Lesedauer: 7 Minuten (wenn man so langsam liest wie ich… für den normalen Durchschnittsmenschen sind 4 Minuten sicherlich zutreffender).

Ich habe die letzten Aenderungen an einem portugiesischen Laptop vorgenommen, daher sind an einigen Stellen die Umlaute ausgeschrieben. Ausserdem sind Rechtschreibung und Kommasetzung nicht so gut, da ich gerade in allen Sprachen aber sicherlich nicht in Deutsch denke… Enjoy anyway!

Ich wurde gebeten, über die griechische Kultur und ‚den Griechen als Typ‘ zu berichten (credits to Hanno Hiss). Also, here you go.

Der Grieche als Typ…

ist unpünktlich. Egal wobei. Konzert, Unterricht, Sport, Verabredung, öffentliche Veranstaltung mit offiziellem Beginn. Bis zu 1 ½ Stunden ist da doch mal okay. Ich selber als unpünktlicher Mensch bekomme sogar die Krise (Johannes hofft schon zurecht, dass ich aus Protest jetzt endlich pünktlicher werde). Wenn man warten nicht mag, sollte man selber deutlich später zu allem erscheinen.

Beispiel: Ein wichtiges Treffen bezüglich der Organisation der Projekte an der Schule: wichtige Person: 40 Min. zu spät, Hauptperson: erscheint nicht. Gleiches Spiel bei den nächsten drei Treffen.

arbeitet entspannt. Man hat es nicht eilig und hält mitten auf der Straße mit dem Auto, Scooter oder zu Fuß an, um ein Pläuschchen zu halten. Dass dann niemand mehr an einem vorbei kommt, und jemand es eilig haben könnte, fällt da keinem ein, denn keiner hat es eilig. Punkt. So wie in allen südlichen Ländern dauert die Siesta von 15.00 bis 17.30 an und ist offiziell als Ruhephase einzuhalten. Kein Geige üben, lautes Musik hören o.ä., geschweige denn leises Arbeiten!

… ist sehr laut.

gestikuliert viel.

… hat drei unterschiedliche Weisen um ‚wie geht’s?‘ zu fragen, die auch alle drei immer nacheinander verwendet werden. Uebersetzt sind es: Was machst du?; Wie bist du?; Alles gut?; die alle mit καλά (gut) beantwortet werden. Also zur besseren Vorstellung ein Gespraech im Supermarkt:

A: Jiaa, ti kanis?

B: Kala.

A: Pos isae?

B: Kala.

A: Ola kala?

B: Nae, ola kala.

… geht extrem oft mit Freunden essen.

… ist Fußball besessen. Wenn man jemanden neu kennen lernt, ist spätestens die zweite Frage, welches Team man unterstützt. Sobald irgendein Fußballspiel stattfindet (egal ob mit griechischer Teilnahme oder nicht) wird dieses in jeder Bar, jedem Restaurant, an jedem Arbeitsplatz übertragen.

… hat eine für Europa überdurchschnittlich hohe Lebenserwartung mit 78 Jahren. Das Geheimnis liegt in der griechischen Küche: Olivenöl.

… ist sehr gastfreundlich. Zeit wird sich immer genommen für einen Gast. Im Gegenzug muss man darauf achten, dass man sich neugierig nach allem Möglichen erkundigt, und nicht vergisst, die Kinder des Gastgebers zu loben.

… ist umweltfreundlich. Griechische Strände, das klare Meerwasser und die saubere Luft holen Griechenland alljährlich europäische Auszeichnungen ein. Das mit dem Vermeiden von Plastiktueten benutzen klappt noch nicht so gut, Kassierer sind fast beleidigt, wenn man eine Plastiktuete ablehnt.

… räumt der Frau einen hohen Status ein. Ob auf der Straße, im eigenen Haus oder im Parlament: die weibliche Stimme dominiert oft.

kümmert sich weder um Verkehrsschilder noch -regeln. Ein Einbahnstraßenschild ist nur Deko. Und rote Ampeln sind nur was für Streber. Auf den engen, kurvigen Straßen trifft man den Griechen gerne mit überhöhtem Tempo (und gleichzeitig telefonierend) in der Mitte der Straße an.

… trägt als Individuum dazu bei, dass Griechenland die Spitze der Verkehrsunfälle in Europa behält.

Kultur.

Namenlose Kinder:

Bis zur Taufe wird den griechischen Kindern kein Name gegeben. Sie werden schlichtweg ´Baby`genannt (Man bedenke, dass manche Kinder erst mit >6 getauft werden). Dann bei der Taufe, geben die Paten den Namen des Kindes bekannt, den die Eltern ausgesucht haben. Wenn sich bei der Taufe versprochen wird, kann der ausgesprochene Name nicht rückgängig gemacht werden. So kann es zu großen Problemen kommen, wenn die Paten mit dem zukünftigen Namen nicht einverstanden sind und einfach einen anderen Namen angeben.

Normalerweise bekommt der erste Sohn eines Paares den Namen seines Großvaters väterlicherseits. Die erste Tochter bekommt den Namen ihrer Großmutter väterlicherseits. Die Namen der Eltern der Mutter sind für das jeweils zweite Kind eines Geschlechts bestimmt.

Die Tradition der Namensgebung rührt von lange her und wird sogar heutzutage noch fast überall aufrechterhalten. Wenn ein Paar die Tradition brechen möchte, kann das zu Familienskandalen führen. Daher ist es nicht unüblich, dass das Kind auf einen anderen Namen getauft ist, als es tatsächlich gerufen wird.

Kind unter!

Taufen finden wie gewöhnlich in Kirchen oder Katholiken von Klöstern statt. Dabei geht das komplette Baby im Taufbecken baden. Das Schreien ist dann wohl Teil der Zeremonie. Dresscode für die weiblichen Gäste: so kurz wie möglich?! Am Eingang zum Kirchhof und der Kirche selber sind dann dem Geschlecht entsprechend entweder Rosa oder Blaue Luftballons aufgehängt. Das wirkt auf mich wirklich sehr befremdlich, das bringt so viel Kitsch in eine religiöse Angelegenheit. Tradition auf Skiathos ist es, dass die Gäste kleine traditionelle Süßigkeiten von der Insel erhalten.

Geburtstag – was ist das?:

In Griechenland ist der Geburtstag ein unbedeutender Tag, der Namenstag ist aber dann das Pendant zu unserem Geburtstag. Da über die Hälfte der Griechen Spyros/Spyridon oder Dimitrios heißen (dazu habe ich keine Statistik o. Ä. gefunden, sondern mündlich von meiner Koordinatorin erzählt bekommen, also keine Garantie), werden die jeweiligen Namenstage im gesamten Griechenland gefeiert, da jeder mindestens einen Spyridon bzw. Dimitrios in seinem Freundeskreis hat. Zu allem Ueberfluss haengen die Griechen zur Verniedlichung eines Namens ein ‚akis‘ als Suffix an. Aber da die Griechen auch gerne Namen verkürzen (und es normal ist, dass man nicht genau weiß welchen z.B. Dimitri man meint), kommt es, dass fast jeder Grieche Akis, Takis oder Lakis genannt wird.

Madonnaverfolgung:

Religion (Griechisch-Orthodox) ist in Hellas sehr groß geschrieben. In jedem Geschäft, Supermarkt oder Taverne hängt mindestens ein Madonnabildnis und starrt dich heimlich an. Es gibt auch an der Straße oder an Wanderwegen mehrere Schreine (Madonna-Bildnis, Plastikflaschen, Kerzen, Blumen, Müll, Bibelverse). Man kann ihr nicht entkommen, der Madonna.

kleine Anekdote dazu: Alle Straßenkatzen um Chóra (Skiathos-Stadt) werden beim täglichen ‚Foodrun‘ des Catshelters mit Trockenfutter an verschiedenen Futterstellen (unter Mülltonnen, an Hausmauern,..) gefüttert. Einmal sollte eine neue Freiwillige das machen und hat anstelle das Katzenfutter NEBEN den Schrein zu schütten, zwei große Handvoll IN den Schrein getan, woraufhin eine alte Griechin händeringend und kreischend auf sie zu stürzte. Danach stand es in Frage, ob das Catshelter überhaupt noch füttern durfte.

Griechische Restaurants (Tavernen):

Wenn man in Griechenland mit mehreren essen geht, bestellt man ganz viele kleine Vorspeisen und teilt alles. Anders als in Deutschland ist es extrem komisch, wenn man einzeln bestellt. Das gibt dem Ganzen ein total schönes Flair. Man sollte es vermeiden Nachtisch zu bestellen, da man kostenlos am Ende immer einen bekommt plus meistens einen Ouzo. Trick 17 ist, nur (alkoholische) Getränke zu bestellen, da man immer eine oder mehrere Kleinigkeiten dazu bekommt und somit sehr billig aber satt wegkommt. In vielen Tavernen ist die Stimmung sehr herzlich, zuweilen familiär, oft wird abends live-Musik gespielt.

Typisch griechisch (und meine Lieblingsgerichte) sind:

  • frittierte Zucchini- oder Auberginenscheiben mit Tzatziki:

  • Käse/Spinatkuchen
  • mit Reis gefüllte Zucchini-Blüten oder Paprika
  • frittierter Käse

  • Moussaka (wie Lasagne aber auf Kartoffel- und Auberginenbasis mit sehr, sehr, sehr viel Hackfleisch)

  • Gyros/Souflaki (wie Döner nur mit anderem Brot, Tzaziki und Pommes drin und leckerer)

Wenn man in Deutschland zum Griechen geht, dann denkt man, es gäbe ausschließlich Fleisch- und Fischnationalgerichte. In der Tat enthält der traditionelle Speiseplan wenige Gerichte mit tierischen Produkten. Aber dafür in Massen Olivenöl.

Me.

Das triple-Ende meines hobbylosen Daseins:

  1. Ich war jetzt schon dreimal beim griechischen Tanzunterricht. Und es gefällt mir ausgesprochen gut! Zwar bin ich mir nicht immer ganz sicher, was ich da mach mit meinen Füßen, aber da man sich meistens an den Händen hält, wird man vom Flow mitgenommen. Und die anderen Teilnehmer tanzen schon seit sie ganz klein waren. Da diese Art zu tanzen so ungewohnt und neu für mich ist, fühle ich mich nicht immer ganz wohl aber glücklicherweise sind die Leute wirklich offen und nett zu mir.

  2. In Lübeck habe ich als Haupthobby Wing Chun gemacht, was hier leider nicht möglich ist. Zum Glück habe ich aber eine Taekwondo-Schule gefunden, wo ich auch viel Spaß habe. An diese eher militaere Stimmung muss ich mich echt noch gewoehnen, aber es ist tatsaechlich ein super Workout, was ich bei so viel gutem griechischen Essen notwendig ist.

  3. Außerdem habe ich Yoga ausprobiert. Gerade früh morgens bietet das einen super Start in meine noch so ungeplanten Tage.

Bei allen drei Aktivitäten erfolgen die Anweisungen auf der Landessprache, wodurch ich mit Verwirrung klar kommen, aber auch neue Wörter lerne.

Life-Update:

Die Arbeit mit den Katzen macht größtenteils keinen Spaß, da sie wirklich ineffektiv ist und die Wohnsituation der Katzen und das Equipment dies auch noch erschweren. Das kann dann sein, dass die Windel-artigen Unterlagen quadratisch aber die Katzenstreubox rechteckig ist und dadurch das ganze Desaster doch nicht einfacher sondern in der Tat sogar schwieriger zu beseitigen ist. Oder, dass die Katzen mit Durchfall im Haus sind und man deshalb alles aufwischen muss und einen hohen Deckenverschleiß hat, anstelle, dass man sie raus ließe damit sie die Natur düngten.

Und dann ist da eben noch Sharon. Ja, sie ist der Boss, aber das zeigt sie auch durchgängig. Das ist manchmal wirklich nervig und zuweilen unaushaltbar aber wir verstehen uns trotzdem gut. Ein Tag in meinem Leben auf Skiathos heißt mein kommender Bericht. Da werde ich genauer darauf eingehen.

Wenn ich wüsste, wie man die griechische Tatstatur auf dem Laptop einrichtet (help!), würde hier jetzt ‚bis bald‘ auf Griechisch stehen.

Sabeth


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