Für mich stand schon Anfang November fest, dass ich zu Weihnachten nicht nach Hause fahren würde. Natürlich konnte ich deswegen diese Zeit des Jahres, wie auch Silvester, nicht mit der Familie verbringen. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens will ich in der aktuellen Situation möglichst wenig reisen und zweitens konnte ich miterleben, wie in Polen die Zeit um den 24. Dezember verbracht wird. Wann würde sich mir wohl eine weitere Gelegenheit dazu bieten?

Normalerweise werden 12 Gerichte zubereitet und – wenn man viel Glück hat – am selben Tag gegessen. In meinem Fall bin ich an Weihnachten um halb fünf in Owsiana angekommen, wo eine Arbeitskollegin von mir wohnt, die Malgosia heißt. Zur Bibliothek konnte ich leider in letzter Zeit nicht gehen und musste deshalb weiter im „home office“ arbeiten. Hoffentlich ändert sich das ab Mitte Januar, aber aller Voraussicht nach wird das eine spontane Entscheidung.

In der Wohnung von Malgosia angekommen, habe ich ihre Familie kennengelernt. Ihr Sohn Krzysztof war an diesem Abend für mich der Dolmetscher; er kann gut englisch sprechen und natürlich auch polnisch.

Zuerst hat sich jeder von uns eine sogenannte Oblate genommen, was mich am ehesten an Esspapier erinnert hat. Wir haben uns jeweils ein Stück dieser Oblaten von den anderen abgebrochen und uns gegenseitig etwas gewünscht. Wenig später haben wir mit dem eigentlichen Festmahl begonnen. Das erste Gericht nennt sich Barschtsch: eine Suppe, deren Hauptzutat rote Beete ist. Davon hat es auch die entsprechende Farbe. Außerdem haben wir es mit pierogi-ähnlichen Teigtaschen mit Champignon-Füllung gegessen. Zum Trinken gab es vorerst nur einen Tee mit einem Apfelstück darin. Der Tisch wurde im Vorherein traditionsbedingt für fünf Menschen gedeckt, obwohl wir nur zu viert waren – Malgosia, ihr Mann Ebek, Krzysztof und ich.

Da ich Vegetarier bin, habe ich nichts von dem Fisch gegessen, den die anderen an jenem Abend auch noch gegessen haben. Beim Kartoffelpüree und Sauerkraut habe ich mich allerdings reichlich bedient. Einige Gänge später haben wir auch eine Art Brotzeit gegessen, mit Tomaten, Käse und Kartoffelsalat. Ich war froh, dass ich an Weihnachten nur gefrühstückt habe. Trotzdem war ich am Ende des Tages relativ satt.

Nach dem Essen haben Krzysztof, Ebek und ich uns auf ein Sofa im gleichen Raum gesetzt. Links neben dem Esstisch stand schon die ganze Zeit über ein Weihnachtsbaum. Unter diesem lagen einige Geschenke. Ich habe unter anderem ein „I love Gdynia“-T-Shirt und ein (auf englisch verfasstes) Buch über die Geschichte Polens  bekommen. Dafür musste ich pro Geschenk eine kleine Herausforderung bewältigen, zum Beispiel drei Liegestütze.

Im Anschluss daran haben wir uns zurück an den Tisch gesetzt und Käsekuchen gegessen. Eigentlich wollten wir wiederum danach russischen Salat essen, aber zu diesem Zeitpunkt hatte keiner mehr Hunger, weshalb Malgosia den Salat für mich eingepackt hat. Ich habe ihn am darauffolgenden Tag gegessen und er hat sehr gut geschmeckt.

Alles in allem kann ich sagen, dass sich das polnische Weihnachten meiner Erfahrung nach sehr vom deutschen unterscheidet, vor allem wegen der 12 Speisen, die es an diesem Tag zu essen gibt. Doch auch von den Oblaten habe ich vorher nichts gewusst. Letztendlich war es aber ein sehr schöner Tag und eine Erfahrung, die ich nicht so schnell wieder vergessen werde.


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