Kaum zu glauben, dass jetzt schon über ein Viertel der Zeit hier in Ecuador vergangen ist. Ich weiß noch genau, wie aufgeregt ich war und wie viel Angst ich hatte, bevor es losging. Angst davor mich nicht anpassen zu können, nicht akzeptiert zu werden, Angst vor zu hohen Erwartungen, die ich nicht erfüllen kann. Ich habe mich gefragt „Was ist wenn ich mich bei meiner Gastfamilie nicht wohl fühle?“ „Was ist wenn ich mich im Projekt nicht sinnvoll einbringen kann?“ „Was ist wenn mir etwas passiert, wenn ich überfallen werde oder ich mich nicht sicher fühle?“ „Was ist wenn das doch alles die falsche Entscheidung war, und ich dem Ganzen nicht gewachsen bin?“. Ich konnte mir nicht wirklich vorstellen, was mich erwartet, weshalb ich dazu tendiert habe, mir auszumalen, was alles schief laufen kann. Aber das war auch die erste Lektion die ich gelernt habe. Die Vorstellungen die ich hatte waren zum Teil nicht mehr realistisch und von Angst gesteuert, weshalb ich direkt lernte, dass ich mir im Vorhinein nicht zu viele Gedanken machen darf, sondern manchmal einfach Sachen auf mich zukommen lassen muss. Ich denke es ist auf eine Art im Menschen verankert Angst vor dem Unbekannten zu haben, und er sich deshalb oft in Gewohntes flüchtet und manchmal auch Fremdes abgrenzt. Aber ich denke, das was einem die größte Angst macht ist nicht die tatsächliche Realität, sondern größtenteils nur die Vorstellung vor dem, was man nicht einschätzen kann.

Mein Projekt
In meinem Projekt arbeite ich in einem Waisenhaus, ich bin in einer Gruppe mit Kindern von 2-4 Jahren. Größtenteils wirke ich einfach unterstützend für die zuständige „Senorita“ der Gruppe. Das heißt ich helfe beim Essen, beim Anziehen, beim „Unterricht“ und sonst achte ich einfach darauf, dass die Kinder nicht zu großen Unsinn machen.
Meine Entwicklung in mein Projekt fühlt sich an wie das Heranwachsen eines Menschen, zu Beginn war ich ein kleines hilfloses Baby, dass nicht genau wusste, was es erwartet, nicht verstand, was die Leute um einen herum reden und wie es sich richtig zu verhalten hat. Doch langsam mit der Zeit fing ich an die ersten Worte um mich herum zu verstehen und auch die ersten Worte zu sagen, sodass ich immer mehr Aufgaben übernehmen konnte. Und nun komme ich in ein Alter in dem man mich auch mal alleine lassen kann, man mir Verantwortung zuschreibt und ich die Strukturen um mich herum immer mehr verstehe. Ich bin sogar an den Punkt gekommen, an dem ich anderen Freiwilligen, die auch wie hilflose kleine Babys in mein Projekt gekommen sind, eingewiesen habe, ihnen gezeigt habe wie alles funktioniert und schon ein paar hilfreiche Erfahrungen mit ihnen teilen konnte. Ich merke, wie ich jeden Tag „wachse“, mehr dazulerne und ich mich besser mit den Kindern und meinen Kollegen verstehe. Ich hoffe ich komme irgendwann an den Tag, an dem ich mich wie eine weise alte Frau fühle, die alles durchschaut hat, die versteht wie es läuft und der man Vertrauen schenkt, da sie Erfahrung besitzt. Mich macht es sehr glücklich, wie sehr ich mich schon nach drei Monaten entwickelt habe, wie mir inzwischen die Arbeit echt viel Spaß macht und wie ich merke, dass ich von meinen Kollegen respektiert werde und auch spüre, dass sie inzwischen ganz froh sind, dass ich ein bisschen aushelfe. Zudem hat mich mein Projekt auch auf eine Art zum Nachdenken angeregt. Ich frage mich, was das mit einem Kind macht, wenn es ohne Eltern aufwächst, wenn man nur ein Kind unter 13 ist, wenn man, dadurch das es für jede Gruppe nur eine zuständige „Senorita“ gibt, nur Aufmerksamkeit bekommt, wenn man Unsinn anrichtet, wenn man keine richtige Bezugsperson hat, die immer für einen da ist, wenn man sich immer an Abläufe halten muss, und nicht einfach machen kann, was man möchte. Seitdem eine weitere Freiwillige in meiner Gruppe aushilft, ist es uns möglich auch ab und zu Ausflüge mit den Kindern zu unternehmen. So waren wir z.B. im „paque de los flores“ oder zusammen in der Mall. In beiden Fällen liefen die Kinder mit ganz großen Augen durch die Gegend und sagten die ganze Zeit „mira que bonito“ (Schau wie hübsch), „mira los flores“ (Schau die Blumen) oder „mira que lindo“ (Schau wie schön). Mir wurde bewusst, dass so vieles, was für mich selbstverständlich ist, sehr besonders für diese Kinder ist und wie krass viele Unterschiede bestehen in der Art, wie wir aufwachsen. Ich habe noch nicht für mich rausgefunden, wie ich mit diesem Wissen umgehen soll. Auf der einen Seite denke ich, dass die Erkenntnis an sich mich anders über mein Verhalten denken lässt, aber durch den Vergleich hinterfrage ich auch immer mehr die Standards, in denen Kinder bei uns in Deutschland aufwachsen. Insgesamt vergleiche ich oft wie Kinder hier aufwachsen, damit wie Kinder in Deutschland aufwachsen, und wie viel Einfluss dies auf die Entwicklung der Persönlichkeit hat.

Ausflug in die Mall

Meine Gastfamilie
Am 29.08.2019 saßen wir 8 Freiwilligen aus Ambato und Querro in dem Haus von Belen, die Leiterin unserer Partnerorganisation und warteten gespannt auf unsere Gastfamilien, die uns dort abholen sollten. Nach und nach trudelte eine Gastfamilie nach der anderen ein. Bis auf einmal eine kleine Dame, mit Brille, Leggins und warmer Winterjacke in den Raum kam. Diese Frau, war Narci, meine Gastmutter. Nach einer etwas unsicheren, aber herzlichen Begrüßungen fuhren wir zusammen mit meinem Gastvater zu meinem neuen Zuhause. Dort lernte ich Marko meinen Gastbruder und die Hündin Lola kennen. In Lola habe ich mich direkt Schock verliebt und wusste sofort, sie würde mir sehr dabei helfen mich schnell wohl zufühlen. Ich lernte schnell, dass meine Gastfamilie nicht nur aus diesen drei Personen besteht, sondern gefühlt jeden Tag, für mich „neue“ Personen aus der Familie in unserem Haus sitzen, sodass ich bis heute öfter noch Mitglieder der Familie kennen lerne, die gerne zu Besuch vorbeikommen und mit uns gemeinsam Abendessen. Ich merke stark, wie wichtig Familie für meine Gastfamilie ist und wie stark man sich um einander kümmert, und für einander freut. Deshalb empfinde ich es als sehr besonders, dass ich in diesen Kreis integriert werde. Eine besondere Person für mich, aus meiner Gastfamilie, ist mein inzwischen 6 Jahre alter Gastneffe Benjamin. Mir fällt es mit ihm am leichtesten eine Beziehung aufzubauen, weil er zum einen sehr offen ist, aber zum anderen auch, weil ich bei ihm nicht so stark das Gefühl habe, dass es ein Problem darstellt, dass wir nicht mit derselben Sprache aufgewachsen sind. Ich denke wir ergänzen uns ganz gut, denn er ist viel alleine, und freut sich glaube ich darüber, wenn ich da bin und mit ihm Zeit verbringe, und ich bekomme durch ihn ein bisschen das Gefühl von Familie. Außerdem macht es auch einfach Spaß mit ihm Zeit zu verbringen. Oft stehe ich in dem Zwiespalt, dass ich möglichst viel unterwegs sein möchte und viel vom Land sehen möchte, aber gleichzeitig ist es mir auch wichtig eine gute Beziehung zu meiner Gastfamilie aufzubauen und mit ihnen Zeit zu verbringen. Ich versuche hier einen guten Ausgleich zu finden, sodass ich keins von beiden vernachlässige.

Ich und mein Gastneffe Benjamin

Ausflüge
Direkt von Anfang an stand für mich fest, dass ich so viel wie möglich von Ecuador kennenlernen möchte. Ich weiß nicht, wann oder ob ich nochmal die Gelegenheit bekomme ein so weit entferntes Land so gut kennenzulernen. Deshalb versuchen wir fast jedes Woche richtig zu nutzen. Bis jetzt gehört zu meinen Favoriten zum einen unser Ausflug nach Puyo. Hier bin ich ungefähr drei Stunden mit Mira und Maren, zwei weitere Freiwillige, für zwei Tage hingefahren. Puyo liegt am Anfang des Regenwaldes. So erhielt ich also meinen ersten Blick auf den Regenwald, welcher mich zutiefst beeindruckt hat. Wir hatten die Möglichkeit nach einer kleinen Wanderung in einem Wasserfall zu baden, mit einer Liane über den Regenwald zu schwingen und in Hängematten einen unglaublichen Ausblick auf den Regenwald zu genießen. Zum anderen waren der Besuch in einem komplett unberührten Nationalpark oder das Reiten auf den Vulkan Pichincha, für mich auf jeden Fall Highlights. Ich fühl mich in der Natur einfach sehr wohl, und freu mich schon total auf längere Wanderungen und darauf, noch mehr von diesen einzigartigen Landschaften zu sehen.
      Maren und ich in Puyo     

       Ich im Regenwald

Mira und ich auf dem Pichincha

Kommunikation
Als ich ankam und auf meine Gastfamilie traf, begrüßten mich alle total herzlich, erzählten mir viel und gaben mir Tipps, und ich, ich verstand gar nichts. Am ersten Abend konnte ich nur sagen „no entiendo“, was ich leider noch über längeren Zeitraum ohne Ende sagen musste. Am nächsten Tag kam mein Gastbruder auf die Idee die Kommunikation über Google Übersetzter zu regeln, wodurch wir das wichtigste erstmal klären konnten. Auch wenn wir in der ersten Woche jeden Tag drei Stunden Spanisch Unterricht hatten, konnte ich mich noch gar nicht verständigen. Ich hatte zwar das Gefühl, dass es meine Gastfamilie sich gewünscht hätte besser mit mir kommunizieren zu können und sie manchmal auch ein bisschen mit mir und meinem Spanisch verzweifelt sind, trotzdem haben sie sich immer Zeit genommen, um mir mindestens grob zu erklären, was ich wissen musste. In meinem Projekt sah es da ganz anders aus. Hier nahm sich am Anfang niemand wirklich Zeit dafür mir etwas zu erklären, oder irgendwie mit mir zu kommunizieren. Ich musste also ganz viel beobachten. Oft verstand ich aber auch Sachen falsch, wusste nicht was ich tun soll und fühlte mich einfach nur unheimlich dumm. Ich hatte so viele Fragen und niemanden an den ich sie stellen konnte. Das schlimmste war eigentlich, dass ich öfters den Moment hatte, in dem jemand versucht hat mir etwas zu sagen, aber direkt wieder aufgegeben hat, weil man eh davon ausging, dass ich nichts verstehe, auch als ich schon ein bisschen dazugelernt hatte. Oft hat mich das deprimiert und ich hatte das Gefühl, ich werde nie irgendetwas verstehen, aber umso größer war meine Freude, darüber als ich mit meiner Gastfamilie Google Übersetzter nicht mehr brauchte, oder als ich mit einem Arbeitskollegen eine richtige Unterhaltung geführt habe. Auch wenn mein Spanisch immer noch sehr gebrochen ist, verstehe ich inzwischen eigentlich immer, was Leute von mir wollen und irgendwie kann ich auch immer antworten. Kurz gesagt: ich kann mich verständigen, und das macht mich sehr glücklich, vor allem weil ich inzwischen täglich eine Verbesserung spüre. Außerdem habe ich ein viel größeres Verständnis dafür bekommen, wie schwer es ist in ein fremdes Land zu kommen ohne die Sprache zu beherrschen, und wenn man dann auch noch Menschen entgegensteht, die dafür eben kein Verständnis haben, die nicht verstehen, dass man vielleicht einfach ein zwei Wiederholungen oder Umschreibungen braucht, und man sich sehr darüber freut, wenn jemand trotz Sprachblockaden mit einem kommuniziert. Zumindest ging es mir so.


1 Comment

Johannes · 13. Dezember 2019 at 19:11

Hey, ich war diesen Sommer als Freiwilliger auch in Ambato bei Verwandschaft deiner momentanen Gastfamilie untergebracht und im gleichen Waisenhaus, was ich dir in der Nähe vom Ambato sehr empfehlen kann ist die Stadt Baños ( aber das wirst du vermutlich schon oft genug gehört haben :D). Hoffentlich hast du weiterhin viel Spaß im Projekt und am Reisen.

( könntest du bitte deinen Gastcousins Mario (Kike) und Mauricio Grüße von mir ausrichten, wär echt nett, habe ihre Nummern leider nicht mehr :/)

Saludos desde Alemania

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