Waoh! Jetzt sind schon fast fünf Monate vergangen. Krass, wie schnell die Zeit vergeht. Momentan hüllt sich das Dorf, in dem ich wohne, in eine dicke Schneeschicht. Das bedeutet zwar, dass es durchaus kalt sein kann, aber mit einstelligen Minusgraden komme ich ganz gut zurecht. 🙂

In den letzten Monaten ist soo viel passiert – nicht nur was die Temperaturen angeht. Angekommen bin ich hier noch im T-Shirt, mittlerweile trage ich an manchen Tagen so viele Jacken, Schals und Handschuhe, dass ich ganz unbeweglich bin. Aber das nehme ich gerne in Kauf.

Mitte September stand das On-Arrival-Training in Kokkola auf dem Plan, bei dem ich jede Menge Spaß hatte und das erste Mal Polarlichter (MAGISCH!) gesehen sowie zum ersten Mal eine finnische Sauna betreten habe.

Kurz darauf wurden die Freiwilligen in Helsinki besucht. Wir erlebten ein tolles Wochenende in der Großstadt. Ein Highlight war der Besuch der modernen Bibliothek Oodi, in der es frei verfügbare Nähmaschinen, 3D-Drucker und sogar echte Bäume gibt. Unser Plan allerdings war von hier aus  den Sonnenuntergang zu beobachten. Während wir dort alle auf der Terrasse über eine Europakarte gebeugt standen, sprach uns ein älterer Herr an und begann von seinen Erlebnissen einer Interrail-Tour durch Europa in seiner Jugend zu erzählen. Er war begeistert, dass wir alle aus verschieden Ländern kamen. Seine Frau wurde jedoch immer unruhiger und so verabschiedete er sich bald wieder von uns.

Wenig später ging es mit den Freiwilligen aus Helsinki in eine Cottage, (oder „mökki“,wie die Finnen sagen) welche mitten im Wald an einem See liegt. Wir hatten ein tolles Wochenende mit viel Natur, Ruhe und Spaß. Und auch wenn wir uns alle 4 Wochen zuvor noch komplett fremd waren, habe ich schon jetzt alle lieb gewonnen und freue mich, sie hoffentlich bald wieder zu sehen.

Und dann kam auch schon der November, von den Finnen als der schlimmste Monat im Winter bezeichnet, da die Dunkelheit langsam aber sicher Einzug nimmt. Anfang des Monats wird man noch mit guten 8 Stunden Tageslicht verwöhnt, Ende November geht es darum irgendwie in den ca . 4 Stunden Tageslicht nach draußen zu kommen, um die Helligkeit zu nutzen und ein klitzekleines bisschen Vitamin D zu tanken… Ich muss zugeben, es war an manchen Tagen schon echt ernüchternd, wenn die Morgendämmerung sich kurz vorm Mittagessen gegen 11 Uhr verabschiedet und nach der Kaffeepause um 13.30h schon wieder langsam das Ende des Tageslichts eingeläutet wird. Mein Schlafrhythmus hat darunter auch ziemlich gelitten… Irgendwann im November habe ich daher vorsichtig das erste Mal das kleine Döschen mit der handschriftlichen Notiz „winter is coming…“, das seit August auf meiner Fensterbank steht und ein Willkommensgeschenk von meinem Mentor war, geöffnet. Seitdem nehme ich regelmäßig Vitamin D, was durchaus hilfreich ist, um die langen dunklen Tage vernünftig zu überstehen.

Während in aller Welt die Corona-Infektionszahlen in die Höhe schnellen, bleibt es hier recht ruhig. Trotzdem werden die Menschen immer vorsichtiger, da vor Kurzem der achte Coronafall im Dorf bekannt wurde – die Zählung startete im März. Ausflüge in größere Städte wurden trotz der vergleichsweise niedrigen Infektionszahlen Finnlands nicht mehr ganz soo sicher.

Wir entschlossen uns also, auch mit erschrockenem Blick auf den erneuten Lockdown daheim und die Empfehlungen der finnischen Regierung, vernünftig zu sein und große Städte erstmal zu meiden. Die Wochenenden oder freien Nachmittage verbrachten Lea, meine Mitfreiwillige, und ich also mit Backen, Stricken (was ich erst hier gelernt habe), Spaziergängen und Wanderungen im Wald und Schnee, kleinen Trips in die Nachbarstadt, Ausflügen zum Meer oder gemütlichen Nachmittagen/Abenden mit Leuten aus dem Dorf. Durchaus angenehm. Dazu haben wir mittlerweile schon Unmengen an Tee und Kaffee konsumiert.

Der November endete mit meinem Geburtstag. Es lag Schnee, die Sonne ließ sich blicken, wir machten einen schönen Spaziergang durch die verschneite und zugefrorene Landschaft und hatten leckeren selbstgebackenen Kuchen. Der Tag endete mit Stockbrot am Lagerfeuer.

Leider kamen mit dem dann beginnenden Dezember auch strengere Coronaregelungen in Finnland. In der Schule darf ich weiter arbeiten, jedoch ist für mich die Arbeit im Kindergarten und mit den behinderten Leuten vorerst eingestellt.

Mit dem Dezember hielt auch der Unabhängigkeitstag in Finnland Einzug.

Ein kleiner Exkurs: von 1100 bis 1323 wurde Finnland von Russland und Schweden unterdrückt, bis 1808 herrschte nur Schweden über das territoriale Gebiet Finnlands. Von 1809-1917 war Finnland Teil des russischen Reiches, bevor sie dann am 6. Dezember 1917 die Unabhängigkeit erzielen konnten. Das feiern die Finnen heutzutage. Ein wenig seltsam (oder sagen wir aus unserer Sicht sehr ungewohnt) ist der nicht zurückgehaltene Nationalstolz der Finnen bezüglich des „Itsenäisyyspäivä“ schon.

Wir haben das Wochenende mit meinem Mentor, seiner Frau und einer Freundin der Beiden verbracht. Am 5. Dezember wurde erst gekocht, gemeinsam gegessen und dann Lebkuchen gebacken. Natürlich haben wir auch ein Häuschen gebaut, welches anschließend mit Kiloweise Süßigkeiten verziert wurde. Mir läuft schon wieder das Wasser im Mund zusammen, wenn ich an den Duft der selbstgebackenen Lebkuchen denke, die das ganze Haus eingehüllt haben…

Am Sonntag, dem „Itsenäisyyspäivä“ haben wir dann gelernt, wie man traditionell „karjalanpiirakka“ (Karelische Piroggen) macht, eine ostfinnische Spezialität. Zuerst werden aus dem Roggenteig kleine Kreise ausgestochen, die anschließend ultradünn ausgerollt, mit salzigem Milchreis gefüllt, gefaltet, gebacken und anschließend mit zerlassener Butter bestrichen. Frisch aus dem Ofen schmecken sie un-fass-bar gut. Als wir endlich den Dreh raus hatten, wie wir am Besten die Stücke ausrollen und Füllen ohne den Teig zu zerreißen, war die Schüssel auch schon leer und das letzte Blech wanderte in den Ofen. Danach gab es erneut ein gutes finnisches Mittagessen mit Resten vom Vortag. Aber der Tag war noch nicht beendet. Vor uns lag noch ein weiterer typisch finnischer Programmpunkt. Der Kriegsfilm „The Unknown Soldier“. 3 Stunden lang geht es um eine finnische Maschinengewehr-Kompanie, die 1941 an der Seite Deutschlands gegen die Sowjetunion kämpft. Glücklicherweise gab es englische Untertitel. Ebenso wie Erklärungen von meinem Mentor, um uns den Sachverhalt im Film etwas verständlicher zu haben. Zugegebenermaßen verspürte ich zunächst keine überschwängliche Freude hinsichtlich eines 3-stündigen Kriegsfilmes. Nach etwa der Hälfte legten wir allerdings eine Pause ein, um – typisch finnisch – Kaffee und Glögi zu trinken sowie unsere Bäuche mit Käse zu füllen.

Am Ende war ich dann aber hinsichtlich des Films doch positiv gestimmt, auch wenn ich nicht alles verstanden habe, war es doch interessant und irgendwie unterhaltsam.

Irgendwann, als es schon lange dunkel war, stampften Lea und ich dann durch den Schnee wieder nach Hause… bereit für eine neue Woche voller Erlebnisse.


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