Wie lange braucht man, um sich nach 18 Jahren auf 247m plötzlich auf ein Leben in luftigen 2.850m zu gewöhnen? Um schwäbische Spätzle gegen eine tägliche Portion Reis mit Fleisch einzutauschen, deutsche Sprache gegen spanische Sprachlosigkeit, vollständige Autonomie gegen das Leben in einer neuen Familie, den Alltag in meinem priviligierten Heim in Stuttgart gegen die tägliche Konfrontation mit weniger Priviligiertem?

In meinem Fall ungefähr 4 Wochen. Nach 4 Wochen wundere ich mich nicht mehr, wenn  Händler mir im Bus Stifte, Seifen oder Mascara in die Hand drücken, streunende Hunde im Müll nach Essbarem wühlen und Klopapier im Klo nichts zu suchen hat. So hat mein weltwärts-Freiwilligendienst in Quito, Ecuador, bereits nach wenigen Tagen eine Vielzahl von neuen Eindrücken und unerwarteten Erkentnissen mitsichgebracht.

Als mein Flugzeug am 2. November 2018 um 2:00 Uhr nachts am Aeropuerto in Ecuadors Hauptstadt eintraf, wusste ich nicht, was mich die nächsten 10 Monate erwarten würde. Wie würde ich zu meiner Gastfamilie passen? Würde ich es schaffen, mich schnell in meinem Projekt einzufinden und das Gefühl haben, dort etwas beitragen zu können? Was würde das Land an Kultur und Natur bieten und würde ich ohne signifikante Kentnisse im Spanischen hoffnungslos untergehen?

Heute, am 2. Dezember, also genau einen Monat später, amüsiere ich mich, am Küchentisch meiner Gastfamilie sitzend und ihren selbstgemachten Tee trinkend, über diese anfänglichen Sorgen. Nicht, weil ich sie lächerlich oder unbegründet finde, sondern einfach, weil sie für mich heute schon keine Begründung mehr haben.

Nach nur 31 Tagen antworte ich, wenn ich gefragt werde, „was ich denn sonst so mache?“, nicht mehr mit: „Naja also, momentan gehe ich noch zur Schule, werde bald 18 und ansonsten lese ich, backe&koche, laufe mit meinem Hund und treffe mich mit Freunden“. Immer öfter ertappe ich mich, wie ich jetzt mit „Alltag“ ganz andere Assoziationen habe:

Etwa das gemeinsame Frühstück mit meiner ecuadorianischen Gastmutter oder mein tägliches Pendeln zwischen unserem Vorort Tumbaco, unweigerlich gebunden an die selten ausbleibenden morgentlichen Sprints durch die Menschenmengen in Quitos Innenstadt. Im Mittelpunkt des neuen Alltags steht aber zweifelsfrei mein Projekt „Centro de Opción de Vida“. Lange habe ich um dieses Projekt gekämpft und jetzt, da ich es habe, weiß ich, dass sich jede Bemühung gelohnt hat. Das Kinder- und Jugendzentrum,  welches mit seinen Aufgaben wie Essen kochen und servieren, Hilfe bei den Hausaufgaben und dem Aufbauen und Stärken sozialer Kontakte, unserem Verständnis eines Schulhortes ähnelt, bietet mir jeden Tag aufs Neue die Möglichkeit, Einblick in das Leben der Kinder zu erhalten und ihnen bis zu einem gewissen Grad eine Hilfe zu sein. Ins Leben gerufen von unserer „Chefin“ Tamarita vor knapp 20 Jahren, bot das Projekt zunächst Straßenkindern einen Zufluchtsort. Heute erfüllt „COVI“ diese Funktion aber vermehrt für Kinder und Jugendlichen aus „gefährdeten“ Familien. Hier erleben die Kindern Zuneigung und Aufmerksamkeit und insbesondere durch Tamarita, dem Herzen des Projektes, wurde eine liebevolle und vertraute Atmosphäre geschaffen. Um „COVI“s Türen weiterhin ganztägig für jeden weit öffnen zu können, unterstützen meine Mitfreiwillige und ich Tamarita dabei, für die insgesamt ca. 45 Kinder (Vormittag und Nachmittag) Anprechpartnerinnen zu sein und sie in den unterschiedlichsten Situationen zu unterstützen.

Ein Grund, warum mir mein Projekt so unglaublich gut gefällt, ist, weil kaum ein Tag dem nächsten gleicht. Entweder es sind die Kinder, die uns mit neuen Fragen und Wünschen begegnen oder aber es sind wir, die neue Spiele oder Programmpunkte ausarbeiten oder es fallen anlässlich eines der vielen Feste und Feiertage Aktionen an. Eine Sache, die bisher aber noch an keinem Tag ausblieb, ist eine Runde UNO.

Es fällt mir nicht leicht, die Eindrücke meiner ersten Wochen in Ecuador in Worte zu fassen. Aus Angst vor Heimweh habe ich mich seit dem ersten Tag in meine neuen Routinen geworfen und um sehr viel Programm bemüht. Das Heimweh konnte ich in den ersten Tagen zwar trotzdem nicht umgehen, dafür aber hat sich eine weitere Befürchtung meinerseits völlig gelöst. Nämlich meine Angst vor Alltag, vor der Routine, der Abstumpfung. Statt zu bedauern, dass ich von Tag 1 mitten im Geschehen war und mir wenig Zeit zum eigentlichen Einleben&Ankommen nahm, sprudele ich vor Ideen; möchte in meiner Freizeit in einem lokalen Tierheim aushelfen, den Kindern in meinem Projekt durch verschiedene Gruppenarbeiten und Aktionen deutsche Traditionen zeigen und Themen wie Gesundheit, Hygiene sowie Umwelt spielerisch näherbringen, eine Möglichkeit finden, mein große Leidenschaft des Kochens und Backens hier um landestypisches Wissen zu erweitern und vor allem jeden Tag ein bisschen besser spanisch sprechen.

Ein weiterer Punkt, der mir mein Einleben hier um so Vieles erleichtert hat, sind die zwei Mitfreiwilligen, die ich bereits auf dem Vorbereitungsseminar von ODI kennenlernen durfte. Ich habe das Glück, mit Mieke zusammenzuwohnen und mit Lea gemeinsam im Projekt zu arbeiten. Aus verschiedenen Gründen haben sie ihren weltwärts-Freiwilligendienst bereits zwei Monate vor mir angefangen. Da ich von beiden hier herzlichst willkommen geheißen wurde und sie mich nahtlos in meinen neuen Ablauf, die unbekannte Kultur und lateinamerikanische Lebensweise einführten, gelang es mir schnell in Quito Fuß zu fassen. Insbesondere, weil wir so die Chance haben an den Wochenenden und Feiertagen, Ecuador gemeinsam zu entdecken. So haben wir bislang einige Wochenendtouren zu entlegeneren Städten wie Ibarra gemacht und vor allem die große Vielzahl an aktiven Vulkanen und Bergen genossen.

Was ist in einem Monat hier also passiert?  Naja, ich traf zum einen auf unglaublich freundliche Leute, die sich Zeit nahmen mir Umherirrenden an jeder zweiten Straßenecke den Weg zu zeigen, wurde zum anderen aber in meiner 3. Woche erstmals ausgeraubt; ich hatte die witzigsten und bereicherndsten Konversationen mit Ecuadorianern und stand andere Male voll verzweifeltem Unverständnis sprachlos vor der Kassierin; ich wurde an manchen Tagen von strahlenden Kindern namentlich im Projekt begrüßt, musste aber auch erkennen, dass ich mir den Respekt anderer erst noch erarbeiten muss. Nach einem Monat kann ich zusammenfassend sagen, dass meine Portion Reis jeden Tag besser schmeckt, ich den richtigen Umgang mit den Kindern wöchentlich etwas mehr beherrsche und allmählich auch die mir einst unvertrauten Regeln und Traditionen meiner Gastfamilie verinnerliche.

Dem nächsten Monaten blicke ich voll Enthusiasmus und sprudelnder Vorfreude entgegen, zunächst aber kann ich es kaum erwarten, das Haus mit Plätzchenduft zu füllen, am seit Anfang November leuchtenden Weihnachtsbaum zu sitzen und mich von meiner Gastfamilie in ein lateinamerikanischen Weihnachtsfest einführen zu lassen.

Bis dahin, hasta luego y muchos saludos desde Ecuador,

Kathrin


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