Dieses Zitat aus „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, fasst meinen zweiten Monat hier recht gut zusammen. Und wie viele Regenbögen ich gesehen habe- im wörtlichen, wie im übertragenen Sinne!

Einer meiner bisherigen Höhepunkte hier, war der Wochenendausflug in die Normandie mit einigen anderen Freiwilligen, die ich beim Vorbereitungsseminar in Südfrankreich kennengelernt hatte. Mit mehreren Autos fuhren wir aus den verschiedenen Regionen in den Norden Frankreichs, wo wir uns in St Lô erst einmal einregnen ließen. Es war kalt und man bemerkte, das die Stadt im zweiten Weltkrieg von den Alliierten komplett zerstört worden war. Ein wenig desillusioniert, beschlossen wir uns wenigstens die Kathedrale anzuschauen. Der Haupteingang war leider nicht offen, weshalb wir uns durch einen Nebeneingang schlichen und von donnernder Orgelmusik begrüßt wurden. Es war ein magischer Moment, in dieser asymmetrischen, die Geschichte ihrer Stadt widerspiegelnden Kirche zu stehen und im Halbdunkeln einer , wie wir später begriffen, Orgelstunde zu lauschen. Nach diesem ersten Regenbogenerlebnis fuhren wir zu einem Strand, den wir mehr oder weniger willkürlich ausgewählt hatten. Genau in dem Moment, als wir die Autos parkten, stoppte der Dauerregen für einen Moment und offenbarte uns eine wunderschöne Abendstimmung mit echtem Regenbogen. Man kann sich unsere Begeisterung sicherlich lebhaft vorstellen!

Für mich persönlich war der folgende Tag besonders eindrücklich: Bei den plages du débarquement, den Landungsstränden bekamen wir unsere kulturelle Vorprägung ganz unerwartet zu spüren. Ich hatte damit gerechnet, dass wir alle etwas bedrückt sein würden, bei dem Gedanken an die alliierten Soldaten, die hier ihr Leben lassen musste, doch um ehrlich zu sein, hätte ich nie gedacht, dass es bei dieser Gruppe eine historisch gesehen so intensive Erfahrung werden würde. Tatsächlich waren vor allem die italienischen Freiwilligen besonders ergriffen. Sie konnten nicht nur sämtliche Fakten und Erklärungen zu dem Ablauf der Ankunft der Soldaten liefern, die aufgrund der deutschen Truppen, die sie aus höher gelegenen Bunkern beschossen, eine sehr geringe Überlebenschance hatten, sie sahen hauptsächlich in dem Ort den Beginn des italienischen Widerstandes gegen Mussolini. Ohne die Hoffnung, die die alliierten Soldaten mit sich brachten, hätten die Italiener sich nie aus eigener Kraft befreien können, da waren sich die beiden sicher. Mich persönlich beschäftigten vor allem Schuldgefühle. So viele Menschen hatten ihr Leben wegen der Nazis lassen müssen, nicht nur Soldaten, sondern auch unglaublich viele Zivilisten waren dem höheren Ziel der Befreiung zum Opfer gefallen. Für mich ist es nicht nachvollziehbar, wie man so ein Grauen in Kauf nehmen kann, wie man nicht an das Leben der unschuldigen Menschen denken kann, die nichts mit diesem Krieg zu tun hatten, die einfach nur Befehlen folgen mussten oder zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Und so verbrachten wir Stunden an dem windigen und kalten Strand in Diskussionen auf den verschiedensten Sprachen vertieft- eine Erfahrung, die mir immer im Herzen bleiben wird! Nach dem Besuch der schönen Städte Caen und St Malo (wieder zurück in der Bretagne), neigte sich dieses wunderbare und intensive Wochenende dem Ende zu.

les plages du débarquement

Die folgenden Tage waren leider durch einen Todesfall in Deutschland überschattet. Meine Familie fehlte mir in dieser Zeit besonders und ich hatte Anfangs ein schlechtes Gewissen, nicht vor Ort zu sein. Doch gleichzeitig fand ich hier in St Brieuc die beste Ablenkung überhaupt. In meinem Projekt fühle ich mittlerweile immer besser aufgehoben, gerade da ich immer mehr Verantwortung übertragen bekomme. Es ist für mich immer ein besonderer Moment, vor einer ganzen Klasse zu stehen und meine selbst vorbereitete Stunde durchzuführen, doch auch meine anderen Aufgaben machen mir Spaß. So unterstütze ich häufig Lehrer im Sprachunterricht, in dem ich mit einzelnen Schülern arbeite und sie so fördere bzw. fordere. Manchmal kommen auch Schüler von sich aus auf mich zu und wir treffen uns in Freistunden oder unserer Mittagspause, um ihre Sprachkenntnisse in lockeren Konversationen zu verbessern und aktuell bin ich dabei eine AG zum Thema Sprache und Kultur zu planen. Auch das gemeinsame Projekt mit den anderen Freiwilligen kommt voran. Wir haben uns dafür entschieden, einen gemeinsamen Blog über die besondere bretonische Kultur zu schreiben und informieren uns im Moment vor allem über historische Projekte.

Tatsächlich komme ich auch in St Brieuc immer mehr an. Alle zwei Wochen nehme ich an einem bretonischen Tanzkurs teil. Der Altersdurchschnitt liegt zwar wie erwartet bei ca 65 Jahren, doch es macht Spaß, die traditionellen Tänze kennenzulernen. Und auch ansonsten hat die Stadt viele kulturelle Ereignisse zu bieten, so war ich zum Beispiel mit einem anderen Freiwilligen bei einem Konzert eines afrikanischen und eines bretonischen Musikers und im Rahmen der semaine de la solidarité (Solidaritätswoche) haben wir alle typische Süßspeisen aus unseren Herkunftsländern gebacken.

Trotz allem gibt es natürlich einige Wehmutstropfen, die mir teilweise schwer zu schaffen machen. So befinde ich mich zu meinem eigenen Erstaunen, da ich doch eigentlich eine recht harmoniebedürftige Person bin, in einem Konflikt mit einer meiner Mitbewohnerin, der sich immer wieder an den banalsten Sachen aufhängt. Mehrere Male haben wir versucht darüber zu sprechen und ich gebe mir alle Mühe ihren Standpunkt zu verstehen und zu respektieren, doch unsere Beziehung hat sich trotzdem nur bedingt normalisiert, was ich sehr schade finde. Da ist es umso schöner, dass ich jetzt ein Wochenende bei Leonie, einer weiteren ODI-Freiwilligen verbringen konnte. Es tut so gut sich mit ihr auszutauschen und gemeinsam verbrachten wir zwei wunderschöne Tage. Um uns wirklich in die französische Kultur einzufügen, nahmen wir an einem französischen Diktat  teil. Tatsächlich treffen sich hier in Frankreich häufig Privatpersonen freiwillig (!) an einem Nachmittag, um sich mit schwierigen französischen Texten auseinanderzusetzen. Da sogar schon einige Muttersprachler ihre Schwierigkeiten hatten, kann man sich vorstellen, wie rot unsere Texte nach der Korrektur waren. Doch eine solche Erfahrung kann man zu zweit definitiv mit Humor nehmen! Nach einem zehn Kilometerlauf waren wir noch bei einer freundlichen Sportlehrerin eingeladen (die mich zuvor noch nie gesehen hatte) und verbrachten einen genialen, typisch französischen Abend im Kreis einiger Lehrer. Von Leonie kam auch der Tipp, all  meine „Regenbogenmomente“ in ein kleines Buch zu schreiben und wenn alles wirklich mal schwierig wirkt, sind diese kleinen positiven Momente gold wert!

Wann immer meine Familie mir fehlt, hilft es mir ans Meer zu fahren. Mit dem Fahrrad ist es nur ungefähr eine halbe Stunde und vor Ort kann man wunderschön spazieren bzw. joggen gehen. Da das Wetter hier sehr wechselhaft und ziemlich regnerisch ist, komme ich gerade bei diesen kleinen Ausflügen in den Genuss eines Regenbogens, hin und wieder scheint aber auch mal die Sonne!

Die Bucht von St Brieuc

Besonders schön war es auch zwei Wochenenden bei meiner ehemaligen Gastfamilie zu verbringen. Neben dem Besuch von Vannes, waren wir auch auf verschiedenen Weihnachtsmärkten und haben ein traditionelles französisches Weihnachtsrezept ausprobiert, eine bûche de Noel.

So erlebe ich hier insgesamt sehr viel  Verschiedenes. Die Hochstimmung vom Anfang wurde zwar vom Alltag mit all seinen kleinen Herausforderungen und Ernüchterungen abgelöst, doch insgesamt fühle ich mich hier wirklich wohl! Denn auf jeden Regenschauer folgte bislang ein besonders schöner Regenbogen!


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