Hola amigos und willkommen zu diesem Blogeintrag!

In den letzten Wochen und Monaten überschlugen sich die Ereignisse – zuerst nur in China, doch schnell auf der ganzen Welt. Auch in Ecuador bemerkte man Ende Februar die Anfänge der Coronawelle. Beginnend mit empfohlenen Ausgangssperren, Schließungen von Schulen und Universitäten und einer sehr großen Unsicherheit unter den Menschen, nahm die Ausbreitung des SARS- CoV-2 Virus schnell auch andere Bereiche der Gesellschaft ein. Die Regierung beschloss, öffentliche Plätze und Aufenthaltsorte abzusperren, die Menschen dazu aufzufordern, zuhause zu bleiben und bat Gewerbe und Unternehmen, auf freiwilliger Basis die Türen vorübergehend zu schließen.

So entschied sich auch mein Projekt „Ángeles En Cuatro Patas“ dazu, ab dem 16. März Therapien und Reitstunden einzustellen und sich dem Hashtag #mequedoencasa (dt.: „ich bleibe zuhause“) anzuschließen, um in der Gesellschaft Solidarität und Umsicht zu zeigen. Wie ich es von anderen Freiwilligen mitbekommen habe, schlossen auch deren Projekte ab dem 16. März und konnten nur noch bedingt oder gar nicht besucht werden.

 

Unser Beitrag zum Hashtag „me quedo en casa“: „Esta es mi casa – aqui me quedo“ (dt.: „das ist mein Haus – hier bleibe ich“)

 

Noch am selben Tag ereilte uns die Nachricht aus Deutschland, dass das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) die Empfehlung zur Rückreise aller deutschen Freiwilligen im Ausland herausgegeben hätte und schon am darauffolgenden Tag erhielten wir die Aufforderung zu ebenjener Rückreise. Für uns deutsche Freiwillige auf dem Hof von Ángeles, kam diese Information sehr unerwartet und plötzlich. Natürlich hatten wir den bis dahin schon deutlich zu erkennenden Ernst der weltweiten Situation aufgrund der Corona-Pandemie mitbekommen, jedoch hatten wir uns bis zu diesem Augenblick keineswegs unsicher im Land oder in unserer Situation gefühlt.

Für mich persönlich brach mit der Entscheidung des BMZ, dass alle weltwärts-Freiwilligen nach Deutschland zurückfliegen müssen, eine Welt zusammen. Ich hatte mich schließlich noch keine Minute mit dem Gedanken beschäftigt, schon drei Monate verfrüht zurückzukehren und damit meinen Freiwilligendienst abzubrechen. Ich hatte noch so viele Pläne, Wünsche und Ziele und natürlich war ich nicht dazu bereit, meine neugewonnenen Freunde und meine Familie von Ángeles zu verlassen. Im Nachhinein bin ich sehr dankbar für die Tatsache, dass für uns vier Freiwillige auf dem Pferdehof erst eine Woche später, am 25. März, ein Flug gebucht wurde und wir rückblickend und im Vergleich zu anderen Freiwilligen noch sehr viel Zeit hatten, uns mental auf unsere Rückkehr vorzubereiten und uns von den wichtigsten Personen angemessen zu verabschieden. In diesen Tagen konnte ich, inmitten eines emotionalen Gefühlschaos, immer mehr begreifen, dass die Rückreiseanforderung nicht dazu diente, uns Freiwillige mit bösem Hintergedanken aus unseren Welten herauszureißen, sondern dass es für alle Beteiligten ein großes Risiko gewesen wäre, uns nicht zurückzuholen und uns eventuell auf unbegrenzte Zeit die Krise im Gastland abwarten zu lassen. Dementsprechend kann ich diese Entscheidung mittlerweile gut nachvollziehen.

Die Tage vom 16. bis zum 25. März vergingen wie im Flug. Doch die kurze Zeit, die uns noch in unserem Zuhause und in unserem Projekt in Quito blieb, nutzten wir sehr gut. Dadurch, dass es weiterhin jeden Tag die Tiere zu versorgen galt und wir diesbezüglich auch einige spontane Änderungen vornehmen mussten, weil beispielsweise keine Einstreu für die Pferdeställe mehr geliefert werden konnte, hatten wir immer noch Einiges zu tun. So bauten wir in dieser Woche einen neuen Zaun, reparierten den Zaun der Pferdekoppel und gingen weiterhin mit den Hunden spazieren oder spielten mit ihnen. Zudem machten wir uns unsere Freizeit so schön wie möglich, indem wir zum Beispiel auf einem selbstgebauten Volleyballfeld in unserem Vorhof Volleyball spielten, oder indem wir zusammen kochten, spielten, Armbänder flochten, oder am Lagerfeuer tanzten.

 

Wir genossen das sonnige Wetter auf unserem Volleyballplatz

 

In dieser kurzen Zeit ist mir noch einmal klargeworden, wie viel Glück ich mit der Platzierung in meinem Projekt hatte. Denn obwohl ich natürlich auch Momente hatte, in denen ich mir die Dinge anders gewünscht oder vorgestellt hätte, wurde „Ángeles En Cuatro Patas“ mit jedem Tag mehr zu einem Zuhause für mich, zu einem Wohlfühlort und zu einer Familie. Vor allem die Quarantänetage haben uns als Team nochmal deutlich näher zusammengebracht, wir haben zusammen über Geschehnisse aus sieben vergangenen Monaten gelacht und über die Vorstellung, dass wir uns bald verabschieden müssen geweint. Wir konnten trotz einer Welt, die auf den Kopf gestellt scheint, einigermaßen normal weiterarbeiten, natürlich ohne Patienten und Reitschüler, aber dafür mehr im Stall und intensiver beim Pferdefüttern, Anlagen bauen und reparieren. Unser Zuhause, der Hof von Ángeles, war für uns in dieser einen Woche wie eine eigene, kleine und sehr sichere Welt.

 

Maybrit und ich vor unserem „Gartenvulkan“, dem Cotopaxi

 

Außerhalb verschärften sich nämlich Regelungen. Mittlerweile galt eine Ausgangssperre und die Menschen durften nur bedingt und abhängig von der Endzahl ihrer Ausweisnummern das Haus verlassen. Die Straßen schienen wie leergefegt und der sonst so rege und teilweise anstrengende Verkehr Quitos war kaum noch vorhanden. Selbst Giancarlo, mein Gastbruder, meinte, ihm würde beim Anblick dieser Zustände auf den Straßen ein kalter Schauer über den Rücken laufen und er erkenne seine Stadt kaum wieder. Ungern begleitete er uns zu unserem letzten Einkaufsgang in den „Megamaxi“, der größten Supermarktkette Ecuadors, wo wir noch ein paar Geschenke und Souvenirs für unsere Familien, Freunde und Sponsoren kaufen wollten. Und ich muss selbst zugeben, das Gefühl im Supermarkt, der sonst überfüllt, laut und hektisch war, war diesmal sehr bedrückend. Kaum einer traute sich ohne Mundschutz und teilweise sogar Schutzbrillen unter die Menschen, bei unserem Anblick wurden Gänge gewechselt oder ein Abstand von mindestens zwei Metern gehalten und an der Kasse bat sogar eine Frau den Kassierer darum, nach uns das Warenband zu desinfizieren. Die Menschen reagierten ungewohnt und sehr distanziert, teilweise ängstlich auf uns Europäer, was natürlich bei uns kein schönes Gefühl auslöste. Schnell verließen wir den Supermarkt, denn länger als nötig wollte man sich darin auch nicht aufhalten.

Im Allgemeinen muss ich jedoch sagen, dass mir meine letzten Tage in Quito sehr positiv in Erinnerung bleiben. Unsere letzten Abende und Momente verbrachten wir kartenspielend und lachend in unserer Küche, wo wir Mädels auch noch ein paar Male groß für alle kochten. Wir wurden von Giancarlo und unser Gastmutter Ebe sowie den anderen Jungs aus unserem Team sogar feierlich verabschiedet, mit einem Zertifikat von „Ángeles En Cuatro Patas“ und auf persönlicher Ebene, als Teil der Familie. Und auch wir verabschiedeten uns herzlich und hinterließen Briefe und ein paar Geschenke, sowie ein Abschiedsvideo für Patienten und Reitschüler, die wir natürlich nicht mehr persönlich sehen konnten.

 

Ein letztes Gruppenfoto mit unserer Familie von Ángeles am Abreisetag

 

Im Nachhinein wirkt der Abschiedsmorgen des 25. März, sowie die für mich beinahe 30 Stunden lange Reise über Amsterdam und Frankfurt nach Hause fast wie ein Traum. Eigentlich komisch, denn das ging mir auch bei der Anreise und Ankunft im August schon so. Und da ich mich generell ungern verabschiede, war es natürlich auch sehr emotional belastend, mich von allen liebgewonnenen Menschen in Ecuador und schließlich auch von meinen Mitfreiwilligen Maybrit, Carina und Leonie zu verabschieden. Dennoch war ich froh, in Frankfurt meine Eltern und meine Schwester zu begrüßen und sie nach sieben Monaten wieder in die Arme zu schließen.

 

Gelandet in Frankfurt – Meine Familie holte mich am Flughafen hab

 

Seitdem bin ich wieder zuhause, wieder auf altbekanntem Boden und in altbekannter Umgebung. Ich weiß noch genau, dass mir unser Haus riesengroß und irgendwie fremd vorkam, als ich am 26. März um zehn Uhr abends endlich daheim ankam. Das Staunen über die Höhe unserer Decken, den Komfort unseres Bades und unserer Küche und der Überfluss an Dingen in meinem Zimmer, sowie der großen Vielfalt an Lebensmitteln in unserem Kühlschrank hielt auch noch die nächsten drei Tage an. Wer hätte gedacht, dass ich mich mal so über dunkles Brot mit Butter und Käse freuen würde? Ich hoffe, dass ich das Bewusstsein für den Lebenskomfort und den Luxus, in dem ich hier aufwachsen durfte, für immer irgendwo in meinem Kopf behalten werde.

 

Leonie, Maybrit und Carina, meine Mitfreiwilligen und Roommates in Quito – Statt persönlich in der Küche oder unseren Zimmern wird jetzt eben über die App „Houseparty“ gequatscht

 

In den nächsten Tagen heißt es für mich jetzt erstmal ankommen, mich zurechtfinden und vor allem Isolation, so wie für viele andere Menschen und wahrscheinlich auch für einige von euch.

Schon verrückt, dass ein solches Virus in so kurzer Zeit ein riesiges Chaos auf der ganzen Welt anrichten kann und man im Moment noch nicht weiß, wie es weitergehen soll und weitergehen wird. Hoffen wir einfach das Beste und bleiben zuhause, bis wir eines Tages bestimmt wieder gemeinsam rausgehen und das Leben genießen können.

Bis dahin wünsche ich euch alles Gute, dass ihr und eure Familien gesund bleibt und dass ihr Ruhe und Positivität behalten könnt.

Ich bedanke mich herzlich bei euch fürs Lesen, für das stetige Verfolgen meiner Einträge und für das Interesse an meinen Erlebnissen und Erzählungen.

Und auch, wenn hiermit das Kapitel „Freiwilligendienst in Ecuador“ für mich erstmal beendet ist, weiß ich ganz sicher, dass ich eines Tages zurückkehren und das Buch an einer anderen Stelle weiterschreiben werde.

Liebe Grüße und hasta luego,

eure Marlene


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