Meine Zeit hier in Dublin neigt sich so langsam dem Ende zu. Also möchte auch ich endlich ein bisschen von meinem Jahr erzählen.

Der Beginn

Anfangen möchte ich mit August 2018, als ich endlich meine Koffer packte, um ganz alleine in mein Abenteuer zu fliegen. Die Tage kurz vor dem Flug waren irgendwie total komisch. „Ahhh bald geht es endlich los – ich kann es kaum erwarten“ und „Ahhh warum hab ich mich bloß beworben und soll ich nicht doch alles hinschmeißen und daheim bei meiner Familie und meinen Freunden bleiben?“ waren so meine gängigen Gedanken, die sich gefühlt im 5 Minuten Takt abgewechselt haben… 

Letztendlich muss ich aber sagen, dass ich, als ich dann in Dublin angekommen bin, keinerlei Zweifel mehr hatte und Heimweh erst recht nicht. Alles war mega aufregend und so viel Neues kam auf mich zu, dass ich gar keine Zeit hatte zu zweifeln!  Also ein kleiner Tipp von mir: Falls ihr selbst gerade kurz vor eurer Ausreise stehen solltet und ihr euch nicht (mehr) so ganz sicher seid, ob ihr das alles schafft: Die Erfahrungen, die ihr in dieser Zeit macht, sind es definitiv wert sich von zu Hause „loszureiß(s)en“! 😉

Naja, jetzt mal zu meiner Zeit hier. Gearbeitet habe ich in Irland in der Organisation „Solas Project“. Diese kümmert sich um Kinder und um junge Erwachsene, die aus einer eher benachteiligten Gegend von Dublin kommen. Dort herrscht Armut und auch die Kriminalitätsrate ist ziemlich hoch. Meine Organisation versucht also den Kindern eine schönere Zukunft aufzubauen und den Familien unter die Arme zu greifen. Ich hatte das Vergnügen mich jeden Nachmittag mit den 5 bis 7- jährigen Kids auszutoben und bin super glücklich, dass ich hier sein durfte! 

Mein Tagesablauf

Damit ihr euch mal einen groben Überblick darüber verschaffen könnt, was ich so gemacht habe, stelle ich euch mal einen typischen Arbeitstag vor:

Vormittag:

8:00 Uhr: Um diese Uhrzeit hieß es für mich aufstehen, um mit meinen zwei Mitbewohnern um halb 10 von unserem Haus, das übrigens an der Küste liegt, eine halbe Stunde in die Arbeit zu radeln.

Die Küste, an der wir leben

10:00 Uhr: Dort angekommen wurde besprochen, was an dem Tag so ansteht und uns wurde mitgeteilt, was wir zu erledigen haben (gegebenenfalls wurde das Ganze dann auch noch gerne mindestens 3 mal geändert – ganz schön chaotisch und typisch irisch! Hat aber definitiv meiner Flexibilität geholfen!). So landete ich den ein oder anderen Morgen in der Küche, um für ca. 40 Kinder das Mittagessen zu kochen und die anderen Vormittagen half ich im Büro bei administrativer Arbeit oder gestaltete in anderen Schulen in Dublin eine Sportstunde mit.

13 – 14 Uhr: Mittagspause.

Nachmittag

14:30 Uhr: Zusammen mit ein paar anderen Freiwilligen, die meistens aus Dublin kamen, haben wir alle Kinder in der Grundschule abgeholt haben im Schulhof erstmal eine halbe Stunde irgendetwas gespielt.

Ein paar meiner Kids beim Spielen im Schulhof

Dann sind wir  zum „Club“ gegangen, wo wir den Tag verbracht haben. Dieser „Club“ ist eigentlich eine bzw. zwei zusammengelegte Wohnungen im Erdgeschoss der Wohnblöcke, in denen auch meine Kids mit ihren Familien wohnen. Und das hat mich echt ein bisschen geschockt, wie klein dort eine Wohnung ist. 

15:00: Dann war es auch schon Zeit Hausaufgaben mit den Kindern zu machen. Der Großteil braucht nämlich Hilfe beziehungsweise auch manchmal einfach jemanden, der neben ihnen sitzt. Für mich war das häufig ein sehr interessanter Balanceakt zwischen bei den Hausaufgaben helfen, die Spülmaschine ausräumen und schauen, dass das Essen nicht anbrennt oder der Feuermelder losgeht, da der Toaster zu heiß wird. 

16:00: Endlich gab es dann für die Kids etwas zu essen. Manchmal war es auch schon bitter nötig, denn manche wurden schon ganz „hangry“, was für hungry and angry steht! Schockierend war mich jedoch auch zu sehen, wie viel Essen die Iren ohne mit der Wimper zu zucken wegschmeißen. Auch generell mit dem Umweltschutz ist das Bewusstsein in Irland noch lange nicht so weit, wie in Deutschland. 

Der kleine Garten vor unserem Club – komplett zugemüllt, bevor wir ihn sauber gemacht haben

16:30 – 18:00: Das war die Zeit, in der wir entweder gebacken, gebastelt, gespielt oder kleine Ausflüge (z.B. auf einen Spielplatz) gemacht haben. Jede Woche hatte ich eine Sache zum Basteln und eine Sache zum Backen herausgesucht. Nachdem die Kinder dann um ca. 18 Uhr abgeholt wurden, haben wir noch ein bisschen geputzt und aufgeräumt – das gehört natürlich auch dazu.

19:00: Wieder zu Hause habe ich dann mit meinen Mitbewohnern Abendessen gekocht und den Feierabend genossen!!

Kleine Schwierigkeiten

Auch wenn sich das jetzt vielleicht auf den ersten Moment eher easy anhört – das war es mit Sicherheit nicht. Zumindest nicht immer. Wir waren nämlich wie schon erwähnt auf relativ kleinem Raum mit bis zu neun Kindern, die alle aus schwierigen Verhältnissen kommen und alle eine Art von Trauma erlebt haben. Hausaufgaben machen war also zum Beispiel auch alles andere als easy und stressfrei. Ich saß teilweise mit einem Kind eine Stunde oder länger an seinen Grundschulhausaufgaben. Aber nicht etwa, weil es zu schwer für ihn war, sondern, weil er sehr schnell frustriert wurde oder auch erst einmal sich geweigert hat mit den Hausaufgaben zu beginnen. Dazu ist er ein Kind, das sich sehr schnell ablenken lässt und schnell Heulkrämpfe/ Zusammenbrüche bekommt.

Den ganzen Tag, neben Backen, Spielen und Basteln, habe ich also konstant versucht zu motivieren, Kindern Mut zuzusprechen, zu trösten, Streitigkeiten zu beseitigen und Lösungen (gewaltlose) mit ihnen zu finden. Trotz all dem hatte ich jeeede Menge Spaß. Die ganzen Beziehungen, die man mit jedem einzelnen Kind aufbaut, sind unbezahlbar und allein schon, wenn ein Kind dir seine Hand gibt oder dir zeigt/ sagt, dass es dich mag und dir vertraut, oder wenn dir 3 kleine Kids an den Beinen hängen, weiß man spätestens dann wieder, warum man das hier alles macht und der Stress von eben ist wieder vergessen ;D

Jedenfalls werde ich alle meine Kinder so so vermissen! Einer meiner schönsten Momente war, als ich einem meiner Kinder das Schuhebinden beigebracht habe. Das Leuchten in ihren Augen und der Stolz auf sich selbst (was bei den Kindern leider nicht so oft vorkommt), als sie es endlich geschafft hatten, war sooo schön zu sehen. Ich weiß der Moment ist eigentlich so klein, aber irgendwie erinnere ich mich trotzdem total gerne daran zurück. Gerade haben die Kinder Sommerferien und 3 Tage die Woche machen wir Ausflüge mit ihnen (Praktisch wie ein Ferienprogramm). Wir gehen z.B. in Vergnügungsparks, ans Meer baden, irgendwo in die Natur etc. und es macht einfach nur Spaß!

Ein“ kindergerechter“ Supermarkt in einer Spielehalle, in der die Kids ihrer Fantasie freien Lauf lassen können (Besuch während des Ferienprogramms)

Meine Freizeit

Ich hatte übrigens das Glück, dass ich nur Montags bis Donnerstags arbeiten musste. Das heißt, wir hatten viel Zeit Dublin und alles andere zu erkunden und zu erleben, was echt ganz cool war. Wir haben ganz Irland bereist und haben über die Natur gestaunt, sind nach Schottland geflogen, haben uns mit Freunden getroffen und die witzigsten und besten Nächte unseres Lebens erlebt, hatten eine schöne Weihnachtszeit mit einem selbstgemachten „24 Acts of Random Kindness“-Adventskalender und Weihnachtsflohmärkten.

Über Weihnachten und Silvester selbst, war ich dann zu Hause in DE und habe all meine Freunde und Familie wieder gesehen, was sehr schön war. Aber dennoch habe ich mich auch wieder auf Dublin gefreut! Wir haben dann den Saint Patrick‘s Day miterlebt und haben an der Pride Parade teilgenommen, waren auf Konzerten, haben im Meer gebadet (20 Grad fühlen sich hier nämlich tatsächlich auf einmal sehr warm an!!) und vieles vieles mehr. … 

Sprache

Ach ja, den Akzent muss ich natürlich auch noch erwähnen! Dafür noch einmal kurz zurück zu meinem Arbeitsplatz, in die eher arme Gegend: Am Anfang war es nämlich zugegebener Maßen manchmal sogar ein bisschen angsteinflößend in dieser Gegend alleine nach der Arbeit noch herum zu laufen (vor allem im Winter, als es früh Abends schon dunkel wurde), aber das hat sich auch total geändert. Jetzt kennen mich die Leute dort alle und ich freue mich nun sogar durch zu laufen, weil es immer irgendjemanden gibt, dem ich ein „Heya“ zurufen kann, was in deren Slang so viel wie „Hi, how are you?“ heißt. Generell ist der Akzent der Dubliner wirklich cool und witzig und ich habe diesen echt sehr lieben gelernt! Kleiner Einblick in das irische Englisch:

  1. Das „th“ wird hier zum Beispiel eher wie ein „t“ ausgesprochen. Beispiel: Thursday -> Spreche statt dem th einfach ein relativ weiches t.

  2. Das „u“ gleicht eher einem gesprochenen „u“, als einem gesprochenen „a“. Beispiel: Stuff -> Mache das u in dem Wort nicht zum gesprochen a, sondern spreche das u auch tatsächlich wie ein u aus.

  3. Das „o“ bleibt auch ein gesprochenes „o“ und wir nicht zum „a“. Beispiel: Other -> Sag zum O in dem Wort auch o.

  4. „My“ -> das y spricht man bei dem Wort als i (allerdings macht das nicht jeder)

  5. Auch haben sie coole Phrasen, wie: You’re grand (You’re fine), That’s deadly/gas (That’s funny, hilarious), What’s the craig/story? (What’s up?)

Fazit

Kurz gesagt: Es war die beste Zeit meines bisherigen Lebens und ich kann es nur jedem empfehlen diese Möglichkeit zu nutzen und ein Jahr ins Ausland zu gehen (welches übrigens viel viel zu schnell herum geht!!). Man entwickelt sich so viel weiter, lernt unglaublich viel und erlebt hunderte Momente, die man wahrscheinlich in seinem Leben nicht mehr so schnell vergessen wird. Auch knüpft man Freundschaften, die sicherlich ewig halten werden. So wie zum Beispiel mit meinen zwei Mitbewohnern aus Österreich oder Freiwilligen aus den USA, den Niederlanden etc.

In 23 Tagen geht‘s bei mir schon wieder zurück nach Deutschland und ich weiß irgendwie gar nicht, wie ich mich fühlen soll. Es ist nicht mehr, wie letzten August, ein „Ahhh wann geht’s endlich los“ und „Ahhh will ich das wirklich“, sondern jetzt ist es eigentlich „Shit, ich will hier eigentlich gar nicht mehr weg“ und „Naja wäre schon schön mal wieder meine Familie und Freunde wieder zu sehen, aber danach kann ich eigentlich wieder zurück.“  Natürlich vermisse ich meine Familie und Freunde, aber Dublin ist nun mal jetzt auch mein zu Hause geworden.

Es ist glaube ich schwierig nachzuvollziehen, wenn man diese Erfahrung nicht selbst einmal gemacht hat. Ich kann nur von mir sprechen: Das Goodbye hier wird mindestens genauso schwer, wie das letzten August, als ich nach Dublin geflogen bin. Die Iren, vor allem in Dublin finde ich, sind einfach sooo so höflich und herzlich und leben ganz nach dem Motto: „Go with the flow“, sodass ich tatsächlich denke, dass ich, wenn ich wieder nach DE komme, einen kleinen Kulturschock erleben werde. Aber das werde ich ja in ein paar Wochen erfahren.

Cheers,

Hannah

 


1 Comment

Linda · 7. August 2019 at 12:13

Liebe Hannah, schön zu lesen, dass du in Irland eine zweite Heimat gefunden hast. Wir wünschen dir viel Glück für die Rückkehr nach Deutschland!

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