Authentische Führungen durchs Paradies

Mein Freiwilligendienst ist im Paradies. Das haben mir zumindest alle neidisch gesagt, als ich verkündete, dass ich für 10 Monate nach Madeira gehe, eine kleine portugiesische Insel im Atlantischen Ozean. Und ich muss sagen, ich find’s hier auch paradiesisch!  Und mit mir denken tausende an Touristen das Gleiche. Die Insel wurde letztes Jahr erneut zur „World’s leading island destination“ gekürt und über eine Millionen Besucher kommen jährlich auf die Insel. Wenn diese nicht durch die Berge und an den Levadas (ein hiesiges Kanalsystem zur Wasserverteilung) wandern, tingeln sie durch Funchal, die Hauptstadt Madeiras. Und hier kommt mein Freiwilligendienst ins Spiel.

ODI, Open Door International e.V., Freiwilligenblog, Erfahrungsbericht, Blog, Auslandsaufenthalt, Freiwilligendienst, Freiwilligenarbeit, Freiwillige, soziales Projekt, Europäischer Freiwilligendienst, EFD, Erasmus+, Portugal, InaIch arbeite für die Studentenvereinigung der Universität Madeira, die es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht hat, Studierenden zu helfen, die nicht genügend finanzielle Mittel haben, um für Mensaessen, Büchergeld und Studienutensilien allgemein aufzukommen. Und davon gibt es hier leider einige. Und ein Weg an Gelder für Stipendien zu kommen ist der Tourismus, Madeiras Haupteinnahmequelle. Die Studentenvereinigung ist also im Kultursektor aktiv geworden, organisiert Konzerte, konzipiert Ausstellungen und realisiert Gebäude- und Stadtrundgänge in Funchal. Und um perfekt mit den Touristen aus aller Welt (okay, vor allem aus Großbritannien, Deutschland und Frankreich) kommunizieren zu können, werden in diesen Führungen auch internationale Freiwillige eingesetzt.

Als ich also Bekannten und Freunden erzählte, dass ich nicht zum Faulenzen nach Madeira gehe, sondern für einen Freiwilligendienst in dem ich unter anderem Stadtführungen machen werde, wurde ich erst mal verdutzt angeguckt. „Stadtführungen? Aber du kennst doch die Stadt gar nicht.“. Das stimmte in der Tat und auch ich fragte mich, wie das wohl möglich sei, sich selbst in ein neues Umfeld einzufinden und gleichzeitig darüber zu berichten als wäre man schon seit Ewigkeiten da und kenne den Ort und die Insel wie seine Westentasche. Und ist es nicht überhaupt komisch für die Urlauber nach Madeira zu fahren, etwas über portugiesische Geschichte erfahren zu wollen und dann von einer Deutschen herumgeführt zu werden? Oder von einem anderen Freiwilligen aus Finnland, Spanien, Frankreich, England oder Polen? Ist es nicht viel authentischer mit einem waschechten Madeirenser durch die Straßen von Portugals erster Überseestadt zu schlendern und seinen Geschichten zu lauschen?

ODI, Open Door International e.V., Freiwilligenblog, Erfahrungsbericht, Blog, Auslandsaufenthalt, Freiwilligendienst, Freiwilligenarbeit, Freiwillige, soziales Projekt, Europäischer Freiwilligendienst, EFD, Erasmus+, Portugal, InaDiese Zweifel beschäftigen mich anfangs. Noch dazu steht auf den roten Kapuzen-Pullis, die wir tragen „Madeiran Heritage – sharing our legacy“. Unser Kulturerbe teilen. Als mein Erbe würde ich Madeiras Geschichte und Geschehen nicht bezeichnen, zumal ich gerade erst meinen Fuß auf die Insel gesetzt hatte und überhaupt zum ersten Mal in Portugal war. In den ersten Wochen fühlte ich mich also noch etwas unwohl in diesem Pulli und mit den Touristen, die alles über die Insel erfahren wollten, die ich selbst gerade erst zu entdecken angefangen hatte.

Mein Freiwilligendienst ist nun fast vorbei, meine anfänglichen Zweifel waren sehr schnell verflogen und ich bin der Meinung dass jeder jedes Kulturerbe teilen kann und Nationalität sowie Hintergrund eines Guides nichts mit der oft gesuchten „Authentizität“ der Führung zu tun haben. Warum? Weil erstens der Großteil der Touristen ganz entzückt war, dass ich aus Deutschland komme und sie sich in ihrer Muttersprache mit mir unterhalten konnten. Noch dazu fanden sie den Freiwilligendienst sowieso eine „ganz spannende Sache“, und hatten mehr Fragen über mein Studium und meine Zukunftspläne als über die Nelkenrevolution und Piratenangriffe auf Madeira. Und zweitens, weil Stadtführungen häufig mit Geschichte zu tun haben und Geschichten müssen, wie der Name schon sagt, erzählt werden. Und ein guter Geschichtenerzähler wird man nicht durch einen lokal verankerten Stammbaum.  Man sagt zwar, die Geschichte eines Landes präge das Volk und dem will ich auch nicht komplett widersprechen. Aber wenn ich auf die Geschichte der Region blicke, in der ich geboren bin, sehe ich herzlich wenig Zusammenhang zu meiner Persönlichkeit. Man wird also nicht als Geschichtenerzähler seiner Regionalgeschichte geboren und die Tätigkeit lebt vielmehr von Rhetorik, Gestik und der Interaktion mit den Besuchern, welche eine Führung lebendig, anschaulich und greifbar machen. Oder „authentisch“, wenn man so will.

 


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