Zu Anfang möchte ich das sagen, was auch der Titel schon wiederspiegelt. Bis jetzt ist wirklich alles erstaunlich gut gelaufen. Trotz Startschwierigkeiten hat sich letztendlich alles zum Guten entwickelt und der emotionale Tiefpunkt, den laut Statistiken die meisten Auslands-Freiwilligen (und auch die meisten Freiwilligen, mit denen ich in Kontakt bin) irgendwann zu Anfang ihres Aufenthalts erleben, ist mir bis jetzt erspart geblieben.

Mit Startschwierigkeiten meine ich sowohl meine Einsatzstelle als auch meine Unterbringung:
In der Einführungswoche gab es einiges Hin und Her mit meiner Gastfamilie. Auf einmal hieß es, dass die für mich geplante Gastfamilie in einer unsicheren Gegend wohnt und es besser wäre, wenn ich woanders lebe. Am nächsten Tag wurde mir dann wiederum erzählt, dass das gar nicht so ein großes Problem ist und ich doch dort wohnen kann. Letztendlich bin ich dann in die andere Gastfamilie gekommen, in der schon zwei weitere Freiwillige wohnen und bin mit der Situation zufrieden. Ich teile mir zwar mit der anderen Freiwilligen ein Zimmer, aber das ist kein Problem für mich.

ODI, Freiwilligendienst, weltwärts, Tansania, Lilli

Mein Gastbruder

Insgesamt sind wir zehn bis elf Leute in der Familie: die beiden Eltern, ihre beiden Söhne (vier und neun Jahre alt), zwei Nichten (15 und 24 Jahre alt), eine Haushälterin, drei Freiwillige (einschließlich mir) und momentan noch der Großvater. Dass das in einer Fünfzimmerwohnung so gut funktioniert, hätte ich so wirklich nie erwartet. Obwohl es viele Leute sind, gibt es selten Engpässe im Bad, Probleme mit dem Essen etc. Insgesamt ist das Leben in dieser Familie sehr angenehm, weil die Haushälterin und die ältere Nichte sich um Essen und Wäsche kümmern. Ich muss zwar selber mein Zimmer putzen, meine Unterwäsche waschen und manchmal beim Kochen bzw. den Kindern bei den Hausaufgaben helfen, aber das ist wirklich wenig Arbeit insgesamt. Und auch auf persönlicher Ebene ist die Gastfamilie sehr nett. Mit dem Vater kann man gut mal abends ein Gespräch über Familie, Kultur oder seine Jugend führen. Die Mutter ist weniger gesprächig, aber direkt, selbstbewusst und definitiv für einen da, wenn man zum Beispiel ernsthaft krank wird. Die Kinder sind sehr süß und schon wie Geschwister für mich.
Überraschend für mich war, dass alle in der Familie bis auf die Haushälterin gut Englisch sprechen. Das macht einerseits die Kommunikation sehr viel einfacher und hilft, die einzelnen Mitglieder besser kennen zu lernen, andererseits hat es auch dazu geführt, dass ich bei meinem Kisuaheli (meistgesprochene Sprache in Tansania) bisher nicht über die notwendigen Grundlagen hinausgekommen bin. ODI, Freiwilligendienst, weltwärts, TansaniaGewöhnungsbedürftig waren eigentlich nur das Nicht-Vorhanden-Sein von fließendem Wasser, die Präsenz der christlichen Religion und einige Regeln der Gastmutter (z. B. um zehn Uhr abends zu Hause sein oder dass Mädchen nicht zum Essen gerufen werden, sondern von alleine erscheinen müssen). Aber auch daran habe ich mich nach einigen Wochen gewöhnt. Und wenn es doch mal kleine Spannungen gab, konnten die durch ein Gespräch auch immer gelöst werden.

Die zweite Startschwierigkeit lag bei meiner Einsatzstelle. Meine Arbeit bei dem Jugendzentrum „Tandale Youth Development Centre“ lief langsam an und bestand anfangs größtenteils aus Meetings, weil das Zentrum aufgrund von einigen Problemen eine gewisse Zeit geschlossen war. Das lag hauptsächlich daran, dass durch den Regierungswechsel die monatlichen Gelder vom Staat auf einmal ausgeblieben sind und die Organisation sich neu registrieren musste. Nachdem diese Probleme gelöst wurden, haben wir endlich mit unserer eigentlichen Arbeit begonnen und verschiedene Programme organisiert. Angefangen haben wir mit einem Jugendforum. Dafür haben wir die Jugendlichen (15 – 25 Jahre alt) des Viertels für einen Sonntag ins Zentrum eingeladen und eine Diskussion über „Early Pregnancies and their causes“ angeleitet.
Zwei Wochen später haben wir im Rahmen des Unterprogramms „Jamvi la Wasichana“ (Girls and Women Empowerment) eine Diskussionsrunde über „Early and forced Marriages“ organisiert. Dafür haben wir am Sonntagnachmittag einfach ein paar Matten am Straßenrand ausgelegt und alle Nachbarinnen gefragt, ob sie eine Stunde Zeit haben um mitzureden. Und es hat mich wirklich überrascht wie viele mitgemacht haben. In Deutschland würde schließlich fast keiner kommen, wenn eine fremde Person an der Tür klingeln und fragen würde, ob man mal kurz unten an der Straßenecke mitdiskutieren möchte. Das ist etwas an diesem Land das mal wunderbar und mal total nervenraubend sein kann: fast alles ist immer nur spontan. Wunderbar weil genau solche Sachen dann einfach mal eben funktionieren; nervenraubend, weil man sich auf nichts verlassen kann, das man vorher geplant hat.
ODI, Freiwilligendienst, weltwärts, Tansania, LilliAls nächstes möchten wir jetzt das Aufräum-Programm wieder aufleben lassen, das sich jeden Samstag morgen eine neue Straße des Viertels Manzese vornimmt um sie von Müll zu befreien.
ODI, Freiwilligendienst, weltwärts, Tansania, LilliInsgesamt nehme ich noch nicht so viel an den Diskussionsrunden teil, weil mein Kisuaheli dafür einfach nicht gut genug ist. Ich probiere allerdings immer anwesend zu sein und wenn ich etwas sagen möchte, übersetzt einer der Leute die Englisch können, meinen Beitrag. Dafür beteilige ich mich mehr an der Organisation davor und dem Aufräumen danach. Zudem habe ich durch dieses Projekt viele Tansanier in meinem Alter kennengelernt. Einmal weil alle anderen, die in dem Projekt (unentgeltlich) arbeiten, zwischen 20 und 30 sind und zudem sind unsere Zielgruppe eben auch Jugendliche. Darüber bin ich sehr froh, weil es hier nicht immer einfach ist andere Leute kennen zu lernen, vor allem Mädchen bzw. Jungs die nur mit einem befreundet sein wollen.
Da das Projekt momentan nicht meine komplette Woche füllt, habe ich bereits nach einer Woche mit meiner lokalen Organisation „United Planet Tanzania“ darüber geredet, dass ich mich nicht ausgelastet fühle. Innerhalb einer Stunde war das Problem gelöst: Ich habe eine weitere Aufgabe in einer Grundschule in der Umgebung bekommen, die nach einem Assistenten für den Computerunterricht gefragt hat. Und so unterstütze ich jetzt vormittags in der Schule und ansonsten in dem Jugendzentrum. Diese Lösung gefällt mir wirklich gut, weil ich so die Möglichkeit habe, verschiedene Altersklassen, soziale Schichten und Tätigkeiten kennen zu lernen.

ODI, Freiwilligendienst, weltwärts, Tansania, Computerkurs, SchuleIn der Schule organisiere ich gemeinsam mit dem Ingenieur der Schule den Unterricht für die erste bis sechste Klasse, bereite die monatlichen Klausuren vor und unterstütze die Kinder bei der Arbeit am Computer. Die Computer wurden vor einiger Zeit von einem amerikanischen Freiwilligen gespendet, der dafür sorgen wollte, dass die Kinder für die Zukunft lernen, mit Computern umzugehen. Und der Fokus liegt auch tatsächlich darauf, die notwendigen Grundlagen zu vermitteln, weil die meisten vorher noch nie oder selten einen Computer benutzt haben. Von „Was ist ein Computer?“ und „Wie benutze ich die Maus?“ bei den Erstklässlern bis zu „Wie kreiere ich eine PowerPoint Präsentation?“ und „Was ist das „Input-Process-Output“-Prinzip?“ bei den Sechstklässlern, geht es darum die Grundschüler auf das digitale Arbeitsleben vorzubereiten, das auch in Tansania Einzug erhalten hat. Der Unterricht ist auf Englisch, wodurch es für mich sehr viel einfacher ist, Teil des Gesprächs zu werden. ODI, Freiwilligendienst, weltwärts, Tansania, Schule, ComputerkursViel helfe ich den Kindern einfach bei praktischen Fragen, zum Beispiel wenn sie den Computer nicht angeschaltet bekommen, das richtige Programm nicht finden oder anderes. Teilweise helfe ich auch beim Unterricht und erkläre neue Inhalte an der Tafel oder dem Beamer. Der Schulleiter unterstützt den Computerunterricht sehr und hat  immer ein offenes Ohr für Änderungsvorschläge. Nach seiner Zustimmung baut der Ingenieur jetzt ein schulinternes Netzwerk auf, damit die Kinder ihre Arbeit mit dem Schuldrucker ausdrucken und so ihren Eltern zu Hause ihre Unterrichtsergebnisse zeigen können.

Die einzige Schwierigkeit für mich ist das altbekannte Problem von vielen weltwärts-Freiwilligen: Wie gehe ich damit um, dass die Kinder geschlagen werden? Auch wenn es sich grausam anhört, ich habe gelernt wegzugucken. In Deutschland würde ich niemals einfach tatenlos zusehen und es ist auch hier immer noch schwer für mich, aber ich bin nicht hier um als deutsche Besserwisserin die Erziehungsmethoden der Tansanier zu kritisieren. Mich lässt die Tatsache, dass das Schlagen von Kindern vor gar nicht allzu kurzer Zeit in Deutschland auch noch normal war, hoffen, dass auch in Tansania (und allen anderen Teilen der Welt) bald ein Denkumschwung zu anderen Methoden führt.
Ich selber schlage die Kinder nicht, wodurch es allerdings manchmal schwierig ist, die Klasse unter Kontrolle zu halten, wenn der Computerlehrer mal gerade nicht da ist. Meine Lösungen dafür sind entweder die Kinder klassisch die Schulregeln abschreiben zu lassen oder die Arbeit an den Computern nur zu erlauben wenn sie leise sind und den neuen Inhalt abgeschrieben haben. Das funktioniert normalerweise halbwegs. Am meisten hilft es allerdings tatsächlich, einfach so guten Unterricht zu machen, dass die Schüler freiwillig leise sind. Der Großteil ist nämlich schon sehr interessiert beim Computerunterricht dabei.

Abgesehen von den Projekten und meiner Familie, verbringe ich meine meiste Freizeit damit im nahgelegenen Universitätspark Sport zu machen (eine weitere gute Möglichkeit Tansanier zu treffen), auf den Markt zu gehen, an den Strand zu fahren und zu lesen. ODI, Freiwilligendienst, weltwärts, TansaniaDazu kommen am Wochenende ab und zu Besuche in umliegenden Städten (bis jetzt Bagamoyo und Morogoro), der wöchentliche Gang zur Kirche und ein bisschen Kultur in Form von Besuchen von Museen bzw. Kunstfestivals in Dar es Salaam.

Insgesamt habe ich mich hier inzwischen in einen relativ ausgeglichenen Lebensstil eingefunden. Zwei Sachen, die mich allerdings überrascht haben, sind einerseits meine Hauptschwierigkeit und meine größte persönliche Entwicklung bisher. Trotz aller Ängste vor Krankheiten wie Malaria, Kulturschocks, Überfällen etc. war mein größtes Problem bisher tatsächlich, dass mein Handy kaputt gegangen ist. Und die entscheidenste Veränderung meines Charakters, ist etwas, an das ich nie gedacht hätte: ich bin mir jetzt (im Gegensatz zu vorher) ziemlich sicher, dass ich in Zukunft einmal Kinder haben möchte. Wer hätte gedacht, dass Tansania mich in dieser Hinsicht so beeinflussen würde? ODI; Freiwilligendienst, Tansania, weltwärts

 


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