Bestimmt haben viele mitbekommen, dass im letzten Monat in Ecuador der sogenannte Ausnahmezustand ausgerufen wurde. Das Ganze ist jetzt zwar schon seit gut drei Wochen beendet, aber ich möchte mir trotzdem die Zeit nehmen, um meine Erlebnisse in Bezug darauf zusammenzufassen. Vorher ist mir noch wichtig zu sagen, dass dies eine Darstellung der Erlebnisse ist, so wie ich sie mitbekommen habe, unter anderem auch im Gespräch mit anderen Freiwilligen an anderen Orten, oder durch das Verfolgen lokaler und internationaler Medien.

Was ist passiert?

Alles begann am Donnerstag, dem 03.10.2019, mit einem Verkehrsstreik der Busse und Taxis. Dies war eine Antwort auf die dramatische Erhöhung der Spritpreise, was wiederum erfolgte, weil eine Subvention für die Benzinpreise gestrichen wurde. Dies passierte auf Grund eines Sparplans des internationalen Währungsfonds. Der Verkehrsstreik war angekündigt, aber es war auch mehr als ein Streik, nämlich eine Blockade des gesamten Verkehrsnetzes. Busse und Taxis haben sich vor Straßen gestellt, sodass man nicht durchfahren konnte.

Zeitgleich entstanden in Quito und wenigen anderen Städten zivile Proteste. Diese waren besonders in Quito von Beginn an gewaltsam. Tränengas, Massenpaniken und einige Verletzte auf beiden Seiten waren traurige Realität. Noch am Donnerstag rief Ecuadors Präsident Lenin Moreno daraufhin den Ausnahmezustand aus. Am Tag darauf begannen sich die Proteste auch in anderen Städten zu häufen, so auch in Ambato, der nächsten größeren Stadt von mir aus.

Bald weitete sich der Streik auch auf die indigene Bevölkerung aus. Die indigene Bevölkerung arbeitet sehr organisiert und schaffte es, die größten Teile des Landes lahm zu legen, indem sie
– sich alle zusammen aus verschiedensten Orten auf den Weg nach Quito machten,
– die Straßen mit gefällten Bäumen und riesigen Bergen an Erde sperrten,
– in den Städten die Versorgungszentralen stürmten und so die Wasser- und Stromversorgung kappten.
Es war immer noch kein Ende in Sicht. Ab Dienstag gab es eine Ausgangssperre, die besagte, dass man sich zwischen 20:00 und 05:00 Uhr nicht in bestimmten Bereichen befinden und sich keinen Regierungsgebäuden nähern darf. Für Mittwoch war dann ein Generalstreik angekündigt, welcher mir Hoffnung gab, dass sich daraufhin vielleicht eine Lösung finden würde, aber auch das war nicht der Fall. Es gab zwar Gespräche zwischen den Indigenen und der Regierung, welche aber erfolglos blieben.Auf Grund der Straßensperren und Sicherheitsbedenken seitens der Regierung konnten wir die ganze Woche nicht arbeiten, weshalb der Unterricht in dem ganzen Land ausfiel. Obwohl wir keine Schule sind, kamen auch keine Kinder, womit unsere Hauptaufgabe, die Unterstützung im Unterricht also wegfiel.

Für Sonntag war ein neuer Dialog angekündigt und auch wenn ich nicht damit gerechnet hatte, fand der Paro Nacional (der Name, der dem Streik gegeben wurde; übersetzt bedeutet es so viel wie „nationale Lahmlegung“) daraufhin nach 11 Tagen endlich ein Ende. Eine langfristige Lösung gibt es leider noch nicht, vorerst werden nur die Subventionen für den Sprit wieder gezahlt. Momentan sieht es so aus, als würde es bald eine Plastiksteuer geben, um den Sparplan des Kredites einzuhalten. Genaues steht allerdings noch nichts fest, die Verhandlungen laufen noch.

so ruhig wie hier waren die Straßen Ambatos leider nicht während des Streiks, dafür aber weitestgehend autofrei – sonst ist das fast unvorstellbar

 

Was hatte das Ganze für Auswirkungen auf meinen Alltag?

Das erste Mal vom Paro Nacional gehört hatte ich am Vortag des Streiks. Mein Gastvater hatte mir davon erzählt, aber ich hatte nicht wirklich den Eindruck, dass es besonders wichtig sei. Er selbst hatte noch vor, am nächsten Tag nach Quito zu fahren. Als wir am Vorabend von unserer Koordinatorin vorgewarnt wurden, wurde uns gesagt, wir sollten mit unseren Projekten absprechen, ob wir arbeiten sollen oder nicht. Johanna (meine Mitfreiwillige) und ich haben unsere Projektleiterin Maura bewusst nicht angerufen, da wir uns dachten: „Wir sind auf dem Land, hier wird schon nichts sein“. Am nächsten Morgen meldete sich dann aber Maura bei uns, dass wir nicht kommen sollten, sie hätte Bedenken um unsere Sicherheit und außerdem wären auch gar keine Kinder da. Also hatten wir einen Tag mit unseren Geschwistern, die selbst wegen des Paros keine Schule hatten. Meine Gasteltern schienen auch die Auswirkungen des Ganzen unterschätzt zu haben, sie haben es natürlich nicht nach Quito geschafft (noch nicht mal bis Ambato).

Ähnlich war es auch am nächsten Tag: Die freie Zeit habe ich genutzt, um alles Mögliche zu erledigen, was halt so anstand. Da wir auf Grund der Straßensperren das Haus nicht verlassen konnten, wurde mir spätestens am dritten Tag langweilig. Mein Tagebuch war nachgetragen, der Blogbeitrag weitestgehend fertig, ich hatte aufgeräumt, was tun mit der ganzen Zeit? Wir haben Apfelpfannekuchen für die Familie gebacken, die sehr viel Spaß mit dem Pfannekuchen-in-der-Luft-Wenden hatte, wir haben geholfen die Hunde zu waschen, ich habe gelesen und natürlich ganz viel Zeit mit der Familie verbracht, aber sonst fiel mir echt die Decke auf den Kopf.

Spätestens am Mittwoch begann ich, mir Sorgen zu machen. Die Auseinandersetzungen wurden immer gewaltsamer und der Paro lief schon für 7 Tage, ohne Ende in Sicht. Das Essen in den Städten wurde knapp, bei uns auf dem Land allerdings nur bestimmte Lebensmittel. Dadurch stieg aber generell die Kriminalität, vor allem in den Städten kamen Plünderungen und Einbrüche vor, sodass sich einige Nachbarschaften Nachbarschaftswachen organisiert haben.
Ich begann mich zu fragen, ob es dazu kommen könnte, dass wir nach Hause geholt werden. Mittlerweile weiß ich, ja, das könnte passieren, wenn unser Wohl gefährdet ist. Diese Überlegungen haben mich ziemlich schlecht gelaunt gemacht, weil ich dies auf keinen Fall wollte (oder will). Ich fühle mich nach wie vor super wohl in meiner Familie und meiner neuen Umgebung.

Meine Familie begann sich erst am achten Tag Sorgen zu machen. Langsam wurde unser Gas knapp, in Quero gab es kein neues mehr und daraufhin konnten wir nur noch kalt duschen und auch waschen, weil das Gas zum Kochen benötigt wurde. Außerdem wurde ein riesiger Tank mit Wasser befüllt für den Fall, dass unsere Wasserversorgung auch gekappt werden sollte, was zum Glück nie passiert ist. Dann sind wir Einkaufen gefahren, über die Felder des Nachbarn, weil die Straßen gesperrt waren. Wir haben 45 kg Reis und 60 Eier gekauft, verhungern würden wir also nicht. Außerdem baut meine Familie Kartoffeln an, die wir immer noch hätten ernten können, wie sie immer betont haben: „Auf dem Land wirst du nicht verhungern“.

Trotzdem war es ein ungutes Gefühl, dass die Läden nicht offen hatten und wir nur über Connections an Hintertüren einkaufen konnten.
Mit dem Beginn der Sorgen meiner Gastfamilie schwand auch mein letztes Quäntchen Hoffnung auf eine baldige Lösung. Meine Gastfamilie, die vorher zuversichtlich war, dass der Streik sich bis zum Tag XY (es hat sich immer geändert) regelt, sah auf einmal auch kein baldiges Ende. Und so war ich ziemlich überrascht und überglücklich über die freudige Nachricht am Sonntag, den 13.10.2019, dass der Paro ein Ende gefunden hatte. Trotzdem blieb ich aber auch etwas skeptisch, ob es tatsächlich dabei bleiben würde.

Doch bisher gab es zum Glück keine weiteren Proteste. Inzwischen ist wieder Normalität eingekehrt: Im Projekt hat sich der Alltag wieder eingependelt. Es gibt Gemüse, Früchte, Brot und Gas zu kaufen. Die Busse und Taxis fahren wieder so, als wäre nie etwas gewesen.
Ich bin sehr glücklich über das Ende des Paros, nicht nur weil ich jetzt wieder arbeiten kann und endlich wieder eine Beschäftigung habe, sondern auch, weil ich über den Verlauf entsetzt war. Es schmerzte mich, zu sehen wie ein Land sich in solchen Unruhe befindet, wie hoch die Unzufriedenheit der Menschen ist und vor allem mit wie viel Gewalt das Ganze verbunden war.
Leider habe ich keine Bilder, die das Ganze gut darstellen (Urheberrechtssproblematik), ich gehe aber davon aus, dass die deutschen Medien auch einen Einblick gewähren konnten.
Hasta luego!


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