Besonderes trägt sich zu in Armenien zwischen Silvester und Weihnachten, welches hier am 6. Januar gefeiert wird: Diese Woche bedarf eines ausführlichen Berichtes.

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Unser alternativer WG-Adventskranz im Dezember : Ein bisschen Zuhause muss sein.

Silvester, was gleichzeitig Beginn und Höhepunkt der festlichen Woche ist, habe ich mit einigen Freunden in Yerevan verbracht und –wie man das so macht– wollten wir an dem Tag etwas Kleines kochen, um danach 2018 in der Stadt zu feiern. Die Einkäufe dafür wollten wir „einfach“ „schnell“ am 30. Dezember erledigen, was sich allerdings als ein schwerer strategischer Fehler herausstellte. Denn: Dafür muss man in den Supermarkt, welcher  –repräsentativ für das gesamte Land– für ein paar Tage in den Ausnahmezustand versetzt wird.

In Zahlen ausgedrückt bedeutet das etwa noch 3 Einkaufswagen, wo vorher über 60 gestanden haben dürfen, eine gute Stunde, in der wir uns für einen relativ kleinen Einkauf durch den Großmarkt drängeln mussten und eine weitere halbe Stunde, die wir bei 15 geöffneten Kassen anstehen mussten. Es war zwar pures Chaos, doch mit der richtigen Einstellung, einer großen Achtung vor Ellenbogen und einer für armenische Verhältnisse überdurchschnittlichen Körpergröße schon ziemlich unterhaltsam und augenöffnend dafür, wie erst die Armenier dieses Fest nehmen.

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Die versteckten Ecken Yerevans: Children’s Railway auf einem Neujahrsspaziergang

Unsere Chefin Aida erklärte uns einmal, was es denn bedeutet einen armenischen Haushalt an Neujahr zu führen: In dieser Zeit muss in jedem Haushalt der Tisch einfach immer (!) gedeckt sein, bereit, um Freunde und Familie zu empfangen. Definitiv vorhanden sein muss (!) der „Hauptstadtsalat“ (in Deutschland bekannt unter Oliviersalat), das Schweinebein, das landestypische Dolma (Gemüse –meist Weinblätter oder Kohl– gefüllt mit Fleisch) und –mein persönlicher Favorit– die Blinschiki (knusprige gerollte Pfannkuchen gefüllt mit Fleisch). Darüber hinaus darf kreativ entschieden werden wie auch der letzte Zentimeter des Tisches mit einer weiteren viel zu unwiderstehlichen Speise bestückt wird. Neben meinem Körpergewicht wurde an jeder Tafel, an der ich saß, also auch mein Respekt für armenische Frauen extrem angehoben.

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Eine armenische Tafel zu Neujahr (noch nicht vollständig gedeckt wohlgemerkt)

 

Innerhalb des einwöchigen Treibens, in welchem man prinzipiell alle Freunde und Verwandte besucht und einfach mal so kommen kann, wann man möchte, wird also fast nur gegessen und getrunken (letzteres je hochprozentiger desto besser natürlich) und –eigentlich am Wichtigsten– die armenische Gastfreundschaft ausgelebt.

Natürlich gibt es auch hierbei wieder ein Stadt/Land Gefälle, doch im Prinzip hätten wir in unserer Kleinstadt auch einfach bei den Nachbarn vorbeikommen können, mit denen wir nur ein „Hallo“ und „Wie geht’s?“ im Treppenhaus austauschen. Sinnbildlich dafür war der Tag, an dem eine Freundin von mir in Dilijan ihr Handy verloren hat. Es wurde zum Glück gefunden und als wir es im Haus des Finders abholen wollten, wurden wir natürlich sofort an den gedeckten Tisch gesetzt und zu Speis und Trank eingeladen. Der Mann, den wir an diesem Tag das erste Mal gesehen haben, erwiderte den hoffnungslosen Versuchen unsererseits diese Gesten abzulehnen einfach immer wieder sehr nachdrücklich: „Nein, das hier ist ein armenischer Haushalt. Das ist hier so. Esst!“ So sieht dann wohl gelebte armenische Gastfreundschaft aus.

Ein Nachbar von uns sagte mit einem fast entschuldigenden Schulterzucken, er wisse ja, dass sie alle etwas verrückt wirken würden in dieser Zeit, doch so sei es halt und Spaß mache es allemal. Dem kann ich nun vorbehaltlos zustimmen!

Wer also eine längere Zeit in Armenien verbringt, sollte diese Feiertage also auf keinen Fall verpassen, sondern sie in dem Zuhause verbringen, was sich Armenien nennt, mit der Familie, die 3 Millionen Mitglieder hat.

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Meine Mitbewohnerin Sophie und ich auf der ersten Wanderung in Dilijan 2018


1 Comment

Katharina · 19. Januar 2018 at 19:30

Hallo Lili,

was fuer ein anschaulicher und Appetit anregender Bericht über armenische Gastfreundschaft. Man spürt deine Empathie.
Ein schönes Neues Jahr wünsche ich Dir. Gut angefangen hat es ja.

Ganz herzliche Grüße von Katharina und auch von Reinhard

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