In Georgia you never know

Seit Mitte August verbringe ich nun schon meine Zeit in der lebendigen, widersprüchlichen, chaotischen und doch faszinierenden Stadt Tbilisi, Hauptstadt von Georgien (ja, Georgien im südlichen Kaukasus, nicht in den USA).

Georgien

Während meines EFDs arbeite ich in dem schönen, bunten Büro der Youth Association DRONI, die in ganz verschiedenen Bereichen der Jugendarbeit tätig ist und lokale, sowie internationale Projekte organisiert und durchführt. Die Themen der Projekte kommen stark auf Interessen der organisierenden und teilnehmenden Menschen an und können von kultureller, politischer oder sozialer Natur sein. Beispiele: healthy lifestyle, rural / urban development, human rights education through theatre, social entrepreneurship, migration issues, gender equality, media literacy, etc. (dass ich manchmal auf Englisch schreibe hängt damit zusammen, dass so gut wie alles in der Organisation auf Englisch stattfindet und ich mir nicht die Mühe machen will alles zu übersetzen und weil es sich dann komisch anhört. Sorry not sorry.)

Georgien

Die internationalen Projekte (vor allem youth exchanges oder training courses) werden im Rahmen von Erasmus+ mit Partnerorganisationen aus ganz verschiedenen Ländern mit Hilfe von non-formal education durchgeführt. Und das ist auch der Bereich in dem ich arbeite. Meine Aufgabe ist es hauptsächlich solche Projekte zu schreiben, bei der National Agentur zu bewerben (in einem der Partnerländer, da Georgien keine Nationalagentur hat), zu koordinieren und durchzuführen. Diese Aufgabe beinhaltet für mich Herausforderungen und viel Potential zum Lernen, leider viel Schreibtischarbeit, aber auch viel Spaß, neue Erfahrungen, neue Bekanntschaften und Kulturaustausch wenn ich gerade bei einem Projekt bin. Alles in allem bin ich recht zufrieden mit meiner Arbeit.

Auch zufrieden bin ich mit der Wohnsituation. Ziemlich im Zentrum der Stadt befindet sich eine chaotische WG, die momentan von fünf EFDler_innen plus nicht selten Gästen bewohnt wird. Aus vier verschiedenen Ländern kommend (Polen, Estland, Belgien und Deutschland) sind wir ein recht bunter Haufen, die alle (ausgenommen einer) bei DRONI arbeiten. Die Wohnung ist nicht mehr die neueste (früher war die Wohnung sogar das Büro von DRONI) und dementsprechend sieht sie auch aus. Trotzdem funktioniert alles mehr oder weniger und es passieren keine größere Katastrophen und nichtsdestotrotz fühle ich mich wohl dort.

Wir haben zwei Lebensmittelgeschäfte in naher Laufweite und können fast alles innerhalb einer halben Stunde zu Fuß erreichen. Wir können auch Busse, Metro oder wenn wir sehr faul sind, Taxis benutzen. Im Gegensatz zum sehr übersichtlichen U-Bahn System (nur zwei Linien) steht das eherGeorgien unübersichtliche Bus System; ich habe immer noch nicht herausgefunden wohin und zu welchem Zeitpunkt alle Busse fahren. Zu Gute halten muss man dem jedoch, dass es sehr günstig ist. Für eineinhalb Stunden kann man für 50 Tetri (ca. 20 Cent) Bus und U-Bahn fahren. Dafür gibt es eine praktische Karte, die man an fast jeder Haltestelle mit Geld aufladen kann. Leider fährt nach Mitternacht nur noch ein Bus, nämlich der zum Flughafen. Das heißt wenn man in eine der zahlreichen Bars gehen will muss man entweder zurücklaufen oder ein Taxi nehmen. Das ist jedoch auch nicht teuer.

Insgesamt ist das Nachtleben in Tbilisi sehr bemerkenswert. Ein Haufen gemütlicher, symphatischer oder in irgendeinem Sinne interessanter Bars laden zum Verbringen der Nacht ein. Auch Clubs sind viel gefragt und Menschen die gerne elektronische Musik hören haben die passende Stadt für sich gefunden. Laut der Meinung vieler Menschen sind die Clubs Bassiani, Khidi und Mtkvarze ein must-see in Tbilisi. Mit vielen international berühmten DJs ist zum Beispiel Bassiani auch in Europa sehr bekannt.

So schön das auch alles ist, nicht-rauchende Menschen sind hier in der absoluten Minderheit und wer nicht mit dem Geruch von Zigaretten zurecht kommt hat leider eher schlechte Karten. Generell ist Rauchen fast überall erlaubt, auch in Restaurants, Clubs und den meisten Bars. Und da sind wir auch schon bei der Kultur angekommen. Für mich ist es immer schwierig über Kultur zu schreiben, da vieles auf Stereotypen basiert ist und ich nichts generalisieren möchte. Trotzdem werde ich um eure Neugierde zu stillen einige vorherrschende Tendenzen der Mehrheit der Menschen aufzeigen.

Allgemein wirkt es auf mich so, dass Zeit hier eine eher untergeordnete Rolle hat. GeorgienSobald man in Georgien ankommt wird man schnell mit dem berühmten „Georgian Maybe Time“-Prinzip konfrontiert. Das heißt, vielleicht passiert etwas bald, oder auch nicht. Mensch kommt in 10 Minuten oder zwei Stunden. Daher auch der oft gesagte Ausspruch: „In Georgia you never know“. Das alles macht es einem unheimlich schwer zu planen. Denn es kommt immer anders als man denkt und man kann nie wissen, was einen erwartet. Zum Beispiel eine einfache Aufgabe wie ein Päckchen bei der Post abzuholen endet in einem langwierigen, unvorhersehbaren und anstrengendem Prozess. Lange Geschichte. Oder man plant etwas aber letztendlich kommt es doch ganz anders, weil etwas Neues aufkommt und man seinen ursprünglichen Plan über Bord werfen muss. Auch werden Versprechen nicht immer so ganz gehalten wie man das vielleicht gewöhnt ist.

Das hört sich jetzt alles eher negativ an, jedoch macht es mir Spaß auf diese Art zu leben, da ich mich schnell an diese Mentalität anpassen konnte und mich an einem sehr spontanen und flexiblen Lebensstil erfreue.

GeorgienEine andere Besonderheit ist die unglaubliche, überwältigende Gastfreundschaft die einem hier entgegengebracht wird. Ich kann darüber gar nicht viel schreiben, man muss einfach herkommen und es selbst erleben. Wenn man mit Locals in Kontakt kommt freuen sie sich immer jemanden aus einem anderen Land zu treffen und spätestens die fünfte Frage im Gespräch ist immer, wie einem Georgien gefällt, da viele Georgier_innen sehr stolz auf ihr Land sind und dieses teilen möchten.

Eng mit dieser Gastfreundschaft verbunden ist auch die Supra-Tradition. Stellt euch einen Tisch vor, an dem viele Menschen (Familie, Freunde, etc.) versammelt sind und über und über mit Essen bedeckt ist. Natürlich darf auch der Wein nicht fehlen. Und am Kopfende sitzt ein Mensch, der Tamada (häufig ein Mann), der immer wieder verschiedene Trinksprüche ausbringt. Über Familie, Liebe, Religion, Frieden, über ganz Georgien (oder falls Gäste aus anderen Ländern da sind auch ihre Länder), die Verstorbenen und die Jugend, etc., etc. Davon gibt es noch eine ganze Reihe mehr oder was einem gerade so einfällt. So verbringt man den Abend, essend, trinkend und mit Menschen redend. Danach ist man immer übervoll gefuttert und die Stimmung ist ausgelassen.In Georgien ist Alkohol ein ein Weg um mit Menschen in Kontakt zu kommen und gemeinsam Zeit zu verbringen.Georgien

Das Essen und Trinken ist sowieso eine Sache für sich. Ich als Vegetarierin kann hier gut leben, obwohl es natürlich viele Gerichte mit Fleisch gibt. Das macht aber die Menge an Essen hauptsächlich mit viel Brot, viel Käse und Gemüse wieder wett. Die bekanntesten Gerichte hier in Georgien sind zum Beispiel Khachapuri, Khinkali, Lobiani, Badridschani, usw. Auch die Weintradition ist hier in Georgien fast essenziell wichtig. 8000 Jahre reicht diese Tradition zurück und ist immer noch ein großer Bestandteil des Lebens vieler Familien, da sehr viel Menschen ihren Wein selbst herstellen. Außerdem auch Chacha, ein 40-80%iges alkoholisches Getränk, das auch aus Trauben hergestellt wird. 

GeorgienNeben dem Essen lädt Georgien auch sehr zum Reisen ein. Wenn man nicht gerade eine all-inclusive geplante Reise machen will, kann man leicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie Zügen, Bussen und Marshrutkas (kleine gelbe, meist eher unbequeme aber günstige Busse) an viele Orte kommen. Wenn man noch ein bisschen mehr Spaß und Abenteuer haben will kann man auch sehr einfach zu fast jedem Ort trampen und interessante Begegnungen und Erfahrungen machen. Entgegen vieler Vorurteile ist Georgien ein sehr sicheres Land und auch Tourist_innen müssen nicht sehr besorgt sein, außer darum von Taxifahrern preislich über den Tisch gezogen zu werden. Aber auch da kann man verhandeln. Sogar noch besser wenn man Russisch spricht, denn die Landessprache ist zwar Georgisch, trotzdem sprechen fast alle Menschen Russisch Georgienund in ländlicheren Gegenden kommt man mit Englisch meist nicht so weit. In Tbilisi wird schon eher von der jüngeren Generation Englisch gesprochen. Alles in allem macht es viel Spaß unzählige wunderschöne und interessante Orte zu entdecken und die Zeit zu genießen.

Auch für mich ist mein ganzer EFD eine neue Reise und obwohl ich schon im August hier angekommen bin lerne ich Tag für Tag noch etwas mehr über Land & Leute und komme so jeden Tag etwas mehr an. In diesem Sinne freue ich mich auf die Zukunft und die Erlebnisse und Erkenntnisse die ich noch haben werde.


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