Es ist Sonntagmorgen. Ein lautes Megafon schallt durch die Straßen. Von weitem kann man vage Worte auf Griechisch vernehmen. Verschlafen schlappe ich aus meiner Zimmertür auf den Balkon. Was ich sehe? Ein kleines, verrostetes Auto, dass – ja wie es scheint – eine Art „Sperrmüllabtransport“ darstellt. Auf dem Dach ist mit vertrauensvollen Schnüren eine alte Waschmaschine und eine kleine Kommode gespannt und die Ablage bis zum Rand voll geladen mit Möbeln, Holzbrettern und einer ausgelegenen Matratze, auf der es sich drei Kinder lachend gemütlich gemacht haben. Zwei gut gelaunte Männer rufen umher und sammeln weiter Dinge ein, während ihnen aus den umliegenden Müllcontainern zahlreiche Straßenkatzen um die Füße streunen. Auf den umliegenden Balkonen beginnen sich jetzt langsam auch andere Menschen zu regen. Es ist Zeit für den ersten der zahlreichen griechischen Kaffeedakis.

So sieht ein gewöhnlicher Sonntagmorgen in meiner neuen Heimat in Griechenland aus. Λιβαδειά, nordwestlich von Athen gelegen, ist eine Kleinstadt mit ca. 35 000 Einwohnern. Sie ist geprägt durch die umliegenden Berge, das Parnassgebirge und den Fluss der im Westen der Stadt am Felsen entspringt. Um den Fluss herum spielt sich hier alles Leben ab. Menschen aller Generationen tümmeln sich hier allabendlich und genießen in den umliegenden Kaffees die kühle Luft, die vom Fluss herüberweht. Denn, ob man es glaubt oder nicht. Auch wenn es schon Ende September ist, Abkühlung ist bei täglich knapp 40°C wirklich gefragt.

 

Bei diesen klimatischen Verhältnissen ist es naheliegend, dass ich mit meiner nun 10-monatigen Mitbewohnerin Steffi, die anders als ich, aus Dresden und nicht aus Bamberg stammt, direkt an unserem ersten gemeinsamen Wochenende aus der drückenden Hitze der Stadt das Weite gesucht habe und an den nächstgelegenen Strand nach Αντικιρα gefahren bin. Mit dem Bus ein Fahrt von etwa einer Stunde. Auch wenn sich das Meer eher als eine Art „ausgelagerte Badewanne“ (ca. 25°C!) herausstellte, ist Αντικιρα traumhaft und mittlerweile schon zu „unserem“ Strand mutiert.
Eine Woche nach unserer Ankunft Anfang September kamen noch vier weitere Freiwillige. Zwei aus Frankreich, eine aus Finnland und eine aus Österreich. Unsere buntgemischte EVS-Gruppe war ein echter Glücksgriff – so wie alles hier bisher! Ein nettes, humorvolles Beisammensein und schon bis hierhin so viele tolle Erlebnisse – am Strand, im „Nightlife“ von Λιβαδεια, auf unserem Riesenbalkon oder auf der Dachterrasse.

Auch unsere Arbeit ist ein Glücksgriff. In enger Zusammenarbeit mit unserer Chefin Alex und ihren Kolleginnen, konnten wir uns schnell einfügen und mit den „Kids“ in unserem Center schnell warm werden. Es ist eine Tagesstätte für Menschen mit geistigen Behinderungen. Wir spielen viel, singen, puzzeln, lesen, diskutieren (soweit das mit unseren unglaublichen Griechischkenntnissen geht), bemalen Flaschen, basteln Ketten und so viel mehr! Die „Kids“ helfen uns dabei auch sehr, ohne dass man sich in irgendeiner Weise schlecht fühlen muss, besser in Griechisch zu werden. Lieb wie sie sind, wiederholen sie gerne auch zum zehnten Mal den einen Satz, den sie dir unbedingt erzählen wollen… wobei sie manchmal nicht einsehen wollen, dass das manchmal nichts an der Tatsache ändern kann, dass man schlicht und einfach den ganzen Satz nicht versteht! Ein aufmunterndes Grinsen, die folgende Umarmung oder ein überschwängliches Abknutschen lässt einen aber leicht über solche anfangs vielleicht demotivierenden Situationen hinweg sehen.
Bei uns geht es jetzt gerade langsam, aber sicher, auf den – man kann bei der Hitze gar nicht daran denken – Weihnachtsbasar zu. Wir bereiten alle Bastelsachen vor, um sie dort dann zu verkaufen. Der Basar findet ein Stockwerk über dem Center statt, in dem sich ein Altenheim befindet, in dem die anderen vier Freiwilligen eingesetzt sind.
Wir sind alle sehr glücklich hier in Λιβαδεια zu sein. Wir können es kaum erwarten viele weitere schöne Abende im Amphitheater Λιβαδειαs, auf den umliegenden Bergen und in Athen zu verbringen. Wir freuen uns auch besonders auf kommende Reisen in den Norden Richtung Thessaloniki oder zu den Meteora-Klöstern, in den Osten auf die Inseln im ägäischen Meer und in den Süden auf die Peloponnes.


Flora (&Steffi)


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