Und wenn man glaubt, gerade richtig angekommen zu sein, kann es nochmal anders kommen

Das, was in der Zwischenzeit alles passiert ist, darauf wäre ich auch im (Alb?…)Traum nicht gekommen. Warum? Nun ja, die Situation erfordert(e), beziehungsweise hat dazu geführt, dass ich auf unbestimmte Zeit nun zu Anna nach Saint-Brieuc umgezogen bin. Seit zwei Wochen sind wir auch quasi arbeitslos. Und auf der ganzen Welt befinden sich Bevölkerungen vieler Lände in Ausgangssperren oder erleben zumindest einen sehr eingeschränkten oder ungewohnten Alltag. Wir gehören dazu. Und Leser dieses Blogs können sich daher auch ganz bestimmt denken, wie es hierzu gekommen ist.

Un petit résumé

Nun, ich fange aber dennoch von vorne an. Ich fange dort an, wo ich aufgehört habe. Wo die Welt noch (zumindest in den allergrößten Teilen) noch der Normalität unterworfen war. So lebte ich seit dem letzten Eintrag noch einige Wochen, die, zumindest im Nachhinein, ziemlich normal waren.

Les vacances avec mes chères

In den Ferien kam dann also als erstes meine beste Freundin Lene. Das Wetter war typisch bretonisch, und ihre Zugfahrt war typisch französisch: Sie kam viel zu spät in Paris an, dann verpasste sie ihren Zug und musste einen neuen buchen und bezahlen, um dann in Guingamp auf dem richtigen Gleis zu warten, nur, dass dieses verschoben wurde, ohne, dass sie informiert wurde. So war eine meiner Kolleginnen die Retterin in Not und erklärte sich bereit, Lene mit mir abzuholen. Lene machte sich übrigens über das bretonische Ortsschild „Gwengamp“ lustig und fragte, ob das für die Deutschen übersetzt wurde. Das amüsierte mich noch tagelang!! (Aber die bretonische Sprache ist zugegebenermaßen wirklich auch sehr merkwürdig!)

Lene und ich verbrachten so eine schöne Zeit zusammen! Wir ließen es uns von dem schlechten Wetter nicht nehmen, zahllose schöne Orte in der Natur zu erkunden. Ein Highlight bei fast einmaligem guten Wetter war definitiv Plouha mit Anna und ihrer besten Freundin. Außerdem luden wir meine Kolleginnen zum Kaffeetrinken ein, was auch richtig cool war. Somit hatte Lene die Ehre, als erster „Deutschlandkontakt“ meine „Franzosenkontakte“ kennenzulernen. Es war jedenfalls so toll, Lene bei mir zu haben, und, dass wir so viele Tage gemeinsam in Paimpol verbringen konnten.

Dann kam meine Schwester Janne am Samstag und ich konnte sie mit Blumen erfreuen. Wir verbrachten auch tolle Tage gemeinsam, wanderten unglaublich viel und luden Kolleginnen ein, wobei leider nicht mehr so viele kommen konnten. Dort erhielten wir ein Bild der Tochter einer meiner Kolleginnen (siehe unten), was einfach zuckersüß war! (Ein Deutschlandfan? 🙂 ) Außerdem wurden wir auch noch kurzfristig abends vor Jannes Abreise zu einer Kollegin eingeladen, was richtig cool war!

La rentrée et la colocation

Kurz vor dem Schulanfang am Samstag knickte ich leider um. Es ärgert mich bis jetzt, da es toujours manchmal etwas wehtut und da ich deswegen nicht Joggen gehen kann und konnte. Glücklicherweise war meine Sportkollegin aber so lieb und hat mir Creme und Pads mitgebracht, und so wurde es etwas besser.

Dann ging also wieder die Schule los, und es gab nochmal richtig coole Momente, aber auch ziemlich blöde. Zum Beispiel habe ich einen neuen Deutschclub mit jüngeren Schülern angefangen, was richtig cool war. Der Zeitungsclub macht auch jedes Mal auf’s Neue sehr viel Spaß. Auf der anderen Sache wurde es in meiner WG aber ziemlich kompliziert, die beiden Mitbewohner hassten sich wieder abgrundtief und schrieen sich an, und ein Mal wurde ich auch Opfer eines Wutanfalls, was sehr unangenehm war.

Das hat einige Tage schon sehr getrübt, aber zum Glück wurde ich sehr von meiner Tutorin unterstützt. Die war für mich da und half mir, Lösungen für andere Wohnungen zu finden (aber das ist nicht der Grund, warum ich bei Anna bin…). Eine Wohnung am Lycée war nun erstmal geplant, nur bekamen wir keine Rückmeldungen. So war es schon schwierig für mich, mich Zuhause nicht Zuhause zu fühlen und mit halb gepackten Koffern auf den nicht gewissen Umzugstag zu warten. Das erste Wochenende bei Anna klagten wir gemeinsam über unsere unangenehmen WG-Situation und verbrachten das erste Wochenende gemeinsam, das wir nicht in allzu schöner Erinnerung behalten würden.

Le changement inattendu du quotidien : die unerwartete Veränderung des Alltags :

Gleichzeitig spitzte sich die Coronaviruslage immer mehr zu, dessen Ausmaß und Auswirkungen für europäische Länder ich bei Weitem nicht kommen sehen habe. So war ich mit Anna in Saint-Brieuc zu einem Treffen mit Freiwilligen, was sehr cool war, und wir erhielten plötzlich die Nachricht, dass aufgrund des Coronavirus die Schulen ab Montag bis auf unbestimmte Zeit geschlossen würden. Das war ein Schock und erzeugte bei uns allen Unglaube sowie Sorgen. Ich wusste nicht, was ich machen würde, wenn ich plötzlich keine Arbeit mehr haben würde.

Der Freitag war somit mein bisherig glücklicherweise einziger Horrortag, zumindest für einen großen Teil des Tages: Ich hatte bloß fünf Stunden geschlafen, in der Schule herrschte eine ganz merkwürdige Atmosphäre, mein Vater teilte mir mit, eventuell infiziert zu sein, es stellte sich heraus, dass ich die Wohnung am Lycée aufgrund der baldigen Schulschließung doch nicht besichtigen können würde und in meinem Kopf drehten sich die Gedanken, was ich noch in den nächsten Wochen anfangen würden.

Die beruhigenden Worte meiner Tutorin waren die Rettung in der Not: Wir überlegten uns, womit ich meine Zeit verbringen können würde und für den Fall einer Ausgangssperre, versprach sie, mich zu ihr zu nehmen. Und ich sollte ab Dienstag sowieso für ein paar Tage zu ihr kommen. Den Rest des Freitags verbrachte ich also in besserer Laune, da ich mit einer Kollegin noch spazieren ging und abends bei einer Kollegin eingeladen war, die schon Janne und mich eingeladen hatte. Ein Missverständnis trug dazu bei, dass ich ohne Rucksack bei ihr ankam, obwohl sie geplant hatte, dass ich bei ihr übernachten würde. Zwar war ich somit auch gedanklich und was meine Wochenendpläne anging ziemlich unvorbereitet bezüglich einer Übernachtung, nahm das Angebot doch freudig an: Also die Nacht in einem Haus zu verbringen, in dem ich mich aufgehoben und wohl fühlte. So putzte ich mir abends die Zähne mit dem Kopf einer elektronischen Zahnbürste und bekam ein T-Shirt meiner Kollegin ausgeliehen. Für mich hätte es aber nichts Schöneres gegeben für diesen Abend! Die Diskussionen beim Abendessen und der Zubereitung drehten sich um die Fragen um die Zukunft und wie Unterricht nun bald übers Internet gestalten werden könne. Es war beruhigend, Ängste bezüglich der Auswirkungen des Virus teilen zu können, und es war auch trotz der merkwürdigen Situation ein schöner Abend! Wir stießen auf das Ende der Welt an und machten das Beste aus der Situation… Am nächsten Tag machten wir ein Ausflug an die Granitküste, das war auch wunderschön.

Den Rest des Wochenendes verbrachte ich bei Anna, wobei sie ziemlich hin-und hergerissen war, wo und wie sie die nächste Zeit wohl verbringen sollte. Sie plante gerade, im Falle eines Confinements (quasi etwas gelockerte Ausgangssperre) zu den anderen Freiwilligen in Saint-Brieuc zu gehen, da schrieb ich meiner Tutorin eine Nachricht, ob ich in dem Fall nicht zu Anna ziehen könnte, damit wir beide nicht allein seien. Meine Tutorin schrieb mir, dass sie auf egoistische Weise enttäuscht sei, dass ich dann nicht zu ihr kommen würde (was mir auch im Herzen schmerzte… 🙁 ), aber hielt es auch für die beste Lösung.

Préparer le confinement : Das Confinement vorbereiten :

Und so, da es sich herauskristallisierte, dass es vermutlich ab Dienstag so weit sein würde, fuhr ich dann Montag nach Paimpol zurück, um meine Sachen noch zu holen. Ich nutzte den letzten Tag in Paimpol aus und besuchte dort noch meine ehemalige Kollegin. Es war richtig cool, noch einmal bei ihr gewesen zu sein und sie nochmal gesehen zu haben! Und es war super schön, da es sonnig war und ich die Radfahrten richtig genießen konnte! Mensch, es zuckt mir regelrecht in den Fingern, das Ausrufezeichen wie die Franzosen zu setzten, und zwar so : Quelle horreur ! So seltsam es mir am Anfang schien, so seltsam sieht jetzt ein direktes Ausrufezeichen ohne Leerstelle für mich aus… Ganz merkwürdig, und das nur, weil ich so viele Nachrichten mit Franzosen austausche… Revenant à nos moutons (cooler Ausdruck, heißt so etwas, wie, kommen wir zum Thema zurück): Ich packte dann soviel ich konnte und machte mich auf den Weg zum Bahnhof. Heilfroh kam ich im Bus an  und schließlich auch in Saint-Brieuc. Anna und ich trafen uns abends noch ein letztes Mal mit den anderen deutschsprachigen Freiwilligen und verabschiedeten uns mit „Fußberührungen“. Für Dienstag, den 17. März ab 12 Uhr wurde dann tatsächlich das Confinement im Vorhinein angekündigt, wie Anna und ich erfuhren, als wir uns live die Fernsehübertragung von Macron ansahen. Den Satz : „Nous sommes en guerre“ werden wir wohl nie vergessen…

(Sur)vivre dans le confinement : Im Confinement (über)leben :

Und so befinden wir uns seit fast zwei Wochen im Confinement. Anna und ich machen das Beste daraus. Zwischendurch gab es nämlich noch einige Momente, aufgrund derer wir nicht ganz sicher waren, ob wir hierbleiben dürften, da eine Empfehlung für eine Rückreise ausgesprochen wurde und ihre Eltern sie auch gerne Zuhause wüssten.

Wir entschieden uns, aber zu bleiben. Und verbringen so Tag für Tag im Confinement. Versuchen, im Jetzt zu bleiben, und nicht über die Ungewissheit der Zukunft nachzudenken. Und im Jetzt geht es uns wirklich gut. Wir sind sehr beschäftigt mit Sport, Sprachenlernen, Telefonieren, Videoanrufen, Spazierengehen oder Joggen gehen, Spielen, Serien oder Filmen und Kochen, Tagesberichte schreiben. Wir stellten schon fest, dass wir den ganzen Tag über Essen redeten: Dass wir uns auf’s nächste Gericht oder den nächsten Nachtisch freuten, wie wir unser geplanten Gericht noch verbessern könnten, und und und…. Das ist schon ziemlich lustig, manchmal scheint es so, dass wir essen, und zwischendurch mal was Anderes machen, und nicht andersherum. Aber aufgrund unser täglichen Workouts können wir uns das ja auch (noch?) erlauben.

Was auch schön ist, dass wir uns noch viel mit unseren französischen Kontakten austauschen, die mir schon fehlen. Meine Tutorin ist so süß und schrieb auch, dass ich ihr fehle ;( Eventuell Videotelefonieren wir heute noch, das wäre schön.

Im Großen und Ganzen geht es Anna und mir also gut. Die Situation ist schon eine „situation très particulière (eigenartig)“, aber dafür geht es uns noch sehr, sehr gut. Wir verbringen schöne Momente, machen uns mal über den Anderen lustig, diskutieren über die Aussprache oder die korrekte Form von verschiedenen Wörtern etc.etc. Wir leben halt. Zusammen. Und das ist sehr gut so! Wir haben hier spontan eine sehr coole WG aufgemacht!! Und wir haben genug Klopapier, das sagt ja sowieso schon alles.

Nun, bis zum nächsten Mal…

Vielleicht, wenn die Situation besser ist? Darf man darauf hoffen?

Wir werden es alle sehen… Und machen erstmal das Beste daraus.

Die süße Zeichnung der Tochter 🙂

Leonie

Als Janne mich besuchen kam und wir auf der Ile de Bréhat waren

Als Janne im Regen ankam

Als wir gemeinsam in Plouha waren

Als ich mit meiner besten Freundin am Strand in Plouha war

Anna und ich im Confinement


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