OUI OUI OUI

Die Zeit verfliegt

Es ist wirklich kaum zu glauben, aber in ein paar Tagen ist die Hälfte meiner Zeit hier um. Einerseits weiß ich, dass ich schon so viel erlebt habe, und wenn auch nur annähernd so viel dazu kommt, wäre das schon unglaublich. Andererseits macht mir das etwas Angst – so sehr ich mich schon darauf freue, in Deutschland wieder Zuhause zu sein und endlich die Familie und Freunde wiederzusehen. Ich werde dort endlich wieder gänzlich ohne Anstrengung ohne Kontextwissen Unterhaltungen verstehen, ich werde wieder schlechte Wortwitze machen können und selber nahezu alle Wörter verstehen. Ich werde wieder in einem Haus leben, wo keine unangenehmen Konflikte zwischen (Mit)Bewohnern bestehen und ich mich immer wohl fühle. Ich bin wieder eine von vielen und habe nicht mehr manchmal den Eindruck unter der Aufmerksamkeit Aller zu stehen oder, dass es irgendwie schwierig ist, sich in die Gespräche einzubringen, besonders wenn man die anderen nicht kennt.

Das klingt jetzt gerade irgendwie so, als wäre es hier ganz schrecklich… Überhaupt nicht, allermeistes nehme ich all dies auch als positive Herausforderung an. Ich wollte nur klarstellen, dass ich mich natürlich auch freue, in einigen Monaten wieder nach Hause zu kommen. Und es einfach ein ganz anderes Leben hier ist. Ich will natürlich unbedingt wieder nach Hause kommen! Allerdings wünsche ich es mir nicht allzu schnell herbei, und weiß dennoch genau, dass ich schon in ein paar Augenblicken den Artikel verfasse, zu dessen Zeitpunkt mir nur noch ein Monat oder ein paar Tage bleiben… In dem Sinne bin ich so froh, dass ich so viel wie möglich von jedem einzelnen Tag hier profitiere, in dem ich mich integriere oder integriert werde, indem ich lebe, und mir oft vor Augen führe, was für eine Chance das hier ist.

 

La langue française

(die französische Sprache)

Letztens haben wir unter Freiwilligen ein Video geguckt, indem der Kommentar fiel „Wenn es euch schwerfällt, die französische Sprache auszusprechen, ist es nicht eure Schuld. Es ist die Schuld der französischen Sprache“. Ja, da mag was dran sein. Denn ich schaffe es, mich an einigen Sätzen oder Wörtern immer wieder zu verhaspeln oder aufzuhängen, auch nach fast neun Jahren französisch lernen und viereinhalb Monaten in Frankreich leben. Huch, es klingt so krass, das wirklich sagen zu können, dass man viereinhalb Monate in Frankreich gelebt hat. Nun ja, aber trotzdem ist es so cool, seine Fortschritte zu bemerken.

Erstens hat es mich letztens so gefreut, als meine Tutorin meinte, dass man bei mir bei manchen kurzen Sätzen gar nicht merkt, dass ich nicht Französin bin 😉 Zweitens macht es mir einfach unheimlich Spaß, Tag für Tag neue Wörter oder Ausdrücke kennenzulernen oder auch zu verwenden. Es kommt vor, dass ich mit Anna über die französische Sprache rede, und sie mich auf den Ausdruck „nickel“ (super, einwandfrei) hinweist. Und danach höre ich es dauernd, so dass ich mich frage, ob ich das Wort ausgeblendet habe, oder „ni quel“ verstanden habe. Das halte ich dann aber doch für unwahrscheinlich, da „Ca va?“ – „Ni quel.“ doch wenig Sinn ergibt.

Manchmal kommt es auch vor, dass man ein Wort völlig falsch versteht. Die erste Interpretation des Wortes kann dann aber dennoch dazu führen, dass man fast das Gefühl hat, die Franzosen, und nicht man selber, vertun sich bei der Verwendung des Wortes!!

Aber das kann natürlich nicht sein, denn Franzosen haben ja immer Recht!

Ja, es ist echt so cool, dass ich hier in Frankreich lebe und ich mein Französisch, besonders was die Umgangssprache, Schnelligkeit und Aussprache betrifft, nochmal deutlich verbessern kann.

 

Was ich noch so erlebt habe

Also erstmal hab ich es – ein wahres Wunder – tatsächlich geschafft, ohne große Probleme nach Deutschland und zurück nach Frankreich zu kommen. Dann wurde ich an meinem ersten Abend bei meiner Tutorin zum Essen eingeladen. Das war UNGLAUBLICH lieb und hat meine Rückkehr tausendmal erträglicher gemacht, aber ich war so schrecklich müde, dass ich ein etwas unwürdiger Gast war… Meine Tutorin und ihre Familie konnten mir das aber glaube ich glücklicherweise verzeihen.

Schwieriger Einstieg:

Ja, die ersten Tage habe ich mich hier tatsächlich etwas allein gefühlt. Die intensive Weihnachtszeit und Neujahr zwischen Familie und Freunden war dann ein ziemlicher Kontrast zu meinem Leben in Paimpol, wo ich nicht allzu proche mit meinen Mitbewohnern bin. Und Anna leider erst in Saint-Brieuc-nehme-man-einen-Bus-und-fahre-1h20-und-dies-geht-nur-vier-Mal-am-Tag-Entfernung erreichbar ist.

Wieder Ankommen

Nach ein paar Tagen hab ich mich aber wieder daran gewöhnt und mir ging es wieder super! Gleich das erste Wochenende war nämlich auch toll, da ein organisierter Schulflohmarkt war (ehh… Diesen Satz lasse ich jetzt beim Korrekturlesen so stehen, um zu zeigen, dass mein Deutsch wohl oder übel leidet…). Meine Tutorin hat mir da einen Teddybär geschenkt, echt süß, und meine Ersatztutorin, die zu meinem Bedauern nicht mehr an der Schule ist, konnte ich da endlich wiedersehen, was sehr schön war! Der Flohmarkt war echt cool, ich habe den Schulstand vertreten und gelernt, bretonische Crêpes zu backen („Ta soeur sera fière de toi“ : „Deine Schwester wird stolz auf dich sein.“) Ich hatte wirklich einen schönen Tag. Ach, und ich kam in die Zeitung. In einer 8000 Einwohnerstadt kommt man dann doch öfter in die Zeitung oder Medien, wenn man an einer Schule arbeitet und bei Events dabei ist:)

Abenteuer 

Außerdem waren Anna und ich Neujahrsschwimmen. Es war so ein cooles Gefühl, über den Strand zu rennen, so kalt es auch war. Die Füße konnten wir dann eine zeitlang nicht spüren, und ich versuche mir einzureden, dass ich die Woche danach NICHT deswegen krank war, aber gelohnt hat es sich! Außerdem waren wir zu einer Fortbildung in Rennes und Anna und ich blieben dann noch eine Nacht in einer Jugendherberge, was auch so toll war!

Erlebnisse

Ansonsten war ich dieses Jahr das erste Mal auf ein(em?) Festnoz mit anderen Freiwilligen. Das ist ein bretonisches Tanzfest, was nachts stattfindet. Und was einfach mega cool ist, da dort alle Generationen aufeinandertreffen und miteinander tanzen. Ich hab auch die meisten Wochenenden mit Anna verbracht, was einfach genial ist. Wir verbringen dann abends stundenlang in der Küche und essen, die französische culture färbt ab. Und wir machen coole Ausflüge, sehen Städte (mit klitzekleinen Regenschauern…) und haben einfach Spaß! Letzten Samstag hatte ich die Ehre mit zu einem ihrer Kollegen nach Hause eingeladen worden zu sein. Er hatte das schönste typisch bretonische Haus, was wir je gesehen haben! Und es war ein richtig toller Abend.

Erfahrungen

Ziemlich stolz bin ich auch, dass ich es mich getraut habe, eine Unterrichtsstunde in der Terminale zu machen. Die Lehrerin hat Sachen hinzugefügt, aber dennoch war es so cool, dass ich das machen durfte und es eine erfolgreiche Stunde war. Umso schöner, wie enthusiastisch sie danach über den Verlauf der Stunde war:) Im Vorhinein hatte ich nämlich schon ziemlich Respekt davor, eine Stunde vor 12. Klässlern im Literaturunterricht (also quasi Französisch…) zu halten!

Gestern dann waren wir auf dem „Tag der Wertschätzung der Arbeit von jungen Menschen der Welt“ in Rennes. Es war richtig cool, dort nochmal mit lauter fremden, interessanten Menschen aus aller Welt in Kontakt zu kommen! Vor allem aber die Rückfahrt werde ich nie vergessen, ich habe selten so viel gelacht. Meine Tutorin hat nicht nur mich, sondern auch Anna und Marina aus Saint-Brieuc nach Hause gebracht. Marina ist Spanierin und hat sich angewöhnt, auf allerlei Fragen mit „oui, oui, oui“ zu antworten, wo eins doch schon suffisamment (genug) bejaht 🙂 Meine Tutorin hat das dann angesprochen und gelacht und meinte, in Frankreich würden die Frauen so bei der Geburt klingen. Dann kamen wir alle nicht mehr aus dem Lachen, und Marina, die sich diese Angewohnheit nicht so schnell abgewöhnen kann (und bitte nicht soll!), hat uns immer wieder zum Lachen gebracht mit ihren wiederholten „oui“s.

„Oui, oui, oui“ ist also der Betreff dieses Blogs geworden. Erstmal, weil es vielleicht mein größter Lachflash hier war. Und ich so viel damit verbinde. Und, weil ich „oui“ sage: zu Frankreich und der Chance, die ich hier habe, und die ich mit einem dreifachen oui, oder mit auch noch viel mehr „oui“s, an mich nehme.

Jetzt freu ich mich schon auf mein nächstes Wochenende mit Anna, sowie die Tatsache, dass mich bald meine beste Freundin und meine Schwester besuchen kommen! Soooo toll!

À la prochaine,

Leonie.

In St Quai Portrieux

 

Festnoz

 

Nach dem Neujahrsschwimmen

 

P’tit Loulou;)

 


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