Nun bin ich schon seit mehr als vier Monaten wieder zurück. Zurück in Deutschland. Drei Monate früher als ich es angenommen habe. Am 20.03.2020 ging unser Flieger.

Zurück zu meiner Familie. Zurück zu meinen Freunden. Zurück in unsere Wohnung. Zurück in das Land, in dem ich aufgewachsen bin, zurück in ein Leben, dass ich nun mit anderen Augen sehe als vor elf Monaten, als meine Reise begann.

Doch kam ich nicht nur zurück in mein „altes Leben“, sondern musste ich mich von meinem sehr lieb gewonnen „neuem Leben“ verabschieden. Es war der Abschied von einer Familie, die mich in ihrem Kreis aufgenommen hat. Mit denen ich Ausflüge unternommen habe, Weihnachten gefeiert habe, mit denen ich täglich gegessen habe, mit denen ich gelacht habe und die mir beistanden, wenn es mir schlecht ging.

Es war der Abschied von meinem Projekt. Von Kindern, zu denen ich eine Beziehung aufgebaut habe, die mich an meine Grenzen gebracht haben, mit denen ich gespielt, gelacht und geweint habe und mit denen ich jeden Tag persönliche Fortschritte im Vertrauen zu mir gemacht habe.Von Kindern, die ich extrem lieb gewonnen habe.

Es war der Abschied von einem wunderschönen Land, in dem ich die tollsten Reise unternommen habe und viele neue Menschen, Traditionen und Perspektiven kennen lernen durfte.

Ich musste auch akzeptieren, dass ich nicht mehr alles erreichen konnte, was ich mir vorgenommen habe. Projekte und Reisen, die ich geplant hatte, musste ich hinter mir lassen sowie ich akzeptieren musste, dass ich die Beziehungen zu meinen Freunden*innen, zu den Mitarbeiter*innen im Projekt, zu den Kindern und zu meiner Gastfamilie nicht weiter ausbauen konnte.

Zunächst war es sehr schwierig und enttäuschend von all dem Abschied zu nehmen. Es überwiegte das Gefühl etwas Unvollendetes zurückzulassen, auch ein wenig das Gefühl versagt zu haben, da nicht alles erreicht wurde, was ich mir vorgenommen hatte. Stark war auch die Reue. Ich bereute alles, was ich aufgeschoben oder nicht sofort angepackt hatte. Ich bereute alles was ich nicht ausgesprochen habe, oder wo ich mich zurückhielt oder ich einfach zu schüchtern für war. Der Gedanke an Ecuador war für mich lange schwierig und ich bin ihm aus dem Weg gegangen. Ich wurde traurig, wenn ich daran zurückgedachte, dass ich mich nicht mal angemessen von meiner Gastfamilie und meinem Projekt verabschieden konnte.

Doch nachdem der erste Schock, des plötzlichen Verlassens vergangen war, und ich langsam wieder in einen Alltag rein kam, lernte ich auf das stolz zu sein, was ich erreicht habe und besonders habe ich begriffen, dass ich zwar von Vielem Abschied nehmen musste, aber noch viel mehr mitgenommen habe.

Heute sehe ich Deutschland anders, ich sehe mich selber anders, ich schaue anders auf Probleme, wahrscheinlich denke ich sogar anders als zuvor.

Ich habe ein viel größeres Bewusstsein für Armut, Gerechtigkeit, Kriminalität und Gewalt erhalten. Nicht weil ich es an meiner eigenen Haut gespürt habe, sondern weil ich Menschen und besonders Kinder gesehen habe, die stark davon betroffen sind. Ich habe das Gefühl der Machtlosigkeit gespürt, ihnen helfen zu wollen, aber nicht zu wissen wie. Ich habe Schuld gespürt, weil ich weiß, dass der Reichtum von Menschen aus dem globalen Norden, also auch meiner, nur möglich ist durch die Armut von Menschen aus dem globalen Süden. Ich habe die tollsten, intelligentesten und liebsten Kinder kennen gelernt, die keinerlei Schulbildung erhalten. Ich habe Kinder kennengelernt, die in ihren Familien Gewalt erleben. Ich habe Kinder gesehen, die gezwungen waren zu arbeiten oder zu klauen.

Doch vor allem habe ich gesehen, wie Menschen diese Kinder wieder auffangen, ihnen eine Perspektive verschaffen und sie beschützen. Ich habe Zusammenhalt und Beistand erlebt, wie nie zuvor. Ich habe gesehen, wie jeden Tag Schüler*innen, Studenten*innen, Kirchengemeinden, Vereine oder einfach privat Personen zu den Kindern ins Heim kamen, sie unterstützt haben oder ihnen einfach eine kleine Freude bereitet haben. Ich bin, eine Woche vor Weihnachten, mit meiner Gastfamilie in kleine Dörfer gefahren, und wir haben Lebensmittel und Kleidung verteilt. Diese Selbstverständlichkeit jedem zu helfen und niemanden dafür zu verurteilen, in was für einer Situation er/sie sich befindet, war für mich extrem prägend zu sehen.

Ich habe aus diesen Erfahrungen Motivation gezogen. Motivation mich mehr mit entwicklungspolitischen Fragen auseinanderzusetzen und mich mehr zu engagieren. Ich habe verstanden wie extrem privilegiert ich bin, und dass ich diese Privilegien nutzen möchte, damit Privilegien verschwinden. Ich habe verstanden, nicht einfach alles als gegeben anzunehmen. Und auch wenn ich jetzt sehr viel reicher an Erfahrungen und Wissen bin, haben mich diese 7 Monate vor allem zum Nachdenken angeregt und mehr Fragen hinterlassen als Antworten.

 

An Weihnachten mit meiner Gastfamilie

 

Einer unseren letzten Abende kurz vorm Abflug

 


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