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Zum Thema ‚über meine Projekte kann ich im nächsten Blog berichten‘:

Nichts da.

Gestern habe ich erfahren, dass alle Projekte, die mein EVS hier in Griechenland ausmachten, nicht zustande kommen werden. War ich traurig? Nein. War ich enttäuscht? Vielleicht. Ich habe mich entschlossen, aufzuhören enttäuscht zu sein. Das wäre ja sonst ein Ganzjahresprojekt. Ich meine, alles worauf ich mich freute, habe ich hier nicht vorgefunden (mindestens eine Mitfreiwillige, viele Aufgaben, Arbeit mit Kindern, das Gefühl wirklich gebraucht zu werden, Einbindung in Familie). Und all das, was ich von diesem Jahr nicht wollte, habe ich nun stattdessen als Wegbegleiter (viel Zeit alleine, Langeweile, keine Aufgaben/Projekte, keine Mitfreiwillige, keine Einbindung in eine Familie, das Gefühl manchmal überflüssig zu sein). Tatsächlich hat es mich 1 1/2 Monate gekostet, das Unerwartete zu wertschätzen. Wie mein Wing Chun Lehrer aus Lübeck wirklich treffend zu Bedenken gab:

Dabei frage ich mich übrigens, ob wir Situationen, die genau so sind, wie wir sie erwarten, überhaupt als ‚Erfahrung‘ bezeichnen würden.

Jedes Hinterteil hat auch ein Vorderteil:

Dadurch, dass ich nicht so stark durch Projekte gebunden bin, ist es mir ermöglicht, viel zu reisen und über Workaway Europa zu erkunden. Offiziell hätte ich 2 Tage pro Monat frei, aber hier kann ich mir freinehmen so viel ich mag, dank Ilektra, meiner Koordinatorin, deren höchsten Ziele es sind, dass ich glücklich bin und dann noch ganz nebenbei die Welt zu retten. Exkurs zu ihr: total freundlich, lieb, engagiert und eine der Hauptstreiterinnen bei dem Projekt, Demokratische Schulen in Griechenland durchzusetzen. Sie kümmert sich non-stop darum und hat dadurch dauernd Skype-Konferenzen. Ihrer Tochter hat sie versprochen, dass sie nicht zur High School gehen muss, also hat sie noch drei Jahre, bis die erste democratic school greece existieren muss, und das nimmt Ilektra auch sehr ernst. Vielleicht erklärt das auch ein wenig den vernachlässigten Haushalt: Prioritäten.

Jedenfalls freue ich mich auf’s Reisen, in Aussicht auch mit einem guten Freund aus Deutschland. 🙂

Bring on the future!

Meine Ersatz-Sorgenkind:

Auf Skiathos gibt es unfassbar viele Straßenkatzen, um die sich dringend gekümmert werden muss. Daher hat die Britin Sharon sich vor einigen Jahren dazu entschieden, einige kranke Katzen aufzunehmen. Das sprach sich recht schnell herum, daher wurden immer mehr kranke oder herrenlose Katzen bei Sharon abgeliefert und ZACK – 200 Katzen leben nun dort um und in der Villa.

Glücklicherweise ergab sich die Möglichkeit, dass ich in diesem Catshelter von Skiathos helfen kann. Es ist im Prinzip eine Villa auf einem Berg, die man nur über eine steile, enge und Nicht-Einbahnstraße (zur einen Seite der Abgrund) im Auto erreichen kann. Der Ausblick ist unfassbar schön von dort: weiter Blick über das Meer, die Nachbarinseln und den kleinen Flughafen mit seiner süßen Landebahn.

– kurze Fotostrecke zum Catshelter –

Suche die Landebahn

Feeding Time

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dort verbringe ich 3 Tage die Woche à 4 Stunden mit den Katzen, die gestreichelt, gefüttert, medizinisch versorgt oder sauber gemacht werden wollen. Das macht mir viel Spaß, aber nicht alle Aufgaben sind besonders angenehm zu erledigen. Gerade dann, wenn die kleinen Katzen Durchfall haben, hat man alle Hände voll zu tun. Wie schon im vorigen Blog erwähnt, ändert sich auch meine Haltung gegenüber widerlichen Dingen. Es wird normal, 2 Stunden in einem stinkenden Schuppen zu wischen und zu wienern, wo nicht-stubenreine Katzen trotzig die Katzenstreubox ignoriert haben… Süß sind sie aber allemal:

 

Sharon teilt nicht nur ihr Wohnzimmer sondern auch ihre Küche mit den Katzen. So kommt es, dass es nicht immer ganz eindeutig ist, wem welche Geschirrteile gehören. Offiziell ist das Besteck für das Katzenfutter getrennt von dem für den normalen Gebrauch. Seht selbst:

Ihr seht auch keine Trennung? Ach Mensch.

‚Auch‘ die Waschbecken sind getrennt:

Grün für den Menschen, Rot für die Katzenfütterungs-Tabletts

Es gibt einige besondere Katzen: mehrere Diven, ca. 4 dreibeinige, extrem schnelle Katzen, zwei ohne Ohren, wovon eine liebevoll ‚Mister No-ears‘ genannt wird, und zwei blinde Katzen.

Mister No-Ears

Es arbeiten ausschließlich Freiwillige dort, überwiegend aus dem Vereinigten Königreich. Meistens kommen diese für 2 Wochen, um zu unterstützen. Daher herrscht immer reges Treiben und man lernt viele nette Leute kennen!

Der bekannte britische Videographer hat vor ein paar Jahren Dokumentationen über das Catshelter gedreht. Sehr nette Einblicke in die Arbeit dort und insgesamt Skiathos!

Μαθαίνω ελληνικά:

Griechisch lernen macht großen Spaß, vor zwei Wochen habe ich das erste Brot auf Griechisch bestellt, was sehr lecker war und immer öfter kann ich Gesprächsfetzen im Vorbeigehen aufschnappen und verstehen. Der Freund meiner Koordinatorin ist ein sehr strenger Griechischlehrer, sodass ich ihm nach einem Monat Griechisch lernen die komplette Handlung eines komplizierten Buches erzählen musste. Mit Ilektra selber schaue ich Kurzvideos (1“30“‘), die ich dann verstehen und übersetzten muss. Nicht selten brauche ich dafür 60 Minuten. Im Prinzip klingt das ziemlich schlecht, aber ich muss zu meiner Verteidigung sagen, dass es alles so anders klingt aus einem griechischen Mund als auf Duolingo (inserted Promocode here – ach ne doch nicht, haben sich immer noch auf keine Kooperation eingelassen….)

Gnädige Besucher:

Tatsächlich gab es drei nette Menschen, die sich dazu durch gerungen haben, mich hier im touristisch unerschlossenen Griechenland zu besuchen. Was für ein Opfer sie da bringen mussten, wer will denn schon eine Woche Strandurlaub auf Griechenlands grünster Insel verbringen?

Ich hatte 1 Woche von Fredi und Johann Besuch (Bruder + Freundin), was sehr nett war. Neben ein paar Wanderungen haben wir zusammen die letzten sonnigen Strandtage aus- und das griechische Essen ge-kostet.

Auf einer unserer Wanderungen

Die Reste der mittelalterlichen Stadt Kastro auf Skiathos

…und eine super schöne Touri-Bootstour gemacht.

Der berühmte Lalaria-Beach – nur per Boot erreichbar – es wurde ganz nebenbei dort auch gerade ein Heiratsantrag gestellt, woraufhin die Touriboote gehupt haben, als käme die Queen vorbei…

Für 2 Wochen ist mein Freund (Johannes) mich nun besuchen. Obwohl ich leider die Hälfte davon krank war, ist es toll, ihn nach 1 1/2 Monaten endlich wieder zu sehen. Es ist schön, einen so vertrauten Menschen in meinen so neuen Lebensalltag mit hinein zunehmen. Tatsächlich fühle ich mich richtig griechisch mit meiner Erkältung, da aufgrund der Wetterlage (siehe nächster Absatz) fast jeder hier krank ist.

Das Wetter:

Für eine Woche hatten wir richtig schlechtes Wetter: strömender Regen, Sturm und orkanartige Böen. Johann’s Boot auf’s Festland fiel aus, nur eine einzige Fähre fuhr noch, die er dann nach 3 Stunden Internetdurchforstung, sich entschied zu nehmen. Dem Motto nach: so schnell wie möglich runter von der Insel, bevor gar nichts mehr geht. Das war auch die richtige Entscheidung, denn das Wetter wurde immer schlechter, bis Häuser und Straßen überflutet waren und gar keine Boote oder Flugzeuge die Insel mehr mit der Zivilisation verbanden. In dem Zuge wurde auch Johannes‘ Flug zunächst gestrichen. Bei mir war alles ok, nur dass ich erfroren bin, da jeder Windstoß in meinem Zimmer zu spüren war. Die Türen nach draußen sind wirklich nur für super Sommerwetter geeignet. Nachts schlief ich in Jogginghose, Pulli und dickem Schal in meinem Schlafsack mit Wärmflasche und dicker Decke drumherum.

Einst eine nette Grünfläche

Vor einer Woche hier auf Skiathos:

Vor drei Jahren auf der Nachbarinsel Skopelos, und in ähnlichem Ausmaße jährlich zu erwarten:

Jetzt ist das Wetter wieder ganz in Ordnung, wenn auch nicht mehr all zu sommerlich aber man weiß nie, wie warm es wirklich sein wird, weshalb man zu 90% der Zeit falsch angezogen ist: resultiert in 600.000 schniefende, hustende Insulaner-Bakterienschleudern.

Photographer: my lovely boyfriend

Edit: während ich meinen Blog noch schnell vor der Frist zu Ende schreibe, sitze ich abends gemütlich im Bikini in der Sonne auf den Felsen mit salzigen Haaren. Jep, so wechselhaft ist das Wetter hier eben. 

Edit 2.0: Morgens um 2: Mein Gehirn: lalalalala; Johannes liest kritisch Probe und hat 1001 Vorschläge. 

 

 

 

 

Der Winter zieht ein:

Speziell auf Skiathos, findet man wirklich überall Tavernen. Die Hauptstraße ist gepflastert mit Stühlen. Eine Taverne an der nächsten. Jetzt allerdings haben von Tag zu Tag weniger Tavernen geöffnet. Das hat sowohl einen süßen als auch bitteren Beigeschmack. Schön, dass weniger Touristen hier sind, dass die Inselkinder endlich in der lehren Hauptstraße Fußball spielen dürfen, dass die Tavernenbesitzer, die ihre Taverne geschlossen haben den ERSTEN Tag diesen Sommer an den Strand gehen können. Schade, dass es jetzt langweilig und öde wird. Oder gut, dass ich endlich auch alleine sein kann? Jetzt wo die Saison vorbei ist, wünscht man sich gegenseitig einen schönen Winter. Auf Skiathos gibt es eben nur Saison und Nicht-Saison. Sommer und Winter.

Also: Ωραίο χειμώνα!

Sabeth

Danksagung: Ein besonderes Dankeschön an Johannes‘ Nerven, die meine Blogbearbeitungslaune/-Ausraster liebevoll ertragen haben.


1 Comment

Rüdiger · 24. Oktober 2018 at 18:13

Ich habe viel gelacht und mich köstlich amüsiert. Du hast wieder so herrlich persönlich und individuell geschrieben. Danke

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