Bei meiner Ausreise fühlte ich mich bestens vorbereitet: Zwei Auswahltage und 10 Tage Vorbereitungsseminar, an denen wir Reiseführer und  Blogs studiert und uns unter anderem auch intensiv und kritisch mit dem Wort „Kultur“ auseinandergesetzt haben. Ich dachte, ich wüsste mehr oder weniger, was mich erwartet. Wirklich kannst du dich allerdings auf eine so radikale Veränderung nicht vorbereiten!
Vielleicht wäre mein Kulturschock ohne die Vorbereitungen noch stärker ausgefallen, aber dennoch gab es einiges, was mich überrascht hat, oder woran ich mich gewöhnen musste. Jetzt, wo ich schon eine Weile hier bin, möchte ich mir die Zeit nehmen, um meine -natürlich ganz persönlichen Erfahrungen – zu reflektieren.

Beim Rodeo konnte man auf einmal echt viel traditionelle Kleidung sehen, das ist sonst eher selten

Dinge, die mir schwer fallen

In Ecuador scheint es kaum Umweltbewusstsein zu geben. Mülltrennung gibt es nicht, an den Straßen und in der Landschaft liegt extrem viel Müll. Beim Einkaufen (auch in der Bäckerei) bekommt man immer eine Plastiktüte und wenn man sagt, dass man keine benötigt, wird man komisch angeschaut. Dabei ist mir aber auch bewusst geworden, dass Umweltbewusstsein ein großes Privileg ist. Hier gibt es zum Teil einfach viel größere Schwierigkeiten. Allerdings gibt es einige Menschen, die sich der Problematik durchaus bewusst sind, zum Beispiel meine Projektleiterin Maura, die sich für Naturheilkunde interessiert und generell ein großes Umweltbewusstsein hat.

Neu ist für mich auch die Tatsache, dass wir alles mit dem Auto erledigen. Fast niemand läuft hier oder fährt Fahrrad. Auch für kleine Strecken steigt man ganz selbstverständlich ins Auto. Dazu kommt noch, dass immer der Motor angelassen wird, selbst wenn man mal etwas länger warten muss. Diejenigen, die kein Auto zur Verfügung haben, fahren Bus, lassen sich von irgendwem mitnehmen oder fahren mit Camionetas (Pick-Up-Truck-„Taxis“, bei denen man für kleines Geld auf der Ladefläche mitfahren kann).

Um das Auto herum gibt es noch andere kulturelle Unterschiede: Sicherheitsregeln wie zum Beispiel das Anschnallen oder wie viele Plätze ein Auto hat verglichen damit, wie viele wirklich reinpassen, sind Nebensache. So schnallt man sich nur für 2 Minuten in einer Polizeikontrolle an oder es passen halt auch 7 Leute in einen 5-Sitzer. Hier auf dem Land scheint ein Führerschein fast unwichtig zu sein, echt viele Menschen in meinem Umfeld sagen, dass sie hier mit 13 oder 14 Autofahren gelernt haben, weil es innerhalb von Quero nicht so oft Polizeikontrollen gibt.

Sonst muss man aber sagen, dass es generell mehr Verkehrskontrollen gibt, hauptsächlich auf den Landstraßen. Auf meine Verwunderung hin sagte mein Gastvater mir, dass die Polizei das öfter mal macht, um sich etwas dazuzuverdienen (Stichwort Korruption). Das Bild des „Freundes und Helfers“ ist hier definitiv nicht gegeben.

Es gibt unendlich viele Straßenhunde. Es ist wirklich schrecklich zu sehen, wie verwahrlost und krank die Hunde oft sind. Ich habe versucht, mich zu erinnern, aber ich glaube, ich habe noch nie einen Streuner in Deutschland gesehen, höchstens Hunde, die zusammen mit ihrem obdachlosen Halter auf der Straße leben.

Ich kann die ecuadorianische Direktheit irgendwie noch nicht richtig durchschauen. Manche Sachen werden sehr direkt angesprochen, ohne Rücksicht auf die Gefühle des anderen (z.B.: das Aussehen). Andere Themen, die möglicherweise einen Streit oder eine Auseinandersetzung nach sich ziehen könnten, werden wiederum eher nicht angesprochen. Ich habe das Gefühl, dass ein Problem eher ausgeschwiegen wird.

Eine andere Sache, mit der ich nicht so gut umgehen kann, ist der Machismus. Bevor ich hier hergekommen bin, dachte ich, dass dies bestimmt nur ein Klischee sei. Aber mein Eindruck, dass die ecuadorianische Gesellschaft extrem von der männlichen Sichtweise dominiert wird, bestätigt sich zunehmend: Es sind so Ansichten wie zum Beispiel, dass es als „hässlich“ wahrgenommen wird, wenn Frauen rauchen, es bei Männern aber völlig in Ordnung ist oder dass immer die Frauen die Wäsche und den Abwasch machen sollten, die Männer sich um die „männlichen“ Sachen, wie Autos putzen, Sachen tragen, Dinge reparieren etc. kümmern. Die Machismo-Kultur äußert sich auch darin, dass viele Männer meiner Erfahrung nach ein „Nein“ nicht so leicht akzeptieren. Generell muss auch ein Großteil der verheirateten Frauen ihren Ehemann um Erlaubnis bitten, wenn sie etwas alleine machen oder die Arbeit wechseln möchten etc. Verheiratete Frauen gehen auch nicht viel mit ihren Freundinnen aus, da die Ehemänner das nicht gerne sehen. Die Ausmaße, die die Machismo-Kultur hier einnimmt, kenne ich so aus Deutschland nicht.

Andere Unterschiede

Essen: Jeden Tag gibt es Reis und Fleisch und generell sehr fettiges Essen. Meine Familie isst für ecuadorianische Verhältnisse viel Salat (nämlich täglich) und mittlerweile auch nicht mehr täglich Fleisch. Das liegt vielleicht an unserer Anwesenheit. Ich war anfangs überrascht von der Menge an Kohlenhydraten, die hier verzehrt werden. Es kommt fast täglich vor, dass sich zwei Arten von Kohlenhydraten auf meinem Teller befinden (immer Reis; mal Nudeln, mal Kartoffeln) und tatsächlich gab es auch schon mehrfach alle drei in einer Mahlzeit. Beschweren kann ich mich allerdings nicht: Meine Gastfamilie kocht wirklich super lecker und dazu auch alles sehr frisch.

Zum Thema Essen lässt sich aber auch noch sagen: Ecuador ist ein Paradies der Früchte- und Gemüsesorten. Jeden Morgen frühstücke ich einen Obstsalat mit exotischen Früchten, die viel leckerer sind als zu Hause. Es wird auch fast jede erdenkliche Frucht angebaut, da Ecuador auf Grund der verschiedenen Klimazonen (Küste, Andentiefland, Andenhochland, Dschungel) fast jede Pflanzenart beheimaten kann.

Ein Leben ohne Jahreszeiten – Ecuador liegt am Äquator – war für mich am Anfang seltsam. Ich habe mich immer wieder dabei erwischt, dass ich meine an Jahreszeiten orientiere Denkweise nicht ablegen konnte. Mittlerweile habe ich mich mehr dran gewöhnt, ich bin aber ein Mensch, der die Wechsel der Jahreszeiten genießt, deshalb kann ich mir vorstellen, dass ich das irgendwann noch vermissen werde.

In Quero sind es eigentlich immer so zwischen 12 und 20 Grad tagsüber. Die Sonne ist hier viel intensiver und man kann sich auch sehr leicht verbrennen, wenn es nur bewölkt ist. Grundsätzlich ist es wie Frühling oder Herbst: Tagsüber kann es sehr schön, aber auch ungemütlich sein, während es nachts wirklich immer sehr kalt ist.

die äquatorial Linie verläuft in Wirklichkeit 260 m weiter nördlich, diese Linie symbolisiert allerdings den Äquator

Nur eine Kleinigkeit, aber es hat mich ganz schön überrascht: Weil ich mich auf der Südhalbkugel befinde, zieht die Sonne von Westen nach Osten, Ich habe vorher nie darüber nachgedacht, aber natürlich ergibt das Sinn.

Man fällt auf. Als „gringa“ (Wort für Amerikaner oder generell auch Ausländer) ist man generell eine Attraktion, auch ich, mit braunen Augen und Haaren falle auf, auf Grund meiner Größe, hellen Haut und (verhältnismäßigen) hellen Haare. Hier in Quero sowieso, weil hier jeder jeden kennt, aber auch sonst wird man immer als Fremde erkannt.

Die Mentalität der Menschen ist eine andere: Die Menschen sind sehr offen, warmherzig und gastfreundlich. Jeder bietet einem direkt irgendetwas zu essen an, was man auf keinen Fall ablehnen darf, da das unhöflich wäre. Außerdem wird man oft eingeladen. Generell habe ich das Gefühl, dass sich viele Menschen über meinen Aufenthalt hier freuen und das ist ein schönes Gefühl. Ich fühle mich sehr wohl und aufgenommen hier.

Spitznamen werden gerne und oft benutzt in Ecuador. Dabei gehen diese Spitznamen auch gerne auf äußerliche Merkmale ein und können oft ein bisschen grob wirken, z.B. „Gordo“ für dicke Menschen, „Oreja“ (spanisch für Ohr) für Menschen mit Segelohren oder „Oktopus“ für Menschen mit nur einem Arm. Diese werden aber unter Freunden nicht als böse aufgenommen und die Menschen in meinem Umfeld fühlen sich von ihren Spitznamen nicht angegriffen. Kosenamen wie „Mijo/Mija“ (mein Sohn/meine Tochter) werden auch unter Gleichaltrigen gesagt und alle möglichen Nomen können zu Kosenamen umfunktioniert werden („mi llave“ – mein Schlüssel).

Und ohne klischeebehaftet klingen zu wollen: Ich liebe, dass hier so gerne getanzt wird. Ich möchte nicht sagen, dass die Menschen in Ecuador besser tanzen können, ich glaube, sie haben einfach mehr Übung darin. Tanzen ist nicht so mit Scham behaftet wie in Deutschland. Ob auf Familienfeiern, im Club oder einfach mal so im Wohnzimmer – es wird viel mehr getanzt. Ich finde, dass sich Einige in Deutschland davon ruhig mal inspirieren lassen könnten und einfach mal mehr ihr Tanzbein schwingen sollten. Tanzen verhilft schließlich zur guten Laune.

traditionelle Tänze auf einem Dorffest von Quero

Dinge, die mir rückblickend über Deutschland aufgefallen sind

Trinkwasser aus dem Hahn ist purer Luxus. Das war mir lange Zeit nicht bewusst. Wir müssen unser Wasser abkochen, bevor wir es trinken. Es gibt aber auch Freiwillige, bei denen noch nicht mal das geht, die Wasser zum Trinken, Kochen, etc. immer kaufen müssen. Meine Gastfamilie sagt, dass man hier zwar das Wasser aus dem Hahn schon trinken könne – angeblich kommt es direkt vom Chimborazo – aber Johanna und ich möchten in Sachen Amöben kein Risiko eingehen.

Warmes Duschwasser auch: Im Streik hatten wir kein Gas mehr zum Duschen und außerdem wird die Dusche manchmal nicht so richtig warm. Das ist bei anderen Freiwilligen zum größten Teil anders, aber mittlerweile habe ich mich an die gelegentlichen kalten Duschen gewöhnt und sie machen mir nichts mehr aus.

Heizungen sind Luxusgüter, man kommt nämlich auch ohne aus. Dann schläft man halt nachts mit 6 Decken und trägt auch im Haus seine Jacke. Unser Haus hat einen Kamin, was aber auch schon eher eine Seltenheit darstellt. Kaum Häuser in Ecuador haben ein Heizungssystem und dazu sind die Häuser auch schlecht bis gar nicht isoliert. Man kommt trotzdem zurecht. Dazu muss man noch sagen: Es wird hier aber auch nie so kalt wie in Deutschland.

Das Gesundheitssystem in Deutschland ist echt gut. Ausführlichere Beschreibungen dazu in meinem ersten Blogpost.

Das Bildungssystem auch. Die besten Unis in Deutschland sind öffentlich und werden staatlich finanziert. Die beste Uni in Ecuador ist privat und dort zu studieren, kostet ein Vermögen. Die bessere Schulbildung bieten wohl angeblich auch Privatschulen und jeder, der es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf so eine Schule.

Wie privilegiert ich aufgewachsen bin. Klar, das klingt jetzt erstmal seltsam, aber erst als ich hier hergekommen bin, konnte ich begreifen, wie privilegiert ich war, dass ich die Möglichkeiten hatte, so viele verschiedene Hobbys auszuüben (Klarinette, klettern, schwimmen, tanzen, etc.)

Ich weiß, ich hab jetzt ziemlich viele Unterschiede aufgezählt, aber je länger ich hier bin, desto weniger denke ich darüber nach. Zusammenfassend muss ich sagen, dass ich mich nach drei Monaten in Ecuador verliebt habe. In die Menschen, mit denen ich hier meine Zeit verbringe, in die Landschaft, die ich jeden Tag sehe, in die landschaftliche Vielfalt, die Ecuador zu bieten hat, in die Biodiversität, die in keinem Land höher ist, in die Geschichte und generell in meine Erlebnisse hier. Ich bin glücklich, diese Erfahrung machen zu können. Ich würde momentan nirgendwo anders sein wollen.

Weil noch viele gefragt haben: Ich habe leider noch ein wenig Zeit vor mir, bis alles wieder normal ist mit der Verletzung, mir wurde allerdings schon eine Schraube entfernt und ich laufe jetzt auch schon langsam wieder. Mittlerweile geht es für mich endlich in großen Schritten in Richtung Besserung und ich weiß, dass das Ganze Geduld erfordert, aber drei Monate haben sich jetzt schon ganz schön gezogen. Dafür hatte ich aber zum Glück so ein gutes Netz an Menschen, die auf mich geachtet haben und mit denen ich trotz Krücken sehr viel Spaß und schöne Erlebnisse hatte. Jetzt freue ich mich mehr von dem Land erkunden zu können, allerdings erstmal langsam. „Poco a poco“ wie mir hier immer gesagt wird.

Meine Gastschwester und ich

Hasta luego!

 

 


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