Seit fast zwei Wochen bin ich nun schon in Ecuador  und die Zeit war bereits sehr ereignisreich. In diesem ersten Blogeintrag möchte ich von meinen Erlebnissen der ersten Tage berichten und dabei vor allem auf die größten Überraschungen und Unannehmlichkeiten  eingehen. Außerdem muss gesagt sein, dass mein eigentlicher Freiwilligendienst noch nicht angefangen hat. Folglich hatte ich bisher im Grunde „Urlaub“. Die Arbeit im Altenheim hat am Montag den 09.09. angefangen.

David, Ecuador, Banos, weltwärts, Freiwilligendienst, ODI, OpenDoorInternational

Baños, Ecuador

Ankommen

Nach zwölfstündigem Flug von Amsterdam nach Quito, der auf knapp 3000 Metern Höhe liegenden Hauptstadt Ecuadors, wurden ich und die übrigen fünfzehn Freiwilligen von den beiden Koordinatorinnen Belén und Stefy von unserer Partnerorganisation FIIDES zusammen mit Kathrin, einer weltwärts Freiwilligen ein Jahrgang vor uns, abgeholt.

Die ersten beiden Tage verbrachten wir daraufhin in einem Priesterseminar, da uns deren Räume zur Verfügung gestellt wurden. Besonders eindrücklich fand ich dabei die sehr strenge Hausordnung der Einrichtung, deren erste Regel besagte, dass man sich „des Evangeliums entsprechend“ zu verhalten habe. Das zweitägige Camp lehrte uns in erster Linie die Dos and Don’ts Ecuadors, unter anderem wie man grüßt und sich verabschiedet, Höflichkeitsformen, Erwartungen von Organisation, Gastfamilie, Projekt und uns selbst, die Einstellungen zu Gender Roles,  der Stellenwert der Familie und von Freunden, die Stellung der Kirche in der Gesellschaft und vieles mehr.

Am Mittwochabend fuhren ich und sieben andere Freiwillige nach Ambato, circa drei Stunden weiter südlich von Quito. Im Haus von Belén, der Organisationskoordinatorin hier in Ecuador, wurden wir sehr herzlich von ihrem Ehemann empfangen und mit Pizza und Getränken verpflegt. Schließlich trudelten alle Gastfamilien im Hause ein und jeder machte sich mit seiner Familie auf den Weg ins baldige traute Heim. Ich selbst bin mit Gesche zusammen in einer Familie, wohingegen andere alleine bei einer Gastfamilie wohnen oder noch andere im Projekt selbst untergebracht sind.

Meine Gastfamilie

Margoth Cacerés Tamayo, meine Gastmutter, wohnt alleine in ihrer Wohnung nahe dem Zentrum von Ambato. Von ihrem Mann, mit dem sie zwei Kinder bekommen hat, hat sie sich kurz nach der Geburt der beiden geschieden und sie praktisch alleine großgezogen. Lustigerweise ist ihre Tochter Diana auch Gastmutter von zwei Freiwilligen in Quito. Mein Gastbruder Paúl ist 35 Jahre alt, wohnt auch hier in Ambato, ist jedoch mehrere Tage die Woche in Quito, da er dort sein Unternehmen hat. Von Mittwoch bis Freitag dieser Woche konnte er mich mit zu seiner Schwester Diana nehmen und ich somit sowohl die Stadt Quito als auch den anderen Teil meiner Gastfamilie kennenlernen.

Mein persönlicher Eindruck von meiner Gastfamilie ist sehr positiv und viele andere Freiwillige sprachen des Öfteren vom Glück, das ich gehabt habe, hier bei Margoth zu wohnen. Das würde ich insofern unterschreiben, da Gesche und mir wirklich nahezu alle Freiheiten gegeben werden. Abgesehen vom sehr leckeren Essen, der Ordnungsliebe und Eifrigkeit im Haushalt, der Offenheit und Hilfsbereitschaft in allen Belangen ist sie ein sehr liebenswerter und humorvoller Mensch. Schon nach wenigen Tagen mussten Gesche und ich feststellen, wie wohl wir uns in unserem „neuen Zuhause“ fühlen und wie gerne wir uns mit ihr unterhalten. Da Gesche noch fast kein Spanisch spricht nehme ich dabei die Rolle des Übersetzers ein, was der Gesprächsqualität aber kaum schadet. Ich schätze mich glücklich, da mir die gewährten Freiheiten sehr wichtig sind und es bei anderen Gastfamilien gänzlich anders aussehen kann. Der sonntägliche Kirchengang, das Alkohol- und Rauchverbot sowie wenig bis keine Privatsphäre sind bei anderen Freiwilligen Selbstverständlichkeit oder zumindest Erwartung der Familie.

David, Ecuador, weltwärts, Freiwilligendienst, ODI, OpenDoorInternational

Das Wohnzimmer der Wohnung

Die größten Überraschungen

  1. Meine Spanischkenntnisse fußen im Grunde auf meinen Latein- und Französischkenntnissen und meinem autodidaktisch betriebenen Lernen durch Filme und Literatur, das ich seit circa zwei Jahren betreibe. Da meine Mutter uns nicht bilingual erzogen hat, kam das Interesse bei mir irgendwann selbst. Überrascht war ich, wie gut ich mit meinem Spanisch klarkomme. Alltagsgespräche stellen gar kein Problem dar und auch in anspruchsvolleren Unterhaltungen verstehe ich fast alles. Mein größtes Problem sind wohl die Vokabeln, die mir schlichtweg fehlen. Vieles kann ich mit Hilfe meiner Fremdsprachenkenntnisse herleiten und auch grammatikalisch kann ich nahezu alles, doch die Benennung von Objekten ist noch etwas holprig. Da ich aber sehr lerninteressiert bin und so oft wie möglich versuche zu fragen, wie etwas heiße, sollte das bald besser laufen. Der Privatunterricht, den ich ab morgen immer nach der Arbeit habe, sollte das noch mal beschleunigen. Die Anderen hatten bereits die vergangene und diese Woche Spanischunterricht, da ich aber der einzige in Ambato bin, der fortgeschritten ist, wird mir das Privileg der „clase particular“ zuteil.
  2. Der Wohlstand meiner Gastmutter hat mich doch überrascht. Insbesondere da man zuvor schon darauf vorbereitet wurde, dass der Lebensstandard der Gastfamilien unter Umständen weit unter dem europäischen Standard liegen kann. Natürlich war mir bewusst, dass es in jedem Land der Welt reiche wie arme Menschen gibt, doch der Stereotyp vom armen Entwicklungsland lässt einen dann doch öfter die freilich kleine Mittelschicht vergessen als man denkt. Margoth hat übrigens als Buchhalterin gearbeitet und elf Jahre lang in Valencia (Spanien) gewohnt. Mit ihren 65 Jahren erhält sie nun eine kleine ecuadorianische und eine etwas größer ausfallende spanische Rente. Zusätzlich natürlich Wohngeld über die Zusammenarbeit über ODI und Erlöse aus ihrem privaten Ohrringverkauf. Ihr jüngerer Bruder Roberto ist Zahnarzt hier in Ambato und ihr anderer Bruder Bolívar ist Chef einer großen Bäckerei in den USA, wohnt aber auch hier in Ambato. Nächsten Samstag ist Margoths Geburtstag und sie hat bereits in den höchsten Tönen von der Geburtstagstorte gesprochen, die Bolívar machen wird.
  3. Das Verkehrssystem funktioniert wirklich ausgesprochen gut – dafür dass es gefühlt nahezu keine Verkehrsregeln gibt beziehungsweise diese nicht eingehalten werden. Dauerhupen, abruptes Spurwechseln und das Nichtanhalten an Zebrastreifen und roten Ampeln sind Gang und Gebe in den großen Städten. Ich persönlich habe gar kein Problem damit, aber ich würde mich nicht selbst in ein Auto setzen und fahren, zumal man es als Gringo wahrscheinlich noch schwerer auf den Straßen hat.

Die größten Unannehmlichkeiten

  1. Man wird wirklich extrem oft und extrem lange von den Einheimischen angestarrt- vom Kleinkind über den Polizisten bis hin zum Senioren. Ich nehme es den Leuten auf keine Weise übel, aber dennoch trägt es immens zum Unwohlsein in der Öffentlichkeit bei. In Ambato und anderen ländlicheren Regionen ist das denkbar oft so. In meinem zweitägigen Quito-Aufenthalt diese Woche, während dessen ich meine Gastschwester Diana mit ihren Gastkindern Maya und Tobi (zwei andere Freiwillige) besucht habe, ist mir aufgefallen, dass es in Quito nicht so krass ist, was wohl an der höheren Internationalität der Hauptstadt liegt. In vielen Fällen können es sich aber vor allem viele junge Männer nicht verkneifen, den großen, blonden deutschen Mädchen hinterher zu pfeifen. Aber wen das interessiert darf sich gerne die Blogeinträge der weiblichen Freiwilligen durchlesen.
  2. Ich bin eigentlich jemand, der sich nicht rund um die Uhr Sorgen um Sicherheit macht. Gezwungenermaßen werde ich mir diese Eigenschaft wohl abgewöhnen müssen, denn man verliert schneller sein Hab und Gut als einem lieb ist. Zum Glück spreche ich (noch) nicht aus eigener Erfahrung, aber zwei Freiwillige wurden bereits bestohlen. Man muss sich wirklich durchgehend bewusst sein, wo man seine Wertgegenstände trägt und sie niemals rausholen, wenn es nicht notwendig ist. Bei Nacht sollte man sich zudem auch nicht alleine herumtreiben, denn vor allem in dunklen Ecken und wenig bewohnten Vierteln kann Gefahr lauern. Ich finde es schon alleine sehr bezeichnend, dass wirklich jede neue Bekanntschaft, die man macht, darauf hinweist, vorsichtig zu sein und nur das Nötigste bei sich zu tragen. Gringos wie ich sind mit Sicherheit ein noch größeres Ziel für Diebe, aber selbst jeder Ecuadorianer wurde laut eigener Aussage schon mindestens einmal bestohlen.
  3. Der Umgang mit Tieren ist anders als in Deutschland. Abgesehen von den vielen Straßenhunden scheint vor allem der arme Teil der Bevölkerung einen anderen Umgang mit ihren Haustieren zu pflegen, wahrscheinlich nicht zuletzt aus finanziellen Gründen. Auf meinem Arbeitsweg sehe ich jeden Tag einen sehr ungesund aussehenden Hund, der in einem zwei Quadratmeter großen Käfig mit winziger Hundehütte lebt und mich jedes Mal sehr aggressiv anbellt. Von Erzählungen anderer Freiwilliger weiß ich außerdem, dass viele nicht stubenrein sind und allgemein einen härteren Umgang erfahren. Besonders schockierend fand ich einen Vorfall im Parque 12 de Noviembre in der Stadtmitte Ambatos, als vier kleine Kinder mit einem verletzten Vogel „spielten“ und ihn immer mal wieder laufen ließen, um ihn dann wieder einzufangen. Als sie uns erblickten, schickten sie ihn prompt in unsere Richtung uns erfreuten sich an unseren schockierten Gesichtern. Aus europäischer Sicht wirkt das allzu sadistisch, doch die für die Kinder schien das wie ein Spiel wie jedes andere. Natürlich ist das nicht repräsentativ für den allgemeinen Umgang mit Tieren in Ecuador, trotzdem blieb es mir besonders im Gedächnis.

Insgesamt haben mir meine ersten zwei Wochen sehr gut gefallen. Durch den Trip nach Quito habe ich erste Eindrücke vom hektischen Großstadtleben sowie von der atemberaubend schönen Natur und den Diskos in Baños bekommen. Ich bin sehr gespannt, wie mein Alltag im Projekt aussehen wird und wie ich mit der sprachlichen und kulturellen Barriere klarkommen werde. Mit Sicherheit werden die nächsten Wochen und Monate eine erfahrungsreiche Zeit und ich hoffe, euch durch meine (hoffentlich) monatlichen Blogeinträge und meinen Instagramaccount informative Einblicke in mein Leben hier geben zu können. Zum Schluss möchte ich noch auf die Subjektivität meiner Erfahrungen hinweisen und euch gleichzeitig ans Herz legen, die Einträge der anderen Freiwilligen zu lesen, die mit Sicherheit mindestens ebenso interessant sein werden. David, Ecuador, weltwärts, Bach, ODI, OpenDoorInternational

Vielen Dank fürs Lesen und jegliche Art von Rückmeldung!

Euer David am 08.09.2019


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