Alleinsein ist ein Zustand, mit dem jeder früher oder später konfrontiert wird. Aber wie alleine man sich während des Alleinseins fühlt, kann man kontrollieren und Alleinsein ist dabei nicht mit Einsamkeit gleichzusetzen, vielleicht hilft Alleinsein sogar gegen die Einsamkeit, wenn man weiß wie.

Ich bin eigentlich gerne allein, ob unterwegs oder zu Hause, aber mit dem Alleinsein schwingt bei mir auch immer ein gewisses Gefühl der Angst mit. Angst vor fremden Menschen, Situationen, die ich vielleicht alleine nicht zu bewältigen weiß.

Jetzt bin ich zwei Wochen nur mit mir und meinem Rucksack durch Kolumbien gereist und frage mich, ob mich das jetzt irgendwie verändert hat und ob ich nun besser Alleinsein kann.

Mein Fazit: es war auf jeden Fall ein Abenteuer.
Einige meiner Gedanken der letzten zwei Wochen habe ich aufgeschrieben.


Die ersten Tage alleine:

Zugegeben, heute dachte ich direkt mal ans Aufgeben.
Nach zwei Wochen vollgepackt mit tollen Erlebnissen mit meiner Freundin, wurde ich jetzt alleine gelassen und starte in zwei weitere, völlig ungeplante Wochen, die, wer weiß wo enden werden.

Ich habe mir alleine Reisen immer wahnsinnig toll vorgestellt, so als würde man sich endlich mal richtig kennenlernen, zu sich selbst finden und einfach die beste Zeit seines Lebens haben.
Und merken, dass man zum Glücklichsein keine anderen Personen braucht.

Und jetzt sitze ich hier im Bus zu meinem ersten Ziel an der kolumbianischen Karibikküste mit einer Menge Bammel und unguten Gedanken.

Wenn du alleine unterwegs bist, fragt dich gefühlt jeder -halb verwundert, halb bemitleidend- wo denn deine Reisegefährten sind. „Ähm, die warten im Hostel auf mich“, antworte ich lieber. Auch setzt sich immer irgendjemand zu dir, was manchmal eher in unangenehmen Situationen, als in netten Bekanntschaften endet.

Sobald ich aus dem Bus raus bin, warten schon über 20 Männer auf mich, die mich mit ihrem Motorrad mitnehmen wollen.
Ich stehe an irgendeiner Straße, ohne Internet und frage mich zu einem Hostel durch, wo ich hoffentlich auf zwei Freunde treffe, die wie zufällig immer dort waren, wo wir auch waren. Ich fühle mich super unwohl.
All die unschönen Dinge, die dich als (alleinreisendes) Mädchen erwarten, werden mich von jetzt an begleiten. Und wütend machen.

Nachdem ein „Polizist“ versucht hat, meinen Reisepass wegzunehmen, für was auch immer, flüchte ich mich in ein Taxi. Nächste Nachricht: meine Freunde sind nicht im gleichen Hostel, ich bin alleine. Nächstes Problem: was mache ich heute Abend, so ganz alleine.

Ich sitze ein bisschen im Hostel rum, ich laufe ein bisschen die Strandpromenade auf und ab, aber das gebe ich schnell auf.
Auch alleine an den Strand legen, funktioniert hier nicht so, wie vielleicht an anderen Orten auf der Welt. Die Blicke und Sprüche, die unaufhörlich auf mich einprasseln, hindern mich an einem entspannten Strandtag.
Was für ein bescheuerter Start.

Aber vielleicht gehört das zum Prozess dazu und man kann sich Stück für Stück dran gewöhnen. Mein Papa hat mir immer erklärt, wie wichtig es ist, alleine mit sich klar zukommen, am Ende bleibe nämlich nur man selber.

Tag 2 beginnt mit einem komischen Gefühl im Bauch, als würde mir etwas bevorstehen. Ich stehe früh auf, um nichts von meinem Tag zu verpassen, habe dann aber irgendwie gar nicht so viel zu tun. Ich versuche dieses schlechtes Gefühl (ist es Einsamkeit?) zu verdrängen, den Kloß in meinem Hals runterzuschlucken, denn im Urlaub ist schließlich keine Zeit für schlechte Gedanken. Und Zeit habe ich eine Menge. Also gehe ich erst mal alleine was essen.


Zwischenfazit:

So schlimm ist es doch nicht. Nach anfänglichen Schwierigkeiten und meiner pessimistischen Einstellung gegenüber des weiteren Verlaufs habe ich superschnell neue Leute kennengelernt und so hatte ich eine sehr abwechslungsreiche und doch schöne Zeit an der Küste, mit vielen wechselnden Bekanntschaften.

Das Wichtigste ist dabei wohl, offen für alle Möglichkeiten zu sein, einfach auf neue Dinge eingehen, einfach „Ja“ sagen und dann sehen was passiert.
So war ich z.B. zum ersten Mal alleine Abends aus, in einer Karaokebar und hatte eine der besten Nächte der gesamten Reise. Die Welt ist nämlich voll von offenen, verrückten, tollen Menschen, die dich immer und überall aufnehmen.

Das Beste am Alleinreisen ist, dass man quasi gezwungen ist, neue Leute kennenzulernen und das ist für mich, als von Menschen eher eingeschüchterte Person, eine echte Herausforderung. Aber doch leichter, als gedacht.

Was mich ständig begleitet, ist das Gefühl, etwas zu verpassen. Besonders Abends, wenn ich sehe, wie die Freundesgruppen zusammen im Hostel essen, sich zum Ausgehen fertig machen und ich irgendwie das Gefühl habe, als Einzige alleine zu sein.
Aber ich merke schnell: alle Probleme, die während meiner Zeit alleine auftreten, mache ich mir selber und sie existieren nur in meinem Kopf, das muss ich mir immer wieder vor Augen halten.

Was ich auch schnell gemerkt habe: Städte besuchen ist definitiv leichter, als an den Strand zu fahren, außer man möchte wirklich für sich in der Natur sein. In einer Stadt bieten sich so viele Möglichkeiten und ich habe fast nie das Gefühl von „und was jetzt“.

Ich gehe ins Kino, gehe Essen, alle möglichen kulturellen Attraktionen ansehen und dabei ist es sogar angenehmer, alleine zu sein, sein eigener Chef sein, die Reise so zu gestalten, wie man grade Lust hat, eigenständig sein, das genieße ich besonders hier.


Gedanken zum Schluss:

Ob meine zwei Wochen alleine besser waren, als die vorherige Zeit mit meiner Freundin, ich weiß es nicht. Es war sehr unterschiedlich und trotzdem kann ich teilweise nicht zuordnen, wann was passiert ist.

Die Zeit verging wie im Flug und ich kann behaupten, noch nie so viel auf einer einzigen Reise, in einem einzigen Land erlebt zu haben.
Oft unkomfortabel, nervenaufreißend, bedrückend, beängstigend, aber ebenso wahnsinnig schön.

Ich habe definitiv einige Ängste, was Kontakte knüpfen angeht überwunden und viele neue Leute kennengelernt, neue Dinge ausprobiert und gesehen, dass man auch alleine ziemlich gut zurecht kommt. Und, dass es sich lohnt, sich alleine in die weite Welt hinaus zu wagen.


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