Wenn mir jemand zu Beginn des Freiwilligendienstes gesagt hätte, dass ich mit einer Person, die ich zu diesem Zeitpunkt einmal flüchtig gesehen hatte, wochenlang in meinem Appartement in St Brieuc eingesperrt sein würde und den Kontakt zu anderen vermeiden müsste, ich weiß nicht, ob ich es geglaubt hätte.
Heute ist Leonie, die mir damals quasi unbekannte Person, eine gute Freundin, ohne die ich diese seltsame Corona-Zeit wahrscheinlich wesentlich negativer wahrnehmen würde.
Seit 11 Tagen sind wir hier in Frankreich im confinement, dass heißt, wir dürfen nur noch zum Einkaufen bzw. zu einer kurzen sportlichen Aktivität das Haus verlassen. So schade es ist, dass all die Reise- und Projektpläne, die für diese Tage eigentlich anstanden, nicht realisierbar sind, so sehr weiß ich es doch zu schätzen, dass ich noch in Frankreich sein kann und meinen ESK nicht abbrechen musste. Wir sind jetzt viel mit den anderen Freiwilligen, die wir bei verschiedenen Seminaren kennenlernen durften, in Kontakt und es tut gut, sich mit ihnen auszutauschen!
Ein weiterer Vorteil dieser zwangsentschleunigten Zeit: Es ist die perfekte Gelegenheit Fotos auszutauschen, in Erinnerungen zu schwelgen und sich klar zu machen, wie viele tolle Erfahrungen man bereits machen durfte. Mir wird immer bewusster, was für ein Glück ich hatte, die Reise zu meinem zweiten Seminar in Südfrankreich noch antreten zu dürfen. Nicht nur das Seminar selber, dass dieses Mal in Sommière, einer kleinen Stadt in der Nähe von Nimes stattfand, hat mir unglaublich gut gefallen, sondern auch die gesamte Reise, die ich mit zwei anderen Freiwilligen aus St Brieuc unternommen habe. Charlotte, eine weitere deutsche Freiwillige, Jeremy aus Belgien und ich, wir hatten uns vorgenommen, die Zugfahrt in den fernen Süden etwas aufzuteilen und einige Zwischenstopps zu machen.
Mit schweren Rucksäcken bepackt, starteten wir unsere Städtetour in Nantes, der ursprünglichen Hauptstadt der Bretagne. Auch wenn diese Episode längst Geschichte ist, erinnert noch vieles an die Zugehörigkeit zu der Region im Nord-Westen Frankreichs. Zuerst einmal befindet sich das Schloss der ducs de Bretagne in dieser Stadt, das wir natürlich gleich als erstes besichtigten und einige Szenen Anne de Bretagnes mehr oder weniger getreu nachstellten. Tatsächlich beweisen auch viele Graffiti und Aufkleber, die in den Straßen Nantes zu finden sind, dass sich einige Bewohner noch immer der Bretagne und nicht dem pays de la Loire zugehörig fühlen. Aber das eindeutigste Indiz war natürlich das Wetter: Ab dem Nachmittag lies der Regen keinen Zweifel mehr zu, dass die paar Kilometer zwischen Rennes und Nantes keine klimatische Veränderung bedeuten und uns die ehemalige Hauptstadt mit allen Mitteln ihr Zugehörigkeitsgefühl zur Bretagne beweisen will.
Trotzdem überzeugt die moderne Stadt mit ihrem beeindruckend gestaltetem Denkmal für die Abschaffung der Sklaverei, ihrer Insel mit skurrilen beweglichen Tieren und einem kleinen Fischerdorf, dessen knallige Farben trotz oder gerade wegen der Nässe hervorragend leuchteten.
Schon am nächsten Tag machten wir uns aufgrund von anfänglichen Buchungsproblemen in unterschiedlichen Ersatzbussen und Zügen auf den Weg Richtung Bordeaux. Jeremy und ich wissen noch immer nicht, wie es der Busfahrer hinbekommen hat, vor der planmäßigen Ankunft des Zuges, mit dem wir eigentlich nach La Rochelle fahren wollten, anzukommen, doch selbstverständlich beschwerten wir uns nicht über diese wunderbare geschenkte halbe Stunde! Wir nutzten sie zu 100 Prozent aus, indem wir zum Hafen und zum Meer sprinteten, die südliche Sonne genossen, um dann wieder zum Bahnhof zurück zu laufen und genau rechtzeitig den Zug nach Bordeaux zu erwischen.
Dort angekommen, bewiesen uns die geradezu sommerlichen Temperaturen, dass wir nun wirklich in Südfrankreich angekommen waren. Begeistert verstauten wir unsere Winterjacken in unseren Rucksäcken und schon konnte die Erkundungstour losgehen!
Zu unserer großen Freude hatte nahe dem „Place de la Bourse“ ein großer Jahrmarkt seine Zelte aufgeschlagen. Allein die Kirmes-Atmosphäre zu genießen war schon toll, doch das absolute Highlight war natürlich das große Riesenrad. Um meine Begeisterung zu verstehen, muss man vielleicht wissen, dass ich erst ein einziges Mal in meinem Leben Riesenrad gefahren bin und mich daran leider nicht mehr erinnern kann. Es ging für mich also an diesem Tag ein Kindheitstraum in Erfüllung, als wir die blonde Stadt, wie Bordeaux aufgrund seiner aus hellem Stein bestehenden Häuser genannt wird, von oben betrachten konnten. Diesen wunderbaren Moment werde ich immer im Herzen tragen!


Am nächsten Tag konnten wir Bordeaux wieder mit Charlotte vereint zu Fuß erkunden. Irgendwann wurde es uns sogar am Ufer der Garonne, der wir einige Zeit lang auf ihrem Weg durch die Stadt folgten, zu warm, so dass wir spontan beschlossen ans Meer zu fahren. Eher zufällig hatten wir Arcachon auserkoren und so rannten wir kurz darauf Richtung Bahnhof, um den Zug zu dem Badeort zu erwischen. Zugegeben: Es waren einige Menschen am Strand, um den wunderbaren Sonnenschein zu genießen, doch niemand war so verrückt auf die Idee zu kommen, im noch immer kalten Wasser schwimmen zu gehen. Komischerweise kann ich mich echt nicht mehr daran erinnern, doch die anderen behaupten steif und fest, dass dieses Meerbad sogar meine Idee gewesen sei! Spaß gemacht hat es auf jeden Fall, auch wenn ich danach minutenlang am Zittern war. Um uns wieder aufzuwärmen, liefen wir weiter am Meer entlang und stießen auf einen kleinen Meeresarm. Im Nachhinein frage ich mich manchmal, wie es möglich ist, dass wir ohne groß nachzudenken spontan immer die perfekte Entscheidung getroffen oder den einzig richtigen Weg eingeschlagen haben. Es schien beinah zu schön um wahr zu sein, dass dieser gelungene Tag noch mit einem wunderschönen Sonnenuntergang über dem Meer abgerundet wurde, den man nur an diesem kleinen Strand bewundern konnte.


Um die Wahrheit nicht zu idealisieren: So ganz vorbei war der Tag dann doch noch nicht. Als wir gegen 23.00 Uhr hundemüde in Toulouse, unserem letzten gemeinsamen Etappenziel ankamen, mussten wir noch eine gute Stunde zu unserer Unterkunft laufen. Ja, Jeremy, ich kann es jetzt offen zugeben, dass du Recht gehabt hast, als du uns Sparfüchse bei der Buchung darauf hingewiesen hast, dass ein paar Euro mehr für ein Hotel im Zentrum nicht die schlechteste Entscheidung gewesen wäre… Aber hey, wir sind jung und haben auch diese kleine Herausforderung gut gemeistert!
La ville rose ist einfach nur ein Traum! Ich habe jede Sekunde genossen, die wir in diesen wunderbaren sonnendurchfluteten Straßen verbracht haben. Wie auch schon in Bordeaux verbrachten wir viel Zeit an der hier natürlich noch schmaleren Garonne, wir schlenderten zu verschiedenen Kirchen, durch ruhige Parks und belebte Märkte und gönnten uns sogar ein für die Stadt wohl typisches Veilcheneis.

Abends folgten wir dem canal du midi, der im Licht der untergehenden Sonne rötlich schimmerte zurück zum Garonne-Ufer, wo wir einen weiteren traumhaften Sonnenuntergang bewundern konnten.
Natürlich sind wir vor allem hier in Frankreich, um unsere Französisch-Kenntnisse aufzupolieren. Doch wir deutschsprachigen Freiwilligen merken immer mehr, wie viel unsere eigene Sprache zu bieten hat. Beinahe täglich tauschen wir uns über einzelne Wörter, die in einigen Regionen wohl typisch sind, oder die unterschiedliche Aussprache aus und es ist der Wahnsinn, wie schnell man Angewohnheiten der anderen übernimmt. An diesem Abend erreichte die Reflexion über die deutsche Sprache einen neuen Höhepunkt: Während wir in einem Schnellimbiss aßen, bemühten wir den hochgestochensten Wortschatz, zu dem wir fähig waren, um über Themen wie den Sprachwandel zu diskutieren. Ich habe deutsch nie als eine besonders schöne Sprache wahrgenommen, doch jetzt sehe ich meine Muttersprache, in der ich mich so frei bewegen kann, wie sonst in keiner anderen, mit ganz anderen Augen!
Am nächsten Tag trennten sich bereits unsere Wege: Charlotte fuhr zu ihrem Seminar nach Narbonne, während Jeremy und ich uns Richtung Nimes aufmachten, um von dort aus nach Sommières zu fahren.
Schon im Bus trafen wir auf einige bereits von den letzten Seminaren bekannte Freiwillige. Die Treffen in Südfrankreich sind unglaublich schöne Erfahrungen! Tagelang kann man sich mit inspirierenden Menschen über ihre Projekte, ihre positiven, sowie negativen Momente, ihre Erfolge und ihre kulturelle Herkunft austauschen. Gerade bei diesen Zusammenkünften merkt man sehr schnell, dass wir alle aus verschiedenen Gründen hier in Frankreich sind, häufig durchleben wir gerade eine ganz unterschiedliche Lebensetappe und unsere familiäre wie kulturelle Herkunft lässt uns vieles ganz anders wahrnehmen. Einiges, was mir so selbstverständlich erscheint, wird von den anderen Freiwilligen ganz anders bewertet, doch mit fast jedem findet man überraschend viele Gemeinsamkeiten.
Mit der Erzählung von diesen mit Gesang,Tanz, Austausch und gutem Essen angefüllten Tagen könnte man ganze Bücher füllen, doch darauf soll an dieser Stelle verzichtet werden.


Auf jeden Fall habe ich mir fest vorgenommen, mit einigen Freiwilligen in Kontakt zu bleiben, ein Treffen im Juni ist geplant, noch steht in den Sternen, ob es wirklich umgesetzt werden kann. Aber ansonsten ist es ja immer noch möglich, sich in den jeweiligen Ländern zu besuchen!
Da wir ja schon einmal im Süden waren, hatten wir schon vorher beschlossen, die Besichtigung von Nimes an unser Seminar anzuschließen. Zusammen mit Jana, einer Freiwilligen, die aktuell in Reims arbeitet, hatten Jeremy und ich ein AirBnB gefunden, das uns noch eine Verlängerung unseres Aufenthalts ermöglichte. Die kleine Stadt ist mit ihren zahlreiche Erinnerungen an die Herrschaft der Römer wirklich beeindruckend und wir nahmen uns viel Zeit, die Aussicht vom ehemaligen Wachturm zu genießen und die Arena zu besichtigen. Danach erfreuten wir uns daran, ziellos durch die Straßen zu laufen und die Atmosphäre auf uns wirken zu lassen, ehe wir zum Kochen und zum Kartenspielen in unsere Unterkunft zurück gingen.
Und schon war der letzte Tag dieser außergewöhnlichen Reise gekommen. Natürlich konnten wir uns nicht mit der Idee anfreunden, direkt in die Bretagne zurück zu fahren, weshalb Jeremy und ich noch einen kurzen Aufenthalt in Paris eingeplant hatten. Für diese wunderschöne, gigantisch große Stadt genügt eine halbe Stunde nicht, weshalb wir uns knapp fünf Stunden eingeplant hatten, in denen wir, während wir zu Fuß die Bahnhöfe wechselten, durch den jardin des plantes liefen, die sich in Bauarbeiten befindende Notre Dame ansahen und einen weiteren Kindheitstraum von mir erfüllten, indem wir auf den Eiffelturm stiegen. Ich kannte den Ausblick auf Paris bislang nur von Sacre Coeur und vom Arc de Triomphe, was zweifelsohne beeindruckend ist. Doch auf dem Wahrzeichen dieser gigantischen Stadt zu stehen, ist etwas ganz besonderes!
Auf die Sekunde genau erwischten wir den Zug nach St Brieuc, in dem ich vor Müdigkeit direkt eindöste. Während einer solchen Städtetour nimmt man es gar nicht so richtig wahr, doch es ist schon irgendwie anstrengend.
Vielleicht ist es also ganz gut, dass ich jetzt im confinement mehr als genug Zeit habe, die wundervollen Eindrücke Revue passieren zu lassen und zu verarbeiten.
Diese Reise ist und bleibt für mich etwas ganz besonderes, sie ist nicht nur eine der schönsten Erfahrungen, die ich hier in Frankreich machen durfte, sondern spiegelt auch viel von dem wieder, was für mich das Freiwilligendasein insgesamt bedeutet: Die Freiheit zu Reisen, der Wunsch zu Entdecken und vor allem die gemeinsamen Erlebnisse mit den anderen Freiwilligen.


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