In meinem Deutschklub zeigte ich meinen TeilnehmerInnen einmal die Intros zu Dokumentationen über Sibirien im Öffentlich-Rechtlichen. Insbesondere wollte ich ihnen vorführen, wie Sibirien angekündigt und beschrieben wird. Haltet euch fest:

„Expedition in eine feindliche Welt. Seit Urzeiten stemmt sich hier das Leben gegen die Eiseskälte. Einige waren erfolgreich, andere sind Geschichte. Viele Geheimnisse bleiben in diesem weiten Land auf ewig ungelöst und sind Stoff für Märchen und Mythen.“ (Sibirien – Der rätselhafte Riese)

„Land der Verheißung, Land der Verbannung. Unendlich weit, bitter kalt. Sibirien. Ein Mythos. […] Ein harter Alltag in einer dramatischen Landschaft, geprägt von einer Kälte, die den Atem gefrieren lässt.“ (Sternflüstern – Das Sibirien-Abenteuer)

„Es gibt ein Land, das so groß ist, wie ein Kontinent. Dort herrscht eine für uns unvorstellbare Kälte und ein Reichtum, der weltweit einmalig ist. Das ist Sibirien. Wir zeigen Ihnen dieses Land der Extreme. Seit Jahrhunderten zieht es Menschen in seinen Bann. […] Einige Menschen scheinen hier zu leben wie in längst vergangenen Zeiten.“ (Abenteuer Sibirien)

Du meine Güte! Man könnte fast meinen, Sibirien wäre das eisige Death Valley der Nordhalbkugel! Natürlich steckt in diesen Beschreibungen auch ein wahrer Kern. Auf der einen Seite hat man in Deutschland durchaus solche Bilder im Kopf, wenn man an Sibirien denkt (inkl. Bären). Auf der anderen Seite sind Sibirien’s Kälte und Größe unbestreitbare ökologische Realitäten, die die Einwohner hier jahrhunderte- oder jahrtausendelang geprägt haben.

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Krasnojarsk zwischen Natur …

Es stellt sich aber die Frage, ob Sibirien einfach auf diese Realitäten reduziert werden kann. Aus der Sicht meiner TeilnehmerInnen gibt es in Sibirien viel mehr als nur Schnee, Taiga und wilde Tiere. Sie würden sich wünschen, dass auch die industrielle, kulturelle, städtische und Bildungsseite Sibiriens Beachtung fänden. In gewisser Hinsicht kann man hier einen Wunsch nach Anerkennung als „normal“ erkennen, als ein gleichrangiger Teil des Planten, der sich nicht so sehr von anderen Orten unterscheidet.

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…Industrie…

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…und kulturellem Erbe.

Schaut man sich die offizielle Beschreibung der Stadtverwaltung von Krasnojarsk an, findet man beide Aspekte: zuerst „zeichne sich die Stadt durch seine einzigartige Landschaften aus“, dann liest man dass das „heutige Krasnojarsk eine moderne Industriestadt mit einzigartiger Architektur“ sei, „die Hauptstadt der Künstler und Talente Sibiriens und eine der schönsten Städte des Landes“. Danach kommen kurze Beispiele für die städtische, Infrastruktur- und Wirtschaftsentwicklung sowie für kulturelle, wissenschaftliche und sportliche Leistungen. Somit ist die Umwelt lediglich das Setting für die menschengemachte Seite der Stadt, die hier beworben wird. Private Reiseveranstalter wie dieser hier bieten ebenfalls Stadttouren sowie Touren zum Wasserkraftwerk nahe Divnogorsk an, aber auch Reisen zum Stolby-Nationalpark, auf dem Jenissej, zu Datschas im Umland oder zum Ort der Tunguska-Explosion in der Taiga an.

Meiner Meinung nach sollte Krasnojarsk vermehrt und besser auf seine Natur setzen, um Touristen anzulocken. Beispielsweise könnte es sich als das „Tor zum echten Sibirien“ präsentieren, was immer das heißen könnte. (Wie wäre es mit Hiking, Trekking, Wandern? Oder Survival-Kurse in der Taiga? Road-Trips durch Tuva, Chakassien und Altai? Bootstouren nach Norden?) Die Austragung der Universiade 2019 ist nett, wird aber letzten Endes nicht viel (ein)bringen, fürchte ich. Oder habt ihr schon mal viel auf Universiaden gegeben?

Sobald der Stein ins Rollen gekommen ist kann die Stadtverwaltung gut und gerne versuchen, ihr Branding zu diversifizieren und z. B. vermehrt herausragende Forschung, zukunftsgewandte Unternehmen (also kein Öl und Gas), provokative Kunst (wie im Museum für Moderne Kunst, in dem wir unser Büro haben) und die aktive Zivilgesellschaft ins Rampenlicht zu rücken. (Meine Freundin und ich haben unterschiedliche Meinungen was die historische und architektonische Seite der Stadt angeht.)

Letzten Endes aber glaube ich, dass Sibirien und Krasnojarsk das Image einer exotischen und mysteriösen Ecke unseres Planeten noch auf lange Sicht mit sich tragen werden. Natürlich ist die Darstellung als feindliches und unbewohnbares Stück Land allzu vereinfachend und unfair. Anderseits ist es gerade dieser „Orientalismus“ (Edward Said), der europäischen Reisenden wie mir einen Ausbruch aus dem dichten und dichtbevölkerten urbanen Dschungel daheim verspricht.

 


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