In meinem ersten Blogpost habe ich mich etwas über die Unwissenheit meiner Mitmenschen amüsiert, die sich mir auftat, als ich davon erzählte, dass ich einen Freiwilligendienst in Armenien machen wollte. Heute – wieder sicher in Deutschland gelandet und eingelebt – gebe ich rückwirkend zu: Ich wusste doch auch nicht wo Armenien liegt.

Auch nicht, dass die Menschen dort eine eigenständige Sprache mit eigenem Alphabet sprechen. Dass es trotz der geringen Größe ein landschaftlich wunderschönes und vielfältiges Land ist und dass die Menschen dort einfach unfassbar gastfreundlich und hilfsbereit sind. Wie sehr der Einfluss aus der Sowjetzeit heute noch zu spüren ist in Stadtbild, Denken und Gesellschaftsstruktur und was für Ähnlichkeiten man zwischen den heute eigenständigen post-sowjetischen Ländern feststellen kann. Dass ich dort eine beeindruckend friedliche Revolution miterleben (und mit feiern) würde. Wie viele Freundschaften und Erfahrungen ich aus diesen 10 Monaten mitnehmen würde. (…sehr klassischer Weltenbummlerkitsch, aber leider auch sehr wahr).

Das alles weiß ich heute und je mehr ich darüber nachdenke, wie viel ich nicht vor meiner Ausreise wusste, desto verrückter scheint mir meine eigene Entscheidung gewesen zu sein, das alles einfach so anzugehen. Es mag sich dramatisch anhören aber an das unsichere Gefühl nicht so recht zu wissen, was kommt, wenn sich die Flugzeugtüren in Yerevan öffnen würden, kann ich mich noch recht gut erinnern und es war etwas überwältigend. Umso dankbarer bin ich heute aber auch, dass ich die Flucht nach vorne angegangen bin.

Es gibt natürlich auch viele Dinge, über die man sich vor und während eines weltwärts-Dienstes bewusst sein muss und die nicht einfach in den Ordner der abenteuerlichen Unwissenheit geschoben werden dürfen. Zum Beispiel was es eigentlich bedeutet als junger Mensch mit wahrscheinlich gerade einmal Abitur einen „entwicklungspolitischen“ Freiwilligendienst in einem „Entwicklungsland“ zu leisten. Sowohl was für einen Einfluss dieser Austausch auf die Menschen vor Ort hat, als auch welche (ungerechten?) Strukturen und Abhängigkeiten man damit reproduziert. Kurz gesagt: Sich darüber bewusst zu sein was für ein Privileg es ist diese Zeit so zu verbringen und sie gleichzeitig kritisch hinterfragen.

Wenn all das gegeben ist –im Idealfall wohl gepaart mit großer Robustheit, emotionaler Reife und vielleicht auch einem gesunden Überschuss an Selbstbewusstsein – dann kann ich jedem nur ans Herz legen die Möglichkeiten zu nutzen, die mir glücklicherweise geboten wurden und für die ich heute – so facettenreich sie auch ist – so dankbar bin. Denn die Unwissenheit bekämpft zu haben und jetzt mit einem wohl wissenden Lächeln auf den Lippen mein damaliges Ich zu betrachten, macht alle Unannehmlichkeiten meinerseits auf jeden Fall wett.


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