Ja, es gibt sie. Die schlechten Tage. Tage voller grauer Gedanken. Wie an einem regnerischen Herbsttag, an dem von oben nur kleine Tropfen zu fallen scheinen. Tropfen so klein, dass man sie einzeln nicht erkennt. Und doch haben sie gemeinsam die Kraft, einen Sturm auszulösen. Um vom metaphorischen ins Reale zu kommen: auch bei mir gab es diese Tage während meines bisherigen Aufenthaltes hier in Dänemark. Bei mir gab es einige dieser Tage vor nicht allzu langer Zeit.

Ein Problem, dass die meisten Jugendlichen kennen werden. Die meisten hassen es, wie auch ich es zu hassen gelernt habt: Zahnschmerzen. Genauer gesagt, Weisheitszähne, die sich den Weg in die Freiheit suchen. Und wenn man sich die Geschichte anguckt, so weiß man, dass diese Wege oft nicht allzu leicht sind. Und so auch bei mir. Es begann mit extremen Fieber, 39,8 Grad und das so ziemlich aus dem nichts. Bereits am nächsten Tag hingegen war dies bereits wieder massiv gesunken. Ich freute mich. Einen weiteren Tag später, am Sonntag, begann die Freiheitsbewegung dann endgültig. Bereits so stark, dass ich kaum schmerzfrei essen konnte. Auch das Putzen der Zähne sollte sich später als nicht so leicht wie gedacht herausstellen.

Ich sagte meinem Mentor Bescheid, dass ich die nächsten zwei Tage vermutlich nicht in der Schule sein könne. Gar kein Problem sagte er mir und wünschte mir abschließend eine gute Besserung. Nach diesen beiden Tagen, an denen ich von YouTube, Netflix und den Büchern, die ich noch hier hatte, so gelangweilt war und der Schmerz nach wie vor nicht besser, sondern schlimmer wurde, sprach ich erneut mit meinem Mentor. Ich fragte ihn nach einem Zahnarzt hier in der Umgebung. Er machte dort einen Termin für mich und bot mir an, mich zu begleiten. Natürlich nahm ich dies dankend an, denn mein Dänisch ist, nennen wir es mal, noch ausbaufähig.

Zuvor allerdings, am Vormittag des gleichen Tages, bereitete ich mich auf einen bürokratischen Alptraum vor: die Versicherung. Nach einem Telefonat mit Linda in Köln und zwei weiteren mit der Versicherung wurde dieser dann jedoch bereits vor dem üblicherweise verschwitzten und panischen Aufwachen nach einem Alptraum beendet. Es war sehr einfach das Geld für die Behandlungskosten erstattet zu bekommen (hier in Dänemark muss man den Zahnarzt nämlich erstmal selbst bezahlen). Ich allerdings hatte es noch einfacher und musste lediglich die zukünftige Rechnung zur Familienversicherung schicken.

Nun waren also ich und mein Mentor, Kenneth, auf dem Weg zum Zahnarzt, gleich gegenüber des Legoland. Nur vermutlich, nein, mit Sicherheit war der Praxisbesuch nicht so spaßig wie der Besuch des Legolandes. So zu mindest meine Vorstellung und vergangene Praxisbesuche in Deutschland. Wem gefällt es denn schon, bewegungsunfähig auf einem Stuhl zu liegen und einem Bohrer im Mund zu haben. Ganz abgesehen von der Tatsache, durch das Licht nicht einmal etwas sehen zu können. Doch es sollte anders kommen.

Nach dem Eingang wartete bereits die Dame hinter dem Anmeldungstresen auf mich. Nach einem kurzen Gespräch zwischen ihr und meinem Mentor bat sie mich, kurz im Wartezimmer Platz zu nehmen. Bereits wenige Minuten später kam eine ältere Dame zu mir und rief meinen Namen auf. Geschätzt war diese, auch wenn ich nicht gut in solchen Dingen bin, bestimmt Mitte 60. Die Vorstellung, sie würde einen Bohrer in meinem Mund halten, machte meine Stimmungslage nicht grade besser. Doch ich nahm erstmal Platz auf dem bekannten Stuhl der kommenden Bewegungsunfähigkeit. Sie fragte etwas auf Dänisch und schnell war ihr und mir klar, dass die Kommunikation auf Dänisch doch etwas schwerer werden könne. So wechselten wir zu Englisch und sie fragte mich neben meinen Schmerzen und was ich denn bloß habe auch woher ich komme. Als ich dann Deutschland sagte, war sie erfreut. Endlich könne sie mal wieder versuchen, Deutsch zu sprechen. Unabhängig davon, dass die Kommunikation auf Deutsch schnell wie die auf Dänisch endete (auf Englisch…), war ich doch recht schnell sehr entspannt. Eine nette, ältere Dame. Auch meine Angst um den Bohrer entpuppte sich schnell als vergangen.

Bereits auf den ersten Blick sah sie, wodurch meine Schmerzen entstanden. Eine Freiheitsbewegung. Um allerdings sicher zu gehen, dass dieser auch nichts mehr im Wege stehe, röntgte sie meinen Kiffer. Und glücklicherweise sollten die Weisheitszähne nun bald das Licht der Welt, bzw. vielmehr das Essen dieser Welt entdecken. Da sich jedoch eine Stelle entzündet hatte, verschrieb sie mir zur Sicherheit ein Antibiotikum, so könne ich zu mindest schmerzfrei essen und bereits in den nächsten Tagen solle es von selbst aufhören, zu schmerzen. Nachdem die ältere Dame mir dann auch noch bestätigte, die mehr oder weniger friedliche Freiheitsbewegung würde sich am Ende auch noch gut etablieren, fühlte ich mich wie auf Wolke 7. Was vielleicht auch am Antibiotikum gelegen haben könnte …

Und so sprach ich erst einmal mit meinem Mentor und sagte ihm, dass ich vermutlich die Woche ausfallen würde. Erneut sagte er mir, es sei kein Problem und wünschte mir eine gute Besserung. Und auch wenn ich bereits von YouTube, Netflix und den Büchern, die ich noch hatte, gelangweilt war, vergingen die nächsten Tage wie im Flug. Von Tag zu Tag ging es mir besser. Unterstützt wurde dies vor allem durch eines, das Wissen, man ist nicht alleine. Jeden Tag kam ungeplant ein Lehrer vorbei, sagte mir seine besten Tipps gegen Zahnschmerzen und fragte mich, wie es mir gehen würde. Mein Favorit hierbei war der unseres stellvertretenden Schulleiters Bent. Er wusste bereits, dass ich gerne heiße Schokolade trinke. Natürlich wusste er auch, dass ich aus Deutschland komme. Daher gab er mir eine 4 cl große Flasche gefüllt mit deutschem Korn, was ich einfach in die heiße Schokolade mischen solle. Ich würde schlafen wie ein Baby, versicherte er mir. Nach dem Hinweis, dass ich ein Antibiotikum nehme, erwiderte er nur grinsend, dass mache es nur umso besser.

Und so endete die Freiheitsbewegung dann auch einige Tage später endlich. Nach grauen Gedanken zu Beginn, was es sein könnte, ob ich nach Deutschland zum Arzt müsse, wer die Kosten übernehme und wie denn alles funktionieren soll/würde, blieb am Ende nur ein Gedanke übrig: es ist schön, hier zu sein. Und genau das sollte die Botschaft der Freiheitsbewegung sein. Es machte mir klar, wie sehr ich bereits integriert war ins Schulleben. Die Schüler fragten wie die Lehrer bereits am ersten Tag, was denn los sei. Ob sie mir helfen könnten oder ob ich irgendwas bräuchte. Es ist schön zu merken, dass auch in grauen Tagen Leute da sind, die einem helfen. Seien es die Schüler die fragen, wie es mir geht, mein Mentor der mit mir zum Arzt fährt, meine Mitbewohnerin und Mit-EFDlerin, die mir etwas zu essen aus der Schule mitgebracht hat oder auch Bent, der stellvertretende Schulleiter, der mir das Rezept für den besten Schlaf vorbeibrachte. Jeder war bemüht, mich so schnell wie möglich wieder in der Schule zu haben. Und auch ODI hat mir aus der Ferne bei all den bürokratischen Dingen mit der Versicherung geholfen und immer wieder gefragt, wie es mir gehen würde. Wie ihr seht, war ich nie allein und genau das bringt mich nur erneut dazu zu sagen, es ist schön, hier zu sein.

 


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