Hallo allerseits!

5 Wochen bin ich nun bereits hier, in Kapstadt, der zweitgrößten Stadt der sogenannten Regenbogennation. Von welchem Land rede ich? Selbstverständlich von Südafrika.

Während der Apartheid wurde Südafrika als „Die Welt in einem Land“ beworben. Tatsächlich hat diese Werbefloskel einen wahren Hintergrund. In Südafrika kann man nahezu alle Landschaftsformen finden, ob Wüste, Meer oder Berge. Sogar Schnee kann im Winter in den Cederbergen nahe Kapstadt fallen. Flora und Fauna sind vielfältig und durch die seltene Kombination von Ozean und Bergen kommen besonders um Kapstadt herum viele Pflanzen finden, die nur hier wachsen.

Südafrika deckt aber nicht nur zahlreiche Vegetationszonen ab, sondernd ist auch demografisch gesehen äußerst vielfältig. Dies macht sich nicht nur dadurch bemerkbar, dass das Land 11 offizielle Sprachen hat, sondern auch dadurch, dass es nahezu unmöglich ist einen stereotypischen Südafrikaner zu beschreiben. Das liegt schon alleine daran, dass Südafrikaner grob gesagt in vier Gruppen aufgeteilt werden. So war es unter dem Apartheid-Regime und so ist es noch heute (zwar seit 1991 nicht mehr offiziell nach dem Verfassungsrecht, doch offizielle staatliche Statistiken nutzen weiterhin diese Gruppenbegriffe).
Den größten Anteil der Bevölkerung stellen Schwarze mit ca. 80%. Weiße machen ungefähr 9% der Bevölkerung aus, Farbige machen 8,5% aus und die restlichen 2,5% sind asiatischer Abstammung. Jedoch sind auch die Menschen innerhalb der verschiedenen Gruppen alles andere als homogen. Schwarze beispielsweise sind Angehörige verschiedener ethnischer Gruppen mit total verschiedenen Traditionen. Die größten Gruppen sind Zulu, Xhosa, Basotho, Venda, Tswana, Tsonga, Swazi und Ndebele. Unter den Schwarzen gibt es auch viele Einwanderer oder Flüchtlinge aus nördlichen Nachbarländern.

Kapstadt

Nun zu kurz etwas zu Kapstadt selbst, Kapstadt selbst ist die Hochburg der sogenannten Coloureds und Weißen im Land. Viele der sogenannten CapeColoureds sind muslimisch – historisch gesehen sind sie die Nachkommen der aus Malaysia und Indien importierten muslimischen Sklaven im 18. Jahrhundert. Das typische, inzwischen sehr touristische, kapmalayische Viertel ist Boo-Kaap. Dort kann man die älteste Moschee Südafrikas (gebaut 1794) und die zahlreichen bunten Häuser bewundern, so wie kapmalaisches Essen probieren. Nur 1,5% der südafrikanischen Bevölkerung ist muslimisch. In Kapstadt sind es deutlich mehr, dass merke ich besonders daran, dass ich morgens um 6 manchmal durch die Gesänge des Immams in meinem Viertel geweckt werde. Im Gegensatz zu dem, was ich aus Deutschland kenne, wird hier kein Wort über den Islam verloren. Die verschiedenen Religionen koexistieren friedlich und religiöser Extremismus spielt hier soweit ich es mitbekommen habe keine Rolle.

Trotzdem läuft in der Regenbogennation nicht alles rosig. Seit einigen Jahren gibt es zunehmend nationalistische Bewegungen und eine „Xenophobia“, die schon zu tödlichen Angriffen auf Ausländer und deren Geschäfte geführt hat. Einige Menschen schieben Einwanderern aus anderen afrikanischen Ländern (besonders Somalia) die Schuld für ihre schlechte wirtschaftliche Situation zu; denn diese würden Südafrikanern die Arbeitsplätze wegnehmen.
Südafrika ist extrem vielfältig. Und kontrastreich. Kontraste können etwas Gutes sein. Die gesellschaftlichen Kontraste hier sind jedoch sehr schockierend. Für mich ist es verständlich, dass nicht privilegierte Menschen teilweise anfangen nach Sündenböcke zu suchen, nach plausiblen Erklärungen wieso sie trotz Motivation und teilweise guter Ausbildung keine Aussicht auf eine feste Anstellung haben. Offiziell beträgt die Arbeitslosenquote 25%, vermutlich liegt sie aber zwischen 40-50%. Chancengleichheit existiert auch 23 Jahre nach Ende der Apartheid nicht. Politisch gesehen sind zwar seit 1994 die Schwarzen an der Macht; die Wirtschaft ist aber weiterhin größtenteils in den Händen von Weißen (und nun einigen superreichen Schwarzen). Zwar probiert der ANC (African National Congress – regierende Partei in Südafrika) durch Programme wie das Black Economic Empowerment (BEE) Schwarze zu fördern und ihnen eine bessere Position zu verschaffen. Leider hapert es an der Umsetzung. Heute gibt es eine zunehmende Schicht an sehr reichen Schwarzen, die in großen staatlichen Konzernen arbeiten, für die breite Masse hat sich aber nichts geändert.

In Kapstadt werden die Kontraste besonders deutlich. Touristen bekommen größtenteils nur die sehr saubere und reiche Seite Kapstadts zu sehen – häufig hört man „das ist ja wie in Europa“. Vielen ist nicht klar, dass es auch ein Kapstadt abseits der City Bowl vor dem Table Mountain gibt. Mit Kapstadt assoziieren sie die Waterfront, die schönen Strände in Camps Bay, Clifton oder Muizenberg, Pinguine in Boulders Beach, das bunte Boo-Kap und den Tafelberg. Sie denken an einen angenehmen Lifestyle, Häuser mit Meeresblick, tägliches Surfen und gutes Essen. Das ist natürlich auch ein Teil Kapstadts, aber eben nur ein Teil. Ein sehr kleiner Teil. Millionen Menschen leben in Townships unter ganz anderen Bedingungen. „Gender-based violence“ und „gangsterism“ sind alltägliche Probleme.
Kein Wunder, dass einige Jugendliche angesichts ihrer Perspektivlosigkeit drogenabhängig werden und/oder der Kriminalität verfallen. Kein Wunder, dass es Frustration vorherruft, wenn man sieht wie weiße und reiche schwarze Kapstädter leben. Zwar hat die Regierung in den Townships befestigte Häuser dort bauen lassen, die sogenannten RTP Häuser, die über eine Abwasserleitung und Strom verfügen, doch viele Townshipbewohner hatten nicht das Glück ein RTP-Haus zu bekommen und wohnen weiterhin in sogenannten „informal settlements“ in „shacks“. Diese verfügen nur teilweise über Strom; an Sanitäranlagen ist nicht zu denken. Die Bewohner müssen häufig eine Straße überqueren um zu Dixie-Toiletten zu gelangen. Besonders unangenehm wird es in den Wellblechhütten dann im Winter oder wenn es regnet.

Ich hoffe, ich konnte mit diesem Post einigen ihre rosa-rote-Kapstadt-Brille absetzen und ein realistisches Bild von Kapstadt und seiner Vielfältigkeit und seinen Kontrasten zeigen. Zwischen den verschiedenen Farben eines Regenbogens gibt es riesige Kontraste.


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