Ich arbeite an zwei verschiedenen Orten in meinem EVS-Projekt. Zum einen arbeite ich an einem Pferdestall für pensionierte Reitschulpferde und zum anderen an einer Gruppenunterkunft und Seminarzentrum.

Montag und Dienstag geht für mich die Woche los am Pferdestall.

Dazu begebe ich mich von meinem Wohn-Bungalow mit dem Dienst-Fahrrad auf einen halbstündigen Weg durch grüne Felder, ländliche Region, vorbei an einem kleinen Flüsschen ins middle of nowhere, wo sich der Pferdestall befindet.

Das alte Reitschulpferd Mobli

Hier treffe ich dann auf die 47 pensionierten Pferde. Ja, richtig gelesen, da sind 47 Pferde. Das war allerdings nicht immer so. 1997 hat die Besitzerin mit einem pensionierten Reitschulpferd namens Pablo im Garten von ihr und ihrem Mann angefangen. Über die Jahre sind es dann immer mehr Pferde geworden, die am Stall ihre letzte Ruhe fanden und finden.

Es fallen meist ähnliche Aufgaben den Tag über an: Stall ausmisten, Pferde mit Heu füttern, Pferde raus- und reinbringen, Stall kehren, gelegentlich auch die Pferde bürsten, zuletzt das für die Pferde giftige Jakobskraut jäten.

Ebenfalls ist der Tagesablauf jeden Tag gleich. Es geht um 9 Uhr los. Um 10 Uhr gibt es eine Kaffeepause für eine halbe Stunde, zu der eine Scheibe ontbijtkoek (wörtlich übersetzt: Frühstückskuchen, vergleichbar mit Honigkuchen) serviert wird. Dann wird bis zum Mittagessen von 12-13 Uhr weiter gearbeitet, und danach erfolgt die letzte Schicht bis ca. 14:30 Uhr, die mit einer Limonadenpause abgerundet wird.

Im Winter sind alle Pferde über Nacht und bei schlechtem Wetter im Stall geblieben, sind morgens auf die Weide gelassen worden und mittags wieder reingeholt worden. Jetzt im Sommer bei gutem Wetter bleiben die meisten Pferde die ganze Zeit über draußen. Ausgenommen sind einige besondere Pferde, die wegen Blindheit, Krankheit o.Ä. nur morgens raus gehen und sich nur auf einem kleineren Feld bewegen.

Der Stall „Stichting ’t Olde Manegepeerd“

Teil der Weide

Der Stall finanziert sich ausschließlich aus Spenden durch Privatleute und durch diverse Initiativen und Stiftungen aus der Region und den ganzen Niederlanden. In meiner aktiven Zeit erhielt der Stall von diversen Organisationen Schecks ausgestellt. Unter anderem gewann er den dritten Platz des Tierschutzbundes der Niederlande (Stichting Dierenlot) als Tierhelfer des Jahres 2018 und als Preis 1250 € oder über die lokal ansässige Bank in einer jährlichen Spendenaktion an Vereine und Stiftungen der Region etwas über 300 €.

Ebenfalls haben viele Leute eine Patenschaft für ein Pferd ihrer Wahl (z.B. für das ehemalige Lieblingspferd aus der Reitschule, das nun dort seine Rente genießt) übernommen.

Zusätzlich fungiert der Stall als ein Second-Hand-Laden, der diverse Produkte von Privatpersonen entgegennimmt und diese dann zu fairen Preisen weiterverkauft. Jeden Monat findet ein Tag der offenen Tür (Kijk en Doedag, wörtlich Guck-und-Tu-Tag) statt. An dem schauen sowohl viele Leute aus der Region als auch schon mal Urlauber am Stall vorbei. Sie können einen lekkeren Kaffee trinken, mit den Pferden reden und sie bürsten, und auf Schnäppchenjagd im großen Angebot des Stalls gehen.

Der Stall nennt sich ‚Stiftung Das Alte Reitschulpferd‘ (auf niederländisch: Stichting ’t Olde Manegepeerd). Zu diesem Stall finden sich mehr Informationen auf der Website auf niederländisch (falls nötig, mit Google Translate übersetzen lassen). Es ist auch möglich, per Kreditkarte zu spenden: https://manegepeerd.nl/

Meine „eigentliche“ Arbeitsstelle

Von Mittwoch bis Freitag arbeite ich dann an der ‚eigentlichen‘ Arbeitsstelle des Projektes, in der Stichting de Olde Vechte (Stichting bedeutet ‚Stiftung‘ und ‚Olde Vechte’ ist ein an der Arbeitsstätte gelegener Arm des Flusses Vechte) in der Kleinstadt Ommen (17.000 Einwohner), 30 km westlich von der Grenze zwischen den Niederlanden und Deutschland.

Bei der Arbeitsstätte handelt es sich um eine Gruppenunterkunft und Seminarhaus, in der ca. 50-100 Menschen Platz finden. Im Sommer ist die Anzahl etwas größer, da kleine Campinghütten mitbenutzt werden können, in denen es im Winter zu kalt ist. Die Anlage besteht aus zwei Gasthäusern, einer beeindruckenden Villa aus dem Jahre 1846, die auch ein Nationaldenkmal der Niederlande (ein sogenanntes rijksmonument) ist, sowie einem weniger grandiosem, aber genauso praktischem kleineren Gasthaus.

Seit 2017 gibt es zwischen diesen Häusern einen großen Seminar- und Trainingsraum, der in Referenz an den ländlichen Charakter der Umgebung als ‚Barn‘ (engl. für Scheune) bezeichnet wird.

Die Idee der Stiftung

Ich gebe die Idee hinter der Stiftung einmal in ihren eigenen Worten wieder, da es das meines Erachtens nach am besten beschreibt:

Olde Vechte Foundation was conceived as an initiative of a group of people, who in 1966 identified a great need for learning that is not provided by the established educational system. Society keeps on changing over the years, becoming more and more intercultural. Still, the need of an “out of the school system” education stays around.

The Foundation’s mission is to create a learning environment out of love, care and cooperation for everyone; especially for people whose needs cannot be met by formal education methods. Modern approaches of non-formal learning are used in all the activities of the Foundation. Kinaesthetic, auditory and visual senses are involved, bringing about learning by experiencing and enabling the full participation of the trainees.

Es ist definitiv ein Ort, der eine bunte Mischung an Menschen anzieht, aus aller Herren Länder, doch viel mehr auch aus verschiedensten kulturellen Milieus und Hintergründen. Das ist zum einen sehr schön, weil man viele verschiedenste Sichtweisen und Lebensstile kennenlernt, aber auch hart, weil mit manchen sehr anderen Menschen der Umgang und die Kommunikation schwierig sein kann. Schön ist auf jeden Fall, dass es nie langweilig wird hier. Es ist immer was los hier.

Ich bin seit Anfang an der einzige Deutsche und auch der einzige Deutschsprachige. Deutsche Touristen, vor allem aus dem nahegelegenen Niedersachsen, gibt es hier ab und zu, doch der Großteil sind schon Niederländer, Deutsche fahren bekanntermaßen fast nur an den Strand.

Arbeit an der frischen Luft

An dem Ort helfe ich vor allem bei handwerklichen und praktischen Aufgaben mit, mittlerweile viel im Garten. Habe den Herbst und Winter über Laub aufgesammelt, eine tolle meditative Aufgabe. Mittlerweile bewässere ich regelmäßig die Pflanzen und den Rasen und pflanze Bäume um. Oder ich fälle tote Bäume, die den heißen Sommer 2018 nicht überlebt haben. Auch habe ich bereits beim Bau steinerner Straßen, beim Aufbau von neuen Fahrrädern à la Ikea (= Teile zum Zusammenbauen wurden geliefert) mitgewirkt. Außerdem half ich beim Bau eines neues Parkplatzes, beim Streichen einer Tür, Entfernen von Laub aus einer hohen Regenrinne, sowie diversen Tätigkeiten in der Art. Es ist immer unterschiedlich, was gerade dort am Dringendsten benötigt wird. Doch auf dem großen Grundstück ist immer irgendwo irgendetwas nötig.

Allerdings ist nicht jeder in dieser Richtung dort aktiv. Es gibt auch ein immer aktives Küchen- und Büroteam. Zu Veranstaltungen kann ein Catering-Service des Hauses mitgebucht werden. Diesen organisieren dann die Freiwilligen und einige Köch*innen, die mit der Organisation regelmäßig zusammenarbeiten. Im Büro-Team findet die ganze Hintergrundarbeit der Stiftung statt, inklusive Organisation diverser Trainings und Seminare und allem Drum und Dran. Persönlich habe ich zu diesen Aufgaben keine Verbindung gefunden, dafür mehr zur körperlichen Arbeit, vor allem draußen.

Das hier stellt meine übliche Arbeitswoche dar.


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