Nach 10 Monaten ist es jetzt so weit: Meine letzte Woche in Ecuador hat angefangen.

Mit gemischten Gefühlen habe ich heute angefangen, meinen Koffer zu packen. Es fühlt sich an, wie als würde ich in mein altes Leben zurückkehren müssen. Zurück in das Leben, welches ich über einen Zeitraum von 10 Monaten hinter mir gelassen habe und mit dem ich mich rückblickend absolut nicht beschäftigt habe.

Ich habe mir überlegt, was ich wohl vermissen werde aus diesem Land, in welches ich mich für fast ein Jahr zu integrieren versucht habe und welche Gefühle und Erfahrungen ich hier lassen möchte.

Hier einige Ergebnisse:

~ Am meisten vermissen werde ich den Ausblick über das Tal Tumbacos von meiner Dachterasse aus. Morgens, wenn die Sonne gerade aufgeht und noch tief über den Bergen hängt und dann abends, wenn sich die Regenwolken des Tages gelegt haben und dem Orange-Rot des Sonnenuntergangs Platz machen, gefolgt von den flimmernden Lichtern der Großstadt.

~ Die unzähligen Stunden voller Gespräche am Küchentisch mit meiner Mitbewohnerin, immer einen Kaffee und ein Notizbuch in der Hand, um die nächsten Wochenenden zu planen.

~ Und eben diese Wochenenden, wenn wir raus in die Natur gefahren sind, in wenigen Stunden Berge, Vulkane, Lagunen, reißende Flüsse, steppenartige Landschaften und dichte Wälder gesehen haben.

~ Die rasanten Busfahrten dorthin, die trotz des chaotisch wirkenden Bussystems immer funktioniert haben. Tatsächlich auch die mit Menschen vollgestopften Busse, die mit 180 um jede Kurve brettern. Busse, die mitten auf der Autobahn anhalten und die dich überall rauslassen. Die lateinamerikanische Musik auf höchster Lautstärke und die unfreundlichen Menschen, die sich ohne Rücksicht rein und raus drängen – weil anders geht’s eben nicht.

~ Die Kinder aus meinem Projekt, die mir die glücklichsten und lustigsten Momente geschenkt haben und die mir so viel Zutrauen gegeben haben.

~ Die vielen verrückten Momente und Gespräche, die ich mit unterschiedlichsten Menschen hatte und die Zufälle, mit denen man genau diese Menschen immer wieder getroffen hat.

~ Einfach zu wissen, dass man sich auf fast 3000 m Höhe befindet und trotzdem Luft zum Atmen hat.

Es ist so verrückt, wie schnell man sich ein völlig anderes und fremdes Leben aufbauen kann, mit neuen Leuten, in einer neuen Umgebung und wie man dann einfach mit dieser anderen Rolle lebt und Tag für Tag zur Arbeit geht, seine Nachmittage verbringt und in seinem Bett schläft, als wäre es immer schon so gewesen.

Zurück ins alte Leben

Und dann auf einmal muss man wieder zurück, in sein altes Leben, was sich vielleicht gar nicht verändert hat und man wieder einfach so weiter macht wie vorher.

Ich habe Angst davor, wieder in alte Lebensweisen zu fallen und alles, was ich in meinem Auslandsaufenthalt gelernt und wertschätzen gelernt habe, zu vergessen. Alle Privilegien, alle so selbstverständlich scheinenden Dinge in meinem Leben in Deutschland einfach als eben diese hinzunehmen und mich zufrieden zu geben. Ich kann nicht mal sagen, ob ich mich großartig verändert habe.

Natürlich verändert man sich immer, schon allein durch den Zeitfaktor, aber inwiefern, das weiß ich nicht. Und ob ich wieder nach Hause will, weiß ich auch nicht, weil es mir ehrlich gesagt Angst macht. Meine Freunde und meine Familie haben ihr eigenes Leben ohne mich gehabt, ihre Welt hat sich auch weiter gedreht. Mich dort wieder zu integrieren macht mir Angst.

Aber es gibt auch viele Dinge, die ich mit gutem Gewissen hinter mir lassen werde, z.B. das Gefühl, immer die „Ausländerin“ zu sein und als diese wahrgenommen zu werden, was ja allein schon optisch gerechtfertigt ist. Dennoch habe ich mich nie richtig zu Hause, nie richtig integriert gefühlt, wofür vielleicht 10 Monate auch eine zu kurze Zeit sind. Ich mochte es nicht, auf den Straßen direkt als Ausländerin „ertappt“ zu werden und manchmal das Gefühl zu bekommen, mein Herkunftsland sei alles, was mich ausmacht. Ich nehme diese Erfahrungen als wertvoll mit nach Hause, um besonders in Deutschland nochmal zu reflektieren, wie ich meinen Mitmenschen, die aus einem anderen Land kommen oder eine zweite Muttersprache sprechen, begegne und in wie weit ich dies in den Vordergrund stelle.
Super interessant waren auch die vielen unterschiedlichen religiösen und politischen Ansichten, mit denen ich in meinem persönlichen Umfeld konfrontiert wurde. Aus einem sehr atheistischen und religionskritischen Haushalt in eine streng-evangelische Gastfamilie zu kommen, hat auf jeden Fall viele Anreize zu spannenden Diskussionen geboten und mir Einblick in neue Standpunkte und Meinungen gegeben, auch wenn ich diese oft nicht nachvollziehen konnte.

In einem politisch und wirtschaftlich Deutschland nicht gleichgestellten Land gelebt zu haben, war eine wahnsinnig tolle Erfahrung auf allen Ebenen und hat mich vertraut gemacht mit mir unbekannten Lebensweisen, Geschichten und Meinungen.

Es war herausfordernd, aber dann eben auch doch „einfach“ nur ein ganz normales Jahr in meinem Leben. Denn man gewöhnt sich an Dinge und schnell normalisiert sich der Alltag, bis man kaum noch merkt, wie und wo man eigentlich grade lebt.

Also, ich werde jetzt meinen Koffer weiter packen.
Bis in Deutschland!



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Related Posts

Lea in Tansania

Ankommen und Reflektieren

So, zum Abschluss melde ich mich auch nochmal auf diesem Blog (mein restliches Jahr findet ihr auf meinem eigenen Blog, verlinkt im ersten Beitrag). Genau 30 Tage ist es her, dass ich Tansania verlassen und Weiterlesen

Annemieke in Ecuador

Lernen, alleine zu Reisen

Alleinsein ist ein Zustand, mit dem jeder früher oder später konfrontiert wird. Aber wie alleine man sich während des Alleinseins fühlt, kann man kontrollieren und Alleinsein ist dabei nicht mit Einsamkeit gleichzusetzen, vielleicht hilft Alleinsein Weiterlesen

Annemieke in Ecuador

Gedanken für deine nächste Reise

Richtig reisen. Diese zwei Wörter geistern seit meinem Kurztrip an die ecuadorianische Küste in meinem Kopf rum. „Wir haben das Reisen verlernt“, sagt Ilija Trojanow in einem Podcast über seine Erlebnisse als auf der Welt Weiterlesen