber auch als Sozialarbeiterin. Sie beeindruckt mich sehr. Maura ist auch mittlerweile viel mehr als eine Chefin, sie ist eine echte Freundin geworden.

Johanna und ich mit Maura

Ich bin sehr dankbar für Maura. Sie ist eine tolle Chefin und unterstützt uns in dem, was wir machen wollen, ist für alle Ideen offen und hat für Probleme immer ein offenes Ohr. Sie ist zwar manchmal sehr überfürsorglich (wir mussten uns aus unserem Küstenurlaub 2mal täglich melden, um sie wissen zu lassen, dass es uns gut geht), aber ich weiß, dass sie es nur gut mit uns meint und sich lediglich um uns sorgt, anstatt uns kontrollieren zu wollen.

Neben Maura arbeitet nachmittags auch noch Andrea, eine Psychologin, in der Fundación und bietet psychologische Beratung sowie Sprachtherapie an.

Maura, Andrea, ich und Johanna

Mauras Chefin ist die Präsidentin der Fundación. Sie heißt Maria, allerdings kenne ich sie nur unter „Señora Presidente“. Sie ist Architektin und hat die Fundación mitgegründet. Ich sehe die Präsidentin allerdings nicht oft. Trotzdem finde ich es erwähnenswert, dass die Fundación damit eine Einrichtung ist, in der nur Frauen arbeiten. Dies ist zwar keine Voraussetzung für die Arbeit bei FULETV, es ist aber trotzdem bemerkenswert, da besonders in einer ländlichen Region Ecuadors wie Quero viele Frauen nicht arbeiten oder ihre Ehemänner um Erlaubnis bitten müssen, um arbeiten zu dürfen.

Neben den Mitarbeitern gibt es in der Fundación noch die Beneficiarios. Ca. 25 von ihnen besuchen die Fundación regelmäßig, viele kommen aber nur an bestimmten Tagen. Andere Beneficiarios kommen nur sehr unregelmäßig. Einige haben schwere Behinderungen und sind stark physisch und mental eingeschränkt, andere haben „nur“ Lernschwierigkeiten und lassen sich bei den Hausaufgaben helfen, bevor sie nachmittags zur Schule gehen. Außerdem unterstützt die Fundación auch einige Geschwisterkinder von Kindern mit Behinderungen, auch wenn sie selbst keinerlei Einschränkungen aufweisen.
Die Fundación unterstützt grundsätzlich alle Altersgruppen, momentan besuchen aber vermehrt Kinder und Senioren die Einrichtung.

Die Beneficiarios bei einer Weihnachtfeier zusammen mit Studenten aus Ambato

Unsere Aufgaben in der Fundación

Meine Mitfreiwillige Johanna und ich beginnen um 8:30 Uhr in der Fundación. Die meisten Beneficiarios trudeln dann für gewöhnlich bis ca. 9:30 Uhr ein. Weil es meistens so langsam anfängt, erhalte ich oft morgens erst selbst Physiotherapie für meinen Fuß (ich hatte vor ein paar Monaten einen Unfall).

Unsere Hauptaufgabe ist die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen im Klassenraum der Fundación. Wir geben ihnen Aufgaben, üben rechnen, lesen und schreiben und helfen den Kindern, die zur Schule gehen, bei ihren Hausaufgaben. Die Schule hier in Quero ist übrigens in zwei Blöcke geteilt. Die eine Hälfte der Schülerinnen und Schüler hat von 7-12 Uhr Unterricht, die andere von 13-18 Uhr. Deshalb gibt es Kinder, die vormittags die Einrichtung besuchen können und nachmittags noch in die Schule gehen.

Wenn der schulische Teil abgehakt ist – normalerweise geschieht das so zwischen 10:30 und 11:30 Uhr – spielen wir noch mit den Kindern. Seitdem wir ein UNO-Kartenset für die Fundación angeschafft haben, wurde das anfängliche Fußballspielen durch Kartenspielen abgelöst. Das war eine richtig gute Investition, weil da wirklich alle Kinder mitspielen können.

Manchmal nutzen wir die Zeit auch, um Dinge zu erledigen, die gerade so anstehen. Dann bereiten wir zum Beispiel Aktionen wie unseren Adventskalender vor, wir räumen die Sachen etwas zusammen oder wir kopieren Arbeitsblätter, indem wir sie von Hand abpausen, da die Fundación weder einen Drucker, noch einen Kopierer besitzt.

Die Therapien werden hauptsächlich von Maura durchgeführt. Wenn gerade der Andrang groß ist, kommt es allerdings auch öfter vor, dass eine von uns sie darin unterstützt. Dabei werden wir natürlich aber immer vorher von Maura angeleitet.

Um 12:00 Uhr gehen schon einige nach Hause, um dort zu Mittag zu essen, Andere Kinder essen gegenüber der Fundación. Dort gibt es ein Lokal, in dem die Kinder ihr Mittagessen für nur 50 Cent erwerben können. Die Fundación kann es sich nicht leisten, allen das Mittagessen zu finanzieren, weshalb nur einige Kinder aus den besonders armen Familien ihr Essen bezahlt bekommen. Es ist aber auch geplant, dass wir bald das Mittagessen selber kochen, diese Aufgabe würde dann auch uns zufallen. Ich kann aber nicht abschätzen, wie bald dieser Plan in die Tat umgesetzt wird. Es würde bedeuten, dass keins der Kinder mehr für das Mittagessen bezahlen müsste.

Nach dem Mittagessen putzen die Kinder ihre Zähne. Dies haben Johanna und ich eingeführt, nachdem wir mitbekommen haben, wie viele Kinder hier schon früh Karies haben.

Wenn um 12:30 Uhr fast alle Kinder weg sind, beginnt unsere dreistündige Mittagspause. Wir werden immer mit unseren Gastgeschwistern zusammen abgeholt und essen dann gemeinsam zu Hause zu Mittag. Die restliche Zeit verbringe ich mit meiner Gastfamilie, ruhe mich aus, lese oder nutze auch hin und wieder die Zeit, um mit der Heimat zu telefonieren.

Um 15:30 Uhr geht es dann weiter:

  • Dienstags und Mittwochs erteilen Johanna und ich in der Fundación Kindern und Jugendlichen aus Quero in zwei nach Alter getrennten Gruppen Englischunterricht.
  • Donnerstags geben wir Englischunterricht für 6-11 Jährige in Rumipamba, einer Gemeinde von Quero. Die Kinder freuen sich -zumindest meistens- auf den Unterricht und sind sehr motiviert. Auch wenn es manchmal sehr anstrengend ist, weil wir 30 Kinder in einem Raum mit nur zwei großen Tischen unterrichten, bereitet es mir viel Freude.
  • Bisher stand montags ein Hausbesuch, den Johanna und ich alleine übernommen haben, auf dem Programm. Die junge Frau, die wir besucht haben, ist schwerbehindert. Wir haben mit ihr gemalt, physiotherapeutische Übungen und Motorikübungen durchgeführt. Neuerdings macht Maura die Hausbesuche und wir geben dafür ein zweites Mal Englischunterricht in Rumipamba.
  • Freitags haben wir ab 12:30 Uhr frei, was sehr schön ist, weil es uns zum einen mehr Zeit mit der Familie ermöglicht, die gerne auch am Freitagnachmittag etwas gemeinsam unternimmt und zum anderen einige Wochenendtrips erleichtert, da man schon früher losfahren kann. Hiervon haben Johanna und ich allerdings noch nicht so viel Gebrauch gemacht, weil wir die Zeit in der Familie auch sehr genießen.

Memory in Rumipamba, zum üben der Wochentage

 

Wie mir meine Arbeit gefällt

Anfangs fand ich sehr anstrengend, dass jeder Tag anders ist und du vorher nie weißt, was auf dich zukommt. Man weiß nie, wie viele bzw. welche Kinder kommen etc. Dadurch ist unser Arbeitspensum oft sehr unterschiedlich und ich habe es manchmal als frustrierend empfunden, wenn es kaum Arbeit gab. Mittlerweile bin ich aber so gut eingearbeitet und eingelebt, dass ich mir selbstständig Aufgaben suchen kann, falls wenig zu tun ist.

Johanna und ich beim Spielen mit den Kindern

Das Schönste an meiner Arbeit ist, dass ich mich nützlich fühle. Ich genieße die Zeit, die ich mit den Kindern verbringe und merke auch, dass es ihnen genauso geht. Und auch wenn es nur gemeinsames Rumblödeln ist, haben die Kinder meistens einen Heidenspaß, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. Das ist ein sehr bereicherndes Gefühl.

Hasta luego!


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