Nun ist es endlich soweit und ich veröffentliche meinen ersten Blogeintrag auf der Seite von ODI. Dabei denke ich, dass ich nicht der Einzige bin, der dabei gar nicht weiß, womit er anfangen soll, so viele Dinge, die ich bereits in den ersten Tagen meines Aufenthalts erleben durfte.

Am Anfang sollte ich dabei vielleicht noch einmal kurz erklären, wo ich genau gelandet bin. Für die nächsten elf Monate (beziehungsweise jetzt nur noch 10) meines Lebens befinde ich mich in ELBEUF (nahe bei Rouen), in der Normandie.

Meine neue Heimatstadt, mein „Exil“, dürfte dabei allerdings schon bessere Tage gesehen haben. Einstmals gesegnet mit einer großen Kleiderfabrik mit vielen Arbeitsplätzen im kaiserlichen Frankreich entwickelte sich ELBEUF in den letzten Jahren  zu einem großen Verlierer der Industrialisierung.

Das bedeutet, dass ehemals prächtige architektonische Meisterwerke, wie das alte Rathaus im Stadtkern, perfekt in das Bild von Plattenbauten und schmutzigen Straßenzügen eingefügt wurden. Ein bisschen wohlwollender ausgedrückt könnte man sagen, dass in ELBEUF nicht gerade die Bourgeoisie, sondern eher das Proletariat in der Überzahl ist.

Eine flüchtige Bekanntschaft, ein Mann aus Kanada, ging sogar so weit, mir und meinen Mitbewohnern in einem Warteraum einen Auszug aus der, führ ihn, nicht so glorreichen Geschichte von ELBEUF mitzuteilen. Die Kurzfassung wäre dabei vielleicht:

War mal gut – sogar Napoleon hatte einmal ein Haus in ELBEUF (dieser Fakt ist dabei sehr sehr wichtig, das kann man mir glauben!), meistens ist es aber nicht so gut.

Während der Pest schickte der französische Staat alle Pestkranken in eine Stadt – nach ELBEUF, alle Leprakranken durften dann auch gleich mit nach ELBEUF, dann auch noch Gefangene, darunter auch Schwerverbrecher und viele, ja anscheinend sehr viele Migranten.

Heutzutage sieht die Situation für ihn, unseren pessimistischen Freund aus Kanada, allerdings auch nicht gerade viel rosiger aus.

Die mangelnde Arbeit in der Gegend und die dadurch sehr bezahlbaren Wohnräume haben dabei in den letzten Jahren auch vor allem eine Vielzahl von Neuanfängern und Menschen mit wenigen Alternativen angezogen, darunter auch sehr viele Migranten oder auch Franzosen aus ehemaligen französischen Kolonien.

Nachdem ich jetzt hoffentlich einen kurzen Überblick über die Stadt verschaffen konnte, so kann ich jetzt auch mal langsam dazu übergehen, unsere Funktion in dieser Stadt zu erklären.

Wir sind Freiwillige in einer Art Jugendhaus, der MJC (Kurz für Maison de la jeunesse et de la culture, zu Deutsch etwa: Haus der Jugend und der Kultur).

Diese Organisation ist dabei überall in Frankreich zu finden, und hat es zum Ziel kulturelle und zwischenmenschliche Dinge, wie auch die französischen Werte, an die Bevölkerung heranzutragen.

Darunter fallen dann Dinge wie eine Hausaufgabenbetreuung, Arbeitsgruppen für 3D-Druck-Technologie, ein Gemeinschaftsgarten für kleine Kinder, eine kleine Filmfabrik, eine Improvisations-Theater-Gruppe etc. etc. etc. Allerdings auch Dinge wie eine Jobvermittlung für schwer vermittelbare Menschen, ein Jugendtreff für Jugendliche aus schwächeren Verhältnissen oder auch Freizeitaktivitäten und Sprachkurse für Geflüchtete und Migranten.

Meine Hauptaufgaben in den nächsten 10 Monaten werden dabei die beiden letztgenannten Punkte bilden, also vor allem die Arbeit mit Migranten und Geflüchteten.

Obwohl ich von der wunderbaren Leitung der MJC in ELBEUF wirklich alle Möglichkeiten bekomme mich in der MJC kreativ auszutoben und ich zum Beispiel schon in einer Zirkus-Gruppe für Kinder teilnehmen durfte, oder heute auch  mein eigenes Kunstwerk mit Émail erschaffen durfte, so bringt doch die Arbeit mit dem Migranten und Geflüchteten die Meisten neuen Erfahrungen mit sich.

In meiner Anfangszeit wurde ich dann auch gleich eingespannt, und ich durfte im Kurs für das Französisch Sprach-Niveau ALPHA 1, ALPHA 2 und ALPHA 3 als eine Art Hilfslehrer teilnehmen, um den Migranten und Geflüchteten die französische Sprache näher zu bringen.

Wenn das meine Französischlehrerin aus der Mittelstufe wüsste, dass ich dann doch nach der Schule nach Frankreich gehe um Französisch zu unterrichten. Ihre Reaktion, die wäre sicherlich etwas zwischen einem verbitterten Weinen und einem hysterischen Lachen.

– Ich glaube es wurde klar, dass ich damals nicht wirklich der beste Schüler in Französisch war-.

Natürlich sollte ich auch kurz erläutern, was genau diese ALPHA Sprachniveaus bedeuten.

Zugegebenermaßen liest man in diesen Niveaus dann doch weniger Rousseau oder Zola , schreibt doch weniger „poèmes et pamphelts“ und befasst sich eher mit den französischen Jahreszeiten, dem  Verb „avoir“ oder in ALPHA 1 nicht selten mit den verschieden Buchstaben des lateinischen Alphabets… .

Dem aufmerksamen Leser meines Blogs dürfte ebenfalls nicht entgangen sein, dass ich während meines Blogeintrags schon mindestens einmal von „Wir“, „Uns“ oder von einem anderen personenbezogenen Plural gesprochen habe. Bevor ich meinen Eintrag für den ersten Monat beende, will ich dieses Geheimnis, bei wem es sich um das mysteriöse „Wir“ handelt, auflösen.

So lebe ich in einer doch sehr vielfältigen Wohngemeinschaft mit vier anderen netten Menschen aus ganz Europa. Darunter eine andere Deutsche, die ebenfalls wie ich 19 Jahre alt ist. Daneben noch eine Spanierin, eine Griechin und ein Bulgare.

Ich bin fest davon überzeugt, dass man von diesen Menschen auch noch weiteres in meinen folgenden Blogeinträgen hören wird. Natürlich neben meinen Erlebnissen in meiner Arbeit mit Migranten und Geflüchteten.

Noah, 09-10-2018

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